„Warum hast du ausgerechnet am Brautwettbewerb teilgenommen?“
Eleonora antwortete nicht sofort.
„Weil ich wusste, dass Ihr irgendwann eine Königin wählen müsstet. Und weil Herzog Falkenried jeden Tag mehr Einfluss auf Eure Entscheidungen gewann. Wenn ich als einfache Frau vor den Palast getreten wäre, hätte man mich wahrscheinlich sofort fortgeschickt. Aber als Kandidatin für die Krone musste man mich zumindest anhören.“
Adrian sah sie lange an.
„Du hast also alles riskiert, nur um die Wahrheit herauszufinden?“
„Ich habe zehn Jahre lang darauf gewartet, dass jemand die richtigen Fragen stellt. Doch niemand tat es.“
Plötzlich ertönte ein lautes Klopfen an der Tür.
„Eure Majestät!“, rief eine vertraute Stimme. „Wir müssen sofort mit Euch sprechen!“
Adrian erkannte die Stimme.
Herzog Falkenried.
Er blickte zu Eleonora. Sie wurde schlagartig blass.
„Er weiß, dass ich hier bin“, flüsterte sie.
„Woher sollte er das wissen?“
„Weil er mich damals schon erkannt hat. Ich habe ihn am ersten Tag im Palast gesehen. Er hat nur so getan, als würde er mich nicht kennen.“
Das Klopfen wurde lauter.
„Eure Majestät, öffnet bitte die Tür! Es geht um die Sicherheit des Königreichs!“
Adrian stellte sich vor Eleonora.
„Niemand wird dich noch einmal fortschicken.“
Dann öffnete er die Tür.
Der Herzog trat ein, gefolgt von zwei Wachen. Sein Blick fiel zuerst auf den König und dann auf Eleonora.
Für den Bruchteil einer Sekunde verlor er seine Fassung.
Es war nur ein winziger Moment.
Doch Adrian bemerkte ihn.
„Guten Abend, Herzog“, sagte der König ungewöhnlich ruhig. „Ich glaube, Ihr kennt meine Frau.“
Falkenried verbeugte sich.
„Eure Majestät, ich weiß nicht, was Ihr meint.“
„Dann erklärt mir bitte, warum Ihr gerade so blass geworden seid.“
Der Herzog richtete sich auf.
„Diese Frau ist eine Betrügerin. Sie hat Euch getäuscht und sich unter falschem Namen Zugang zum Palast verschafft. Sie darf nicht hierbleiben!“
Eleonora machte einen Schritt nach vorn.
„Ihr habt vor zehn Jahren behauptet, ich sei tot.“
Der Herzog wurde still.
„Ihr habt meinen Namen beschmutzt und dafür gesorgt, dass niemand nach mir suchte.“
„Das sind absurde Anschuldigungen!“, rief er.
Adrian hob die Hand.
„Genug.“
Seine Stimme war nicht laut, aber die beiden Wachen erstarrten sofort.
„Ich möchte wissen, warum Ihr diese Frau für eine Betrügerin haltet, aber gleichzeitig nicht erklären könnt, weshalb Ihr sie offenbar wiedererkannt habt.“
Falkenried versuchte, eine Antwort zu finden.
Doch bevor er sprechen konnte, öffnete sich die Tür erneut.
Ein älterer Mann trat ein. Es war Graf Wilhelm, der ehemalige Verwalter des Sommerpalastes. Er hatte sich vor Jahren aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen und lebte seitdem auf einem kleinen Landsitz.
Adrian kannte ihn seit seiner Kindheit.
„Verzeiht die Störung, Eure Majestät“, sagte der alte Mann. „Aber ich habe gehört, dass Eleonora wieder im Palast ist.“
Der König drehte sich überrascht zu ihm.
„Ihr kennt sie ebenfalls?“
Graf Wilhelm nickte langsam.
„Ich war in jener Nacht im Sommerpalast. Und ich habe lange geschwiegen, weil ich Angst hatte.“
Er blickte zu Falkenried.
„Aber ich kann nicht länger zulassen, dass die Wahrheit begraben bleibt.“
Der Herzog trat einen Schritt zurück.
„Überlegt Euch gut, was Ihr sagt, alter Mann.“
„Das habe ich zehn Jahre lang getan“, erwiderte Wilhelm. „Und jeden Tag habe ich es bereut.“
Der Graf erklärte, dass er damals einen zweiten Brief gefunden hatte. Darin stand, dass Amalia den König über einen geheimen Vertrag informieren wollte, der dem Herzog und einigen seiner Verbündeten große Vorteile verschafft hätte.
Als sie sich weigerte, ihre Unterschrift unter die Vereinbarung zu setzen, wurde sie zur Gefahr für deren Pläne.
Der Brand sollte alle Beweise vernichten und gleichzeitig dafür sorgen, dass Amalia für immer aus dem Weg war.
Doch Wilhelm hatte sie damals aus dem Palast gebracht.
„Warum habt Ihr das nicht früher gesagt?“, fragte Adrian.
Der alte Graf senkte den Kopf.
„Weil ich nicht wusste, wem ich vertrauen konnte. Der Herzog kontrollierte damals die königlichen Wachen. Ich hatte Angst, dass nicht nur ich, sondern auch meine Familie in Gefahr geraten würde.“
Adrian sah zu Falkenried.
„Ist das wahr?“
Der Herzog schwieg.
Dann sagte er mit eisiger Stimme:
„Eure Majestät, Ihr solltet Euch daran erinnern, wer Euch in den vergangenen Jahren gedient hat. Diese Frau ist eine Gefahr für die Krone. Wenn Ihr ihr glaubt, stellt Ihr Eure gesamte Herrschaft infrage.“
Adrian trat einen Schritt näher.
„Nein, Herzog. Ich stelle nicht meine Herrschaft infrage. Ich stelle Eure Loyalität infrage.“
Er befahl den Wachen, den Herzog vorläufig unter Aufsicht zu stellen und sämtliche alten königlichen Dokumente durch unabhängige Personen prüfen zu lassen.
Falkenried widersetzte sich zunächst mit lauten Protesten, doch als Graf Wilhelm einen zweiten Umschlag auf den Tisch legte, verstummte er.
Darin befanden sich mehrere alte Schriftstücke und eine Liste von Zahlungen, die über Jahre hinweg aus der königlichen Schatzkammer verschwunden waren.
Nun hatte Adrian endlich einen Grund, die Vergangenheit offiziell untersuchen zu lassen.
Als die Wachen den Herzog hinausführten, blieb der König mit Eleonora und Graf Wilhelm zurück.
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