ihm und nahm ihn vorsichtig in die Arme.

Ben klammerte sich an ihren Pullover.

„Es tut mir leid“, wiederholte sie immer wieder. „Es tut mir so leid.“

Mark beobachtete die beiden. Doch er bemerkte auch, dass Ben bei jeder lauteren Bewegung zusammenzuckte.

Die Krankenschwester bat Sabine, sich etwas zurückzunehmen, damit das Kind in Ruhe untersucht werden konnte.

Mark sprach mit ihr in einem separaten Raum.

„Frau Keller, ich muss verstehen, was heute passiert ist.“

Sabine wischte sich die Tränen ab.

„Mein Mann ist vor zwei Jahren gestorben. Seitdem versuche ich, alles allein zu schaffen. Mein Bruder Thomas hat mir oft geholfen. Heute sollte er Ben nur für ein paar Stunden betreuen.“

„Und wo war Ihr Bruder?“

Sabine blickte auf ihre Hände.

„Er sagte, er müsse kurz etwas erledigen. Als ich zurückkam, waren beide nicht mehr da. Ich habe ihn angerufen, aber er ging nicht ans Telefon.“

Mark fragte nach der Adresse des Bruders.

Sabine nannte sie sofort.

Die Wahrheit hinter der verschlossenen Tür

Zwei Beamte fuhren zur angegebenen Adresse.

Die Wohnung war leer. Auf dem Tisch standen noch ein Teller und ein halb volles Glas. Doch etwas anderes fiel den Polizisten auf: Neben der Eingangstür lag eine kleine Kindersandale.

Sie passte zu Bens Kleidung.

Die Beamten sicherten die notwendigen Informationen und versuchten, Thomas zu erreichen.

Am Abend meldete er sich schließlich selbst bei der Polizei.

Seine Erklärung war widersprüchlich. Zunächst behauptete er, Ben sei die ganze Zeit bei ihm gewesen. Dann sagte er, er habe den Jungen nur kurz aus den Augen verloren.

Als Mark ihn darauf ansprach, dass Ben offenbar schon längere Zeit allein unterwegs gewesen war, wurde Thomas nervös.

„Ich wollte doch nur helfen“, sagte er.

„Dann erklären Sie mir bitte, warum Sie die Mutter nicht sofort informiert haben.“

Thomas schwieg.

Schließlich gab er zu, dass er mit Ben einen Streit mit Sabine gehabt hatte. Er hatte das Kind mitgenommen, obwohl sie dem nicht zugestimmt hatte. Als Ben unbemerkt das Haus verlassen hatte, geriet er in Panik und versuchte zunächst, die Situation zu verbergen.

Für Mark war klar: Das musste gründlich untersucht werden. Sabine und Ben brauchten jetzt Schutz und Unterstützung, und Thomas musste sich für sein Verhalten verantworten.

Das Geheimnis im Krankenhauszimmer

Später kehrte Mark zu Ben zurück.

Der Junge saß inzwischen im Bett und hielt den Stoffhund fest.

„Ben“, sagte Mark vorsichtig, „du bist jetzt in Sicherheit. Die Ärzte kümmern sich um dich. Und deine Mama ist hier.“

Ben sah ihn lange an.

Dann deutete er auf Marks Polizeimarke.

„Polizei?“

„Ja“, antwortete Mark. „Ich bin Polizist.“

Der Junge überlegte kurz.

„Du hast mich gefunden.“

Mark nickte.

„Ja. Und ich bin froh, dass ich dich gesehen habe.“

Ben senkte den Blick. Dann griff er in die Tasche seines kleinen Rucksacks und holte ein zerknittertes Foto heraus.

Darauf waren er, seine Mutter und ein Mann zu sehen.

Mark erkannte sofort, dass es sich um Thomas handelte.

Doch auf der Rückseite stand eine handschriftliche Nachricht:

„Wenn Ben wieder allein ist, soll er zu dem Mann mit dem blauen Abzeichen gehen.“

Mark betrachtete das Foto verwundert.

„Ben, wer hat das geschrieben?“

Der Junge zeigte auf seine Mutter.

Sabine wurde kreidebleich, als sie die Nachricht sah.

„Das … das habe ich geschrieben“, flüsterte sie.

Mark sah sie fragend an.

Sie atmete tief durch.

„Ich hatte schon vor einiger Zeit Angst, dass Thomas irgendwann eine Grenze überschreiten könnte. Ich wollte Ben erklären, dass er sich an einen Polizisten wenden darf, wenn er sich verirrt oder Angst hat.“

Mark blickte zu dem kleinen Jungen.

Ben hatte nicht zufällig den Polizisten aufgesucht.

Er hatte sich an das erinnert, was seine Mutter ihm beigebracht hatte.

Sabine nahm seine Hand.

„Du hast alles richtig gemacht, mein Schatz.“

Mark stand am Fenster und sah hinaus auf die dunkler werdende Straße. Er dachte daran, wie leicht er an diesem Nachmittag hätte vorbeifahren können.

Doch dann kam eine letzte Frage auf.

Warum hatte Thomas ausgerechnet diesen Jungen mitgenommen – und was hatte er vorgehabt, bevor Ben allein auf der Straße auftauchte?

Die Ermittlungen standen erst am Anfang.

Am nächsten Morgen erhielt Mark einen Anruf von seiner Kollegin.

„Wir müssen noch einmal über Thomas sprechen“, sagte sie. „Seine Aussagen passen nicht zusammen. Und wir haben etwas gefunden, das du wissen solltest.“

Mark stellte seine Kaffeetasse ab.

„Was genau?“

„In seiner Wohnung lag ein Ordner mit Unterlagen von Sabines verstorbenem Mann. Darunter befinden sich Dokumente zu einer Lebensversicherung und zum Haus der Familie.“

Mark wurde aufmerksam.

„Hat Thomas versucht, an das Geld zu kommen?“

„Das wissen wir noch nicht. Aber Sabine sollte davon erfahren. Wir haben außerdem einen Termin mit ihr vereinbart.“

Eine Mutter, die zu lange geschwiegen hatte

Als Mark später im Krankenhaus eintraf, saß Sabine neben Bens Bett. Der kleine Junge malte mit Buntstiften auf einem Blatt Papier.

„Wie geht es ihm?“, fragte Mark.