Im Raum wurde es still.

Krüger blickte zu Keller, der am hinteren Ende des Raumes saß.

„Ich sehe keinen Grund, diese Diskussion hier fortzuführen.“

Keller stand auf.

„Dann sollten wir vielleicht über die Dokumente sprechen, die inzwischen bei der Eigentümergemeinschaft eingegangen sind.“

Er öffnete seine Mappe.

„Mehrere Bewohner haben Belege vorgelegt, die den behaupteten Zahlungsrückständen widersprechen. Außerdem liegen uns Unterlagen vor, die Fragen zur Verwaltung bestimmter Zahlungen und zur geplanten Übertragung der Immobilie aufwerfen.“

Krüger wurde blass.

„Das sind vertrauliche Dokumente.“

„Das bedeutet nicht, dass sie nicht geprüft werden dürfen.“

„Sie haben keine Ahnung, was hier vor sich geht!“

„Dann erklären Sie es uns“, sagte Keller ruhig.

Krüger öffnete den Mund.

Doch bevor er antworten konnte, ging die Tür auf.

Eine ältere Frau trat ein.

Sie trug einen dunkelblauen Mantel und stützte sich auf einen schlichten Gehstock. Ihr silbernes Haar war ordentlich zurückgebunden.

Krüger erstarrte.

„Frau Berger?“

Die Frau ignorierte ihn.

Sie ging direkt zum Tisch, legte eine Mappe darauf und wandte sich an die Bewohner.

„Mein Name ist Anna Berger. Ich habe das Gebäude vor mehr als dreißig Jahren mit meinem Mann gekauft.“

Ein Raunen ging durch den Raum.

Daniel hatte den Namen schon einmal gehört.

Frau Berger war die ursprüngliche Eigentümerin des Hauses gewesen. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie sich aus der Verwaltung zurückgezogen.

„Ich bin nicht hier, um über Gerüchte zu sprechen“, fuhr sie fort. „Ich bin hier, weil ich heute erfahren habe, dass mein Name in Unterlagen verwendet wird, die ich nie genehmigt habe.“

Sie öffnete ihre Mappe und zog einen Vertrag hervor.

„Vor einigen Monaten sollte das Gebäude angeblich im Rahmen einer neuen Verwaltungsvereinbarung übertragen werden. Ich habe dieser Vereinbarung jedoch nie zugestimmt.“

Krüger machte einen Schritt nach vorne.

„Das ist ein Missverständnis.“

Frau Berger sah ihn an.

„Dann können Sie sicher erklären, warum sich auf diesem Dokument eine Unterschrift befindet, die meiner ähnelt, obwohl ich es nie unterzeichnet habe.“

Niemand sprach.

Keller nahm eine Kopie entgegen.

„Wir werden das Dokument fachlich prüfen lassen.“

Frau Berger nickte.

„Das erwarte ich.“

Dann wandte sie sich an die Bewohner.

„Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass alle Probleme sofort gelöst werden. Aber ich kann Ihnen versprechen, dass ich keine Entscheidung über dieses Haus treffen werde, ohne dass die Angelegenheit ordnungsgemäß geprüft wird.“

Daniel spürte, wie sich die Stimmung im Raum veränderte.

Zum ersten Mal seit Tagen schienen die Bewohner nicht mehr allein zu sein.

Krüger blickte von einem Gesicht zum nächsten.

Seine Sicherheit war verschwunden.

Doch während alle auf die Unterlagen sahen, griff er nach seiner Aktentasche.

Er bewegte sich in Richtung Tür.

„Herr Krüger“, sagte Keller.

Der Vermieter blieb stehen.

„Wir sind noch nicht fertig.“

„Ich habe einen anderen Termin.“

„Dann können Sie uns sicherlich sagen, wann Sie für weitere Fragen zur Verfügung stehen.“

Krüger antwortete nicht.

Er verließ den Raum.

Diesmal folgte ihm niemand.

Daniel sah ihm nach und dachte an die dunkle Wohnung, an den höhnischen Anruf und an die Drohung, die er in seinem Briefkasten gefunden hatte.

Er hatte geglaubt, die einzige Möglichkeit bestehe darin, sich zu wehren.

Jetzt verstand er, dass es manchmal wichtiger war, die richtigen Fragen zu stellen und die Wahrheit gemeinsam ans Licht zu bringen.

Doch die Geschichte war noch lange nicht vorbei.

Denn als Frau Berger ihre Unterlagen wieder einpackte, fiel ein kleiner Zettel aus der Mappe.

Daniel hob ihn auf.

Darauf stand eine Adresse.

Dieselbe Adresse, die Lena in ihren Dokumenten gefunden hatte.

Und darunter eine handschriftliche Nachricht:

Wenn Sie wissen wollen, wer wirklich hinter der geplanten Übertragung steckt, suchen Sie nach dem Namen auf der letzten Seite.

Daniel drehte den Zettel um.

Auf der Rückseite stand ein Name, den niemand im Raum erwartet hatte.

Martin Keller.

Daniel blickte zum Anwalt.

Keller sah den Zettel.

Für einen kurzen Augenblick verlor auch er die Fassung.

Dann sagte er leise:

„Das kann nicht stimmen.“

Und plötzlich wusste Daniel nicht mehr, wem er noch vertrauen konnte.

Fortsetzung folgt …