
Adrian wich so abrupt zurück, dass er gegen den kleinen Tisch hinter ihm stieß. Ein silberner Kerzenhalter fiel zu Boden und zerbrach mit einem lauten Geräusch.
Er starrte die junge Frau an, als hätte er gerade einen Geist gesehen.
„Nein …“, flüsterte er. „Das ist unmöglich.“
Eleonora stand regungslos vor ihm. Ihr Gesicht war blass, ihre Augen glänzten, doch sie versuchte, ihre Fassung zu bewahren.
„Ich wusste, dass Ihr so reagieren würdet.“
Der König schüttelte den Kopf.
„Du … du kannst nicht sie sein.“
„Mein Name ist Eleonora.“
„Nein!“, rief Adrian. „Ich kenne dieses Gesicht. Ich habe es zehn Jahre lang auf einem Bild gesehen. Ich habe an deinem Grab gestanden!“
Er ging einige Schritte auf sie zu, blieb dann aber wieder stehen. Seine Hände zitterten.
Denn vor ihm stand eine Frau, die genauso aussah wie Amalia von Rosenberg – die junge Adlige, die er einst geliebt hatte und die vor zehn Jahren bei einem Brand im alten Sommerpalast ums Leben gekommen sein sollte.
Damals war Adrian noch Kronprinz gewesen. Amalia war seine engste Vertraute, seine Freundin aus Kindertagen und die einzige Person am Hof, die ihm widersprach, ohne Angst vor seinen Reaktionen zu haben.
Sie hatte ihn nicht wegen seiner Krone geliebt.
Sie hatte ihn geliebt, als er noch ein junger Mann war, der manchmal an seinen eigenen Entscheidungen zweifelte.
Doch eines Nachts war der alte Sommerpalast in Flammen aufgegangen. Amalia war verschwunden. Man hatte später persönliche Gegenstände gefunden, die angeblich ihre Identität bestätigten. Die Berater erklärten sie für tot.
Adrian hatte tagelang nach ihr suchen lassen.
Als schließlich keine Spur gefunden wurde, hatte sein Vater ihm verboten, weiter nachzuforschen.
„Warum hast du mir das angetan?“, fragte er mit brüchiger Stimme. „Warum hast du dich als eine fremde Frau ausgegeben?“
Eleonora senkte den Blick.
„Weil ich nicht wusste, ob ich Euch noch vertrauen konnte.“
Adrian sah sie fassungslos an.
„Du hättest einfach zu mir kommen können!“
„Und was wäre dann geschehen?“, fragte sie leise. „Hätte man mich wieder verschwinden lassen? Hätte man mich erneut für tot erklärt? Oder hätte man mich diesmal endgültig daran gehindert, die Wahrheit zu erzählen?“
Der König schwieg.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte jemand ihm eine Frage gestellt, auf die er keine Antwort wusste.
Eleonora ging zum Fenster und blickte in den dunklen Innenhof.
„Ich war nicht hier, um Königin zu werden, Adrian. Ich bin hierhergekommen, weil ich wissen musste, wer damals dafür gesorgt hat, dass ich aus Eurem Leben verschwunden bin.“
„Was meinst du damit?“
Sie drehte sich um.
„Der Brand im Sommerpalast war kein Unglück.“
Adrian erstarrte.
„Was?“
„In jener Nacht sollte ich den Palast verlassen. Ich hatte einen Brief erhalten, in dem stand, dass Ihr mich heimlich treffen wolltet. Als ich dort ankam, war niemand da. Kurz darauf brach das Feuer aus.“
„Wer hat dir diesen Brief geschickt?“
„Das weiß ich bis heute nicht. Aber ich weiß, dass ich beobachtet wurde.“
Eleonora erzählte, dass ein alter Diener sie durch einen Seiteneingang aus dem Gebäude gebracht hatte. Er hatte sie anschließend zu einer Familie in einem entfernten Dorf gebracht und ihr eingeschärft, ihren richtigen Namen nicht mehr zu benutzen.
Sie hatte gehofft, nach einigen Wochen zurückkehren zu können.
Doch dann hatte sie erfahren, dass man sie offiziell für tot erklärt hatte. Noch schlimmer: Am Hof verbreitete sich das Gerücht, sie habe geheime Informationen an einen Feind des Königreichs weitergegeben.
„Niemand hätte mir geglaubt“, sagte sie. „Ich hatte keine Beweise und keine einflussreiche Familie mehr, die mich hätte schützen können.“
Adrian ballte die Hände.
„Wer hat diese Lügen verbreitet?“
„Euer damaliger engster Berater. Herzog von Falkenried.“
Der König blickte sie ungläubig an.
Herzog Falkenried war noch immer einer der mächtigsten Männer am Hof. Er hatte Adrian nach dem Tod seines Vaters beraten, wichtige Verträge ausgehandelt und ihm bei zahlreichen politischen Entscheidungen zur Seite gestanden.
„Das kann nicht sein“, sagte Adrian. „Er hat mir damals geholfen, dich zu suchen.“
„Genau deshalb habe ich so lange geschwiegen.“
Eleonora griff in die Innentasche ihres Kleides und holte ein kleines, vergilbtes Stück Papier hervor.
„Das habe ich damals aus dem alten Palast mitgenommen.“
Adrian nahm es entgegen.
Es war ein Teil eines Briefes. Die Tinte war an einigen Stellen verblasst, doch eine Unterschrift war noch deutlich zu erkennen.
Falkenried.
Der König las die wenigen erhaltenen Zeilen immer wieder.
„Warum hast du mir das nicht früher gezeigt?“
„Weil dieser Brief allein nichts beweist. Aber ich habe noch etwas.“
Sie zog einen kleinen goldenen Anhänger hervor. Er zeigte das königliche Wappen, auf dessen Rückseite ein winziger Buchstabe eingraviert war: ein A.
Adrian erkannte ihn sofort.
Es war ein Geschenk, das er Amalia an ihrem letzten gemeinsamen Geburtstag gemacht hatte.
„Du hast ihn all die Jahre behalten“, sagte er.
„Ich habe nie aufgehört, mich an Euch zu erinnern.“
Für einen Augenblick standen sie schweigend voreinander.
Dann fragte Adrian:
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