„Das kann nicht sein“, flüsterte sie.

Daniel sah sie überrascht an.

„Kennen Sie diese Nachricht?“

Emma schüttelte den Kopf.

„Nein. Aber ich erkenne die Handschrift meines Vaters.“

Mit zitternden Fingern wählte sie die Nummer.

Nach mehreren Sekunden meldete sich eine ältere Männerstimme.

„Hallo?“

„Mein Name ist Emma. Ich habe einen Zettel gefunden, auf dem diese Nummer steht. Er stammt von meinem Vater.“

Am anderen Ende wurde es still.

Dann fragte der Mann:

„Ist Rex bei Ihnen?“

„Ja. Er ist im Krankenhaus.“

Der Mann atmete hörbar aus.

„Dann ist etwas passiert, wovor Ihr Vater immer Angst hatte.“

Emma spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

„Was meinen Sie damit?“

„Ihr Vater hat mir vor seinem Tod etwas anvertraut. Er sagte, dass Rex eines Tages möglicherweise eine Situation erkennen würde, die andere Menschen übersehen. Er wollte, dass ich Ihnen dann eine Nachricht überbringe.“

Emma blickte auf ihren Hund.

Rex lag inzwischen ruhig neben ihr und hatte seine Augen geschlossen.

„Welche Nachricht?“, fragte sie.

Der Mann antwortete mit leiser Stimme:

„Ihr Vater wusste, dass Sie eines Tages Mutter werden würden. Und er hat etwas über Ihre Schwangerschaft erfahren, das er Ihnen damals nicht mehr persönlich erzählen konnte.“

Emma begann zu weinen.

„Was hat er gewusst?“

Der Mann schwieg kurz.

Dann sagte er:

„Sie müssen unbedingt die alte Mappe finden, die er Ihnen hinterlassen hat. Darin befindet sich ein Brief Ihrer Mutter. Ihr Vater hat ihn all die Jahre aufbewahrt, weil er nicht wusste, ob er Ihnen die Wahrheit sagen durfte.“

Emma wurde blass.

Ihre Mutter war bereits gestorben, als sie noch sehr jung gewesen war. Über die letzten Monate ihres Lebens hatte ihr Vater kaum gesprochen.

„Was steht in diesem Brief?“, fragte sie.

„Das kann ich Ihnen am Telefon nicht erklären. Aber eine Sache muss ich Ihnen sagen: Ihr Vater hat Rex nicht zufällig zu Ihnen gebracht. Er wollte, dass Sie niemals allein sind, wenn Sie seine Vergangenheit eines Tages verstehen müssen.“

In diesem Augenblick öffnete Rex die Augen und hob den Kopf.

Er blickte zur Tür.

Dort stand plötzlich eine Frau in einem dunklen Mantel. Sie war offenbar schon einige Minuten im Flur gewesen und hatte das Gespräch mitgehört.

Als Emma sie sah, erstarrte sie.

„Mama?“

Die Frau trat langsam ins Zimmer.

Emma konnte ihren Augen kaum trauen.

Es war ihre Tante Maria, die Schwester ihrer verstorbenen Mutter. Seit vielen Jahren hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt.

Maria sah zunächst Emma und dann Rex an.

„Ich wusste, dass dieser Tag irgendwann kommen würde“, sagte sie leise.

„Warum bist du hier? Und was weißt du über den Brief meiner Mutter?“

Maria setzte sich vorsichtig auf den Stuhl neben dem Bett.

„Dein Vater hat mich damals gebeten, mich aus deinem Leben herauszuhalten. Aber jetzt, wo du selbst ein Kind erwartest, kann ich nicht länger schweigen.“

Sie griff in ihre Tasche und holte einen alten, gefalteten Brief hervor.

Auf dem Umschlag stand:

„Für Emma – wenn sie selbst eine Familie gründet.“

Emma nahm den Brief entgegen. Ihre Hände zitterten.

Doch bevor sie ihn öffnen konnte, betrat Dr. Laura Schneider erneut das Zimmer.

„Frau Emma, wir haben neue Untersuchungsergebnisse. Wir müssen mit Ihnen über eine wichtige Entscheidung sprechen.“

Maria legte Emma beruhigend eine Hand auf die Schulter.

Rex richtete sich auf und blieb dicht an ihrer Seite.

Emma blickte abwechselnd auf den Brief ihrer Mutter und die Ärztin.

An diesem Morgen hatte sie geglaubt, dass sie lediglich wegen ihrer Bauchschmerzen ins Krankenhaus gekommen war. Jetzt stand sie plötzlich vor zwei großen Geheimnissen: der ungeklärten Situation ihrer Schwangerschaft und einer Familiengeschichte, die ihr Vater offenbar bis zu seinem Tod verborgen gehalten hatte.

Und während die Ärztin begann, die Untersuchungsergebnisse zu erklären, bemerkte Emma etwas auf dem alten Umschlag.

Unter dem Namen ihrer Mutter stand eine zweite Zeile, die bisher von der Falte des Papiers verdeckt gewesen war:

„Dein Vater war nicht der Einzige, der wusste, dass Rex dich eines Tages beschützen würde.“

Emma hob langsam den Blick.

Maria wurde kreidebleich.

„Was bedeutet dieser Satz?“, fragte Emma.

Ihre Tante antwortete nicht sofort. Dann flüsterte sie:

„Weil Rex damals schon einmal jemanden aus unserer Familie gerettet hat. Und diese Person lebt noch.“

Doch wer war damals in Gefahr gewesen? Warum hatte Emmas Vater den Hund mit diesem Geheimnis verbunden? Und was wollte ihre Mutter ihr unbedingt sagen, bevor ihr Kind geboren wurde?

Die wichtigste Frage aber blieb: Wird Emma die Wahrheit erfahren, während sie und ihr ungeborenes Baby unter ärztlicher Beobachtung stehen?

„Maria, bitte. Ich kann nicht länger warten. Sag mir endlich, wer damals gerettet wurde!“

Emma hielt den Brief ihrer Mutter fest umklammert. Ihre Augen wanderten zwischen ihrer Tante und Dr. Laura Schneider hin und her. Die Ärztin hatte inzwischen die Untersuchungsergebnisse überprüft und versichert, dass Emma weiterhin sorgfältig überwacht werde. Doch die geheimnisvollen Worte ihrer Tante ließen sie nicht los.