Daniel öffnete.
Herr Krüger stand davor.
Sein Gesicht war gerötet, und in seiner Hand hielt er einen Stapel Papiere.
Als er den Anwalt sah, blieb er abrupt stehen.
„Was machen Sie hier?“
Keller erhob sich ruhig.
„Guten Morgen, Herr Krüger. Mein Name ist Martin Keller. Ich vertrete die Eigentümergemeinschaft.“
„Das weiß ich. Aber ich habe nicht mit Ihnen gesprochen.“
„Dann ist es vielleicht an der Zeit, dass wir miteinander sprechen.“
Krüger warf Daniel einen wütenden Blick zu.
„Haben Sie sich etwa über mich beschwert?“
Daniel blieb ruhig.
„Ich habe dokumentiert, was passiert ist.“
„Sie sollten lieber Ihre Rechnungen bezahlen, anstatt sich in Angelegenheiten einzumischen, die Sie nichts angehen!“
Keller hob die Hand.
„Bitte bleiben Sie sachlich. Wir werden die Unterlagen prüfen.“
Krüger lachte kurz.
„Unterlagen? Ich bin der Vermieter. Ich entscheide, was in diesem Haus geschieht.“
Der Anwalt blickte ihn fest an.
„Nein, Herr Krüger. Sie sind an geltendes Recht und die vertraglichen Vereinbarungen gebunden. Und genau darum geht es.“
Für einen Augenblick sagte niemand etwas.
Dann bemerkte Daniel etwas Seltsames.
Krüger starrte auf die Ledermappe des Anwalts.
Nicht auf die Dokumente.
Auf die Mappe selbst.
Sein Gesicht wurde blass.
„Woher haben Sie diese Unterlagen?“, fragte er.
Keller schloss die Mappe.
„Aus Quellen, die ich Ihnen zu gegebener Zeit erläutern werde.“
Krüger machte einen Schritt zurück.
„Das ist unmöglich.“
Daniel sah zwischen den beiden Männern hin und her.
„Was ist unmöglich?“
Doch Krüger antwortete nicht.
Er drehte sich um und ging den Flur entlang, ohne sich zu verabschieden.
Als der Aufzug sich schloss, blieb Daniel an der Tür stehen.
„Was hat er erkannt?“
Keller nahm seine Mappe wieder unter den Arm.
„Das weiß ich noch nicht.“
Er blickte Daniel ernst an.
„Aber ich vermute, dass die Sache größer ist als eine einfache Auseinandersetzung zwischen Vermieter und Mieter.“
Kapitel 3: Die Wohnung, die niemand verkaufen durfte
Am selben Nachmittag versammelten sich sechs Bewohner im Gemeinschaftsraum des Hauses.
Daniel war überrascht, wie viele Menschen gekommen waren.
Frau Schneider aus dem zweiten Stock, die seit zwölf Jahren in dem Gebäude lebte. Herr Yilmaz, ein pensionierter Busfahrer. Ein junges Paar aus dem vierten Stock. Und sogar die Studentin, die Daniel bisher nur flüchtig im Treppenhaus gegrüßt hatte.
Alle hatten etwas zu erzählen.
Frau Schneider legte einen Ordner auf den Tisch.
„Herr Krüger hat mir vor drei Monaten geschrieben, dass ich angeblich noch zweitausend Euro Nebenkosten schulde. Ich habe ihm die Überweisungen gezeigt. Er hat trotzdem behauptet, das Geld sei nie angekommen.“
Herr Yilmaz nickte.
„Bei mir war es ähnlich. Erst hieß es, ich hätte die Miete zu spät bezahlt. Dann sollte ich plötzlich für Reparaturen aufkommen, die ich gar nicht verursacht habe.“
Das junge Paar tauschte einen besorgten Blick.
„Uns hat er gedroht, den Mietvertrag nicht zu verlängern, wenn wir weiter Fragen stellen.“
Daniel hörte aufmerksam zu.
Es war das erste Mal, dass die Bewohner offen über ihre Erfahrungen sprachen.
Keller hatte ihnen erklärt, dass sie ihre Unterlagen zusammentragen sollten. Niemand musste sofort etwas unterschreiben oder eine Entscheidung treffen. Wichtig war zunächst, die Fakten zu prüfen.
Nach einer Stunde lagen zahlreiche Dokumente auf dem Tisch.
Mahnungen.
Überweisungsbelege.
Widersprüchliche Abrechnungen.
Und mehrere Schreiben, in denen Krüger den Bewohnern mit Konsequenzen gedroht hatte.
Keller verglich die Daten.
Dann hielt er plötzlich inne.
„Das ist merkwürdig.“
„Was denn?“, fragte Daniel.
Der Anwalt legte drei Dokumente nebeneinander.
Alle drei waren an unterschiedliche Bewohner gerichtet. Doch auf jedem stand dieselbe Referenznummer.
„Das dürfte so nicht sein“, erklärte Keller. „Die Abrechnungen beziehen sich auf unterschiedliche Wohnungen und unterschiedliche Zeiträume.“
„Was bedeutet das?“, fragte Frau Schneider.
„Es könnte sich um einen Verwaltungsfehler handeln. Es könnte aber auch bedeuten, dass Unterlagen miteinander vermischt wurden. Wir brauchen die Originale, bevor wir eine Aussage treffen können.“
Daniel betrachtete die Papiere.
„Und was hat das mit meinem Strom zu tun?“
Keller nahm ein weiteres Dokument aus seiner Mappe.
Es war eine Kopie eines Schreibens an den Energieversorger.
Darin wurde behauptet, dass für Daniels Wohnung eine offene Forderung bestehe.
Doch der Betrag stimmte nicht mit Daniels Rechnungen überein.
Außerdem war die Unterschrift, die angeblich von Daniel stammte, nicht seine.
Er beugte sich vor.
„Das habe ich nie unterschrieben.“
Keller nickte.
„Dann müssen wir klären, wer dieses Schreiben eingereicht hat und warum.“
Frau Schneider sah erschrocken aus.
„Wollen Sie damit sagen, dass jemand unsere Namen benutzt?“
„Das kann ich noch nicht bestätigen“, sagte Keller. „Aber wir sollten diese Möglichkeit ernst nehmen und die Dokumente sichern.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
Eine junge Frau trat herein.
Sie trug einen dunklen Mantel und hielt eine große braune Mappe an ihre Brust gedrückt.
„Entschuldigung“, sagte sie. „Ich hoffe, ich bin hier richtig.“
Keller stand auf.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Die Frau sah sich nervös um.
„Ich heiße Lena Vogt. Ich habe bis vor sechs Monaten in diesem Haus gearbeitet.“
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