Kapitel 2: Als die Wahrheit an die Tür klopfte
Es war kurz nach sieben Uhr morgens, als jemand gegen die Wohnungstür klopfte.
Der Mieter, dessen Name Daniel war, hatte kaum geschlafen. Die Nacht war lang gewesen. Ohne Strom hatte er seine Lebensmittel in Kisten gepackt, die er vorübergehend auf den kühlen Balkon gestellt hatte. Sein Telefon hatte er an einer Powerbank geladen, und während die Wohnung im Dunkeln lag, hatte er jede einzelne Nachricht seines Vermieters noch einmal gelesen.
Daniel war kein Mensch, der Streit suchte.
Er arbeitete als technischer Zeichner, bezahlte seine Miete regelmäßig und kümmerte sich um seine Wohnung. Seit drei Jahren lebte er in dem kleinen Apartment im dritten Stock. Anfangs hatte er geglaubt, mit seinem Vermieter, Herrn Krüger, Glück gehabt zu haben.
Krüger hatte freundlich gewirkt. Er hatte Daniel sogar versprochen, dass er sich in dem Haus wie zu Hause fühlen könne.
Doch mit der Zeit hatte sich alles verändert.
Zuerst war die Miete gestiegen. Dann wurden Reparaturen verschoben. Ein undichtes Fenster blieb monatelang unberührt. Als im Badezimmer ein Rohr leckte, hatte Krüger Daniel erklärt, er solle sich nicht so anstellen.
Und nun hatte er auch noch den Strom abstellen lassen.
Daniel öffnete die Tür.
Draußen stand ein Mann Mitte fünfzig in einem dunkelgrauen Mantel. Unter dem Arm trug er eine Ledermappe.
„Guten Morgen. Sind Sie Daniel Weber?“
„Ja. Wer sind Sie?“
Der Mann zeigte einen Ausweis.
„Mein Name ist Martin Keller. Ich bin Rechtsanwalt und vertrete die Eigentümergemeinschaft dieses Hauses.“
Daniel runzelte die Stirn.
„Die Eigentümergemeinschaft? Was hat das mit mir zu tun?“
Keller blickte kurz den Flur hinunter.
„Ich würde das lieber drinnen erklären. Es geht um Ihren Vermieter.“
Daniel ließ ihn eintreten.
Der Anwalt sah sich in der Wohnung um. Als er bemerkte, dass die Lampen nicht funktionierten, zog er die Augenbrauen hoch.
„Ist der Strom schon länger abgeschaltet?“
„Seit gestern Abend.“
„Und wer hat das veranlasst?“
„Herr Krüger. Er hat mich sogar angerufen und gesagt, dass es so lange dunkel bleiben würde, bis ich mich an seine Regeln halte.“
Keller holte ein Notizbuch hervor.
„Haben Sie diese Aussage schriftlich?“
Daniel nahm sein Telefon.
„Die Nachricht habe ich. Und auch die Anrufliste.“
Der Anwalt las die Nachricht sorgfältig.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Das ist interessant.“
„Was bedeutet das?“
Keller schloss das Notizbuch.
„Das bedeutet, dass wir uns dringend ansehen müssen, was hier tatsächlich vor sich geht.“
Daniel spürte, wie sich seine Anspannung verstärkte.
„Wollen Sie mir sagen, dass Herr Krüger nicht nur mir Probleme macht?“
Der Anwalt antwortete nicht sofort.
Stattdessen öffnete er seine Ledermappe und legte mehrere Dokumente auf den Tisch.
Oben lag eine Kopie des Grundbuchauszugs.
Darunter befanden sich Rechnungen, Schreiben und eine Liste mit Namen.
Daniel überflog die erste Seite.
Dann die zweite.
Auf der dritten blieb er hängen.
Seine Wohnung war in einem Dokument aufgeführt, das mit einer angeblich unbezahlten Stromrechnung zusammenhing.
Doch Daniel hatte seine Stromkosten immer selbst bezahlt.
„Das kann nicht stimmen“, sagte er. „Ich habe meine Rechnungen nie ignoriert.“
„Das glaube ich Ihnen“, erwiderte Keller. „Genau deshalb bin ich hier.“
Er deutete auf einen Abschnitt am unteren Rand.
„Die Eigentümergemeinschaft hat vor einigen Wochen erfahren, dass Herr Krüger wiederholt Beschwerden über angeblich säumige Mieter eingereicht hat. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass er Zahlungen falsch zugeordnet haben könnte.“
Daniel sah ihn ungläubig an.
„Er behauptet, wir würden nicht bezahlen, obwohl wir es tun?“
„Das müssen wir noch prüfen. Ich möchte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Aber mehrere Bewohner haben ähnliche Unterlagen vorgelegt.“
Daniel lehnte sich zurück.
Plötzlich ergaben viele Dinge einen Sinn.
Die seltsamen Mahnungen.
Die widersprüchlichen Abrechnungen.
Die Gespräche, in denen Krüger immer wieder behauptet hatte, Daniel schulde ihm Geld, obwohl Daniel Überweisungsbelege vorgelegt hatte.
„Warum hat niemand etwas unternommen?“, fragte Daniel.
„Weil die meisten Bewohner Angst hatten, ihre Wohnungen zu verlieren.“
Daniel schwieg.
Er kannte diese Angst.
Er hatte selbst überlegt, ob er einfach ausziehen sollte. Eine neue Wohnung zu finden war teuer, und er wollte nicht riskieren, plötzlich ohne Unterkunft dazustehen.
Doch jetzt wurde ihm klar, dass sein Schweigen das Problem nicht lösen würde.
„Was kann ich tun?“
Keller schob ihm eine Visitenkarte zu.
„Zunächst einmal: Bewahren Sie alle Unterlagen auf. Antworten Sie schriftlich auf Forderungen, die Sie nicht nachvollziehen können. Und lassen Sie sich nicht zu etwas drängen, das Sie nicht verstehen.“
Daniel blickte zur dunklen Deckenlampe.
„Und der Strom?“
„Ich werde mich darum kümmern, herauszufinden, wer die Abschaltung veranlasst hat und auf welcher Grundlage. Ob sie rechtmäßig war, hängt von den konkreten Umständen ab. Aber ein Vermieter darf nicht einfach beliebige Maßnahmen ergreifen, um einen Mieter unter Druck zu setzen.“
Daniel atmete tief durch.
Zum ersten Mal seit dem Vorabend fühlte er sich nicht mehr völlig machtlos.
Doch bevor er etwas sagen konnte, klingelte es erneut.
Diesmal war das Klopfen laut und ungeduldig.
Keller sah zur Tür.
„Ich vermute, das ist Ihr Vermieter.“
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