„Richard sagte, es sei nur vorübergehend. Natalie hätte Unterlagen gefunden, die sie nicht hätte sehen dürfen. Er wollte sie dazu bringen, zu schweigen.“

„Und du hast ihm geholfen?“

„Am Anfang wusste ich nicht, was er wirklich vorhatte.“

„Aber später?“

Vanessa schloss die Augen.

Diese Stille war Antwort genug.

Owen zog sein Telefon hervor und rief Martin an.

„Ich brauche dich in der Küche. Sofort.“

„Chef, ich kann nicht weg vom Tor.“

„Dann schick zwei Leute. Und Martin? Niemand lässt Richard herein.“

„Verstanden.“

Owen beendete das Gespräch und wandte sich der Luke zu. Er zog am Messinggriff, doch das Schloss hielt stand.

„Wo ist der Schlüssel?“

Vanessa zeigte auf eine kleine Schublade neben dem Vorratsschrank.

„Dort.“

Owen öffnete sie. Zwischen alten Rechnungen und Ersatzbatterien lag ein kleiner Schlüssel mit einem schwarzen Anhänger.

Er steckte ihn ins Schloss.

Doch bevor er ihn drehen konnte, ertönte Natalies Stimme von unten.

„Warte!“

Owen hielt inne.

„Was ist?“

„Nicht allein öffnen. Sie haben etwas an der Tür verändert.“

Er blickte zu Vanessa.

Sie wich zurück.

„Was hast du getan?“, fragte er.

„Ich habe nur den Zugang gesichert.“

„Was bedeutet das?“

Natalie antwortete von unten, bevor Vanessa sprechen konnte.

„Owen, hör mir zu. Hinter der zweiten Tür gibt es einen schmalen Gang. Richard hat dort Unterlagen versteckt. Du musst sie finden, bevor er sie bekommt.“

„Welche Unterlagen?“

„Die Originalverträge deines Vaters. Und die Aufzeichnungen über die Überweisungen.“

Owen spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

Die Überweisungen.

Vor sechs Monaten hatte er Unregelmäßigkeiten in den Konten seines Unternehmens entdeckt. Richard hatte ihm erklärt, es handle sich um alte Buchungen und technische Fehler. Owen hatte ihm geglaubt.

„Was beweisen die Dokumente?“, fragte er.

Natalie schwieg kurz.

Dann sagte sie:

„Dass dein Vater nicht durch einen Unfall gestorben ist.“

Owen ließ den Schlüssel beinahe fallen.

Sein Vater war vor vier Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Richard hatte damals die Beerdigung organisiert, die Geschäfte übernommen und Owen durch die schwierigsten Monate geführt.

„Du sagst, mein Onkel hatte etwas damit zu tun?“

„Ich sage, dass dein Vater vor seinem Tod wusste, was Richard vorhatte.“

Plötzlich hörten sie Schritte im Flur.

Mehrere Männer.

Owen drehte sich um. Drei Sicherheitskräfte betraten die Küche. Hinter ihnen erschien Martin Keller, dessen Gesicht ungewöhnlich angespannt war.

„Chef“, sagte er. „Wir haben ein Problem.“

„Richard?“

Martin nickte.

„Er hat verlangt, sofort mit Ihnen zu sprechen. Und er hat etwas dabei.“

„Was?“

Martin blickte kurz zu Vanessa.

„Eine gerichtliche Anordnung. Angeblich soll das Anwesen durchsucht werden.“

Owen lachte nicht. Er wurde nur noch ruhiger.

„Angeblich?“

Martin legte ihm ein Foto auf den Tisch.

Darauf war ein Dokument zu sehen, das den offiziellen Stempel einer Behörde trug. Doch die Unterschrift am unteren Rand war nicht die eines Richters.

Es war die Unterschrift von Owen selbst.

Er hatte dieses Dokument nie gesehen.

„Das ist eine Fälschung“, sagte er.

„Das vermuten wir auch“, antwortete Martin. „Aber Richard behauptet, Sie hätten damit zugestimmt, dass Natalie aus dem Haus gebracht wird.“

Owen drehte sich langsam zu Vanessa.

Sie begann zu zittern.

„Ich habe nicht gewusst, dass er deinen Namen benutzen würde“, flüsterte sie.

„Du hast zugestimmt, sie wegzubringen?“

Vanessa bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

„Er sagte, Natalie würde uns alle zerstören. Er sagte, sie hätte Beweise gegen die Familie und würde Sophie mitnehmen.“

„Also hast du sie eingeschlossen.“

„Ich dachte, er würde sie nach ein paar Tagen freilassen.“

Aus dem Keller kam ein schwaches Geräusch.

Dreimal.

Pause.

Zweimal.

Owen schloss für einen Augenblick die Augen.

Natalie war noch da.

Und sie hatte elf Monate lang auf ihn gewartet.

„Martin“, sagte er. „Sorge dafür, dass Sophie sicher bleibt. Niemand kommt in ihre Nähe. Niemand.“

„Verstanden.“

Owen wandte sich wieder der Luke zu. Diesmal drehte er den Schlüssel.

Das Schloss klickte.

Er hob die schwere Holzklappe langsam an. Kalte Luft strömte aus der Öffnung. Darunter führte eine schmale Treppe in die Dunkelheit.

„Natalie?“

„Hier.“

Ihre Stimme kam aus der Tiefe.

Owen nahm eine Taschenlampe vom Regal und setzte den ersten Fuß auf die Treppe. Martin wollte ihm folgen, doch Owen hob die Hand.

„Bleib oben.“

„Chef, das ist keine gute Idee.“

„Ich muss sie sehen.“

Er stieg hinab.

Unten roch es nach Desinfektionsmittel und abgestandener Luft. An den Wänden verliefen alte Wasserleitungen. Am Ende des Ganges befand sich eine zweite Tür, deren Lack an mehreren Stellen abgeblättert war.

Owen ging darauf zu.

„Natalie?“

„Ich bin hier.“

Er legte die Hand auf die Klinke.

Dann hörte er hinter sich ein leises Geräusch.

Jemand hatte die Luke oben geschlossen.

Owen fuhr herum.

„Martin?“

Keine Antwort.

Er griff nach seinem Telefon, doch in diesem Moment erschien eine Nachricht auf dem Display.

**UNBEKANNTE NUMMER: Wenn du deine Frau lebend wiedersehen willst, öffne nicht die zweite Tür.**

Owen starrte auf den Bildschirm.

Dann kam eine zweite Nachricht.

**UNBEKANNTE NUMMER: Richard ist nicht der Einzige, der weiß, was damals passiert ist.**