Es stellte sich heraus, dass Kate überhaupt keine Kriminelle war.

Sie hatte gegen ein großes kriminelles Netzwerk ausgesagt, das Untergrundkämpfe und illegale Glücksspielgeschäfte organisierte.

Nachdem sie Drohungen erhalten hatte, stellten die Behörden sie vorübergehend unter besonderen Schutz und verlegten sie zwischen verschiedenen Einrichtungen, bis der Prozess begann.

Die größte Überraschung war jedoch etwas anderes.

Das kriminelle Netzwerk, das Kate mit aufgedeckt hatte, war genau das, für das Marcus einst gearbeitet hatte.

Als er alle Einzelheiten erfuhr, war er zum ersten Mal seit vielen Jahren sprachlos.

Am Montagmorgen wurde die junge Frau in ein anderes Gefängnis verlegt.

Sie stieg ruhig in den Bus und fuhr weg.

Doch niemand im Gefängnis ahnte, dass Kates Abreise erst der Anfang einer Geschichte war, die das gesamte Gefängnissystem erschüttern sollte.

Denn während alle glaubten, sie sei einfach nur eine außergewöhnliche Kämpferin gewesen, hatte Kate längst etwas entdeckt, das viel gefährlicher war als jeder Kampf in diesem Hof.

Und Marcus sollte bald erfahren, dass er sich nicht nur mit der falschen Frau angelegt hatte.

Er hatte auch einen gewaltigen Fehler gemacht.
Das Geheimnis in Zelle 217
Drei Tage nach Kates Verlegung wurde Marcus mitten in der Nacht aus seiner Zelle geholt.

Zwei Justizvollzugsbeamte standen vor seiner Tür.

„Mitkommen“, sagte einer von ihnen.

Marcus runzelte die Stirn. „Wohin?“

„Das wirst du gleich erfahren.“

Zum ersten Mal seit Jahren hatte Marcus das Gefühl, dass etwas nicht nach seinen Regeln verlief.

Normalerweise wusste er im Voraus, wenn die Gefängnisleitung etwas gegen ihn plante. Er hatte überall Kontakte, kannte die Schwächen der Wärter und wusste genau, wen er bezahlen musste, damit bestimmte Dinge nicht ans Licht kamen.

Doch diesmal war alles anders.

Man brachte ihn in einen kleinen Vernehmungsraum. Auf dem Tisch lagen mehrere Aktenordner, ein Mobiltelefon und eine Reihe ausgedruckter Fotos.

Auf einem der Bilder erkannte Marcus sofort ein Gesicht, das er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Es war das Gesicht seines ehemaligen Geschäftspartners Viktor.

Marcus wurde blass.

„Was soll das?“, fragte er scharf.

Der Ermittler gegenüber blieb ruhig.

„Wir untersuchen seit Monaten ein Netzwerk, das illegale Kämpfe organisiert, Wetten manipuliert und Geld über verschiedene Konten verschiebt. Dabei sind wir auf Ihre Aktivitäten gestoßen.“

Marcus lachte kurz auf.

„Sie haben nichts gegen mich in der Hand.“

Der Ermittler öffnete einen Ordner.

„Das werden wir sehen.“

Er legte mehrere Dokumente auf den Tisch. Darauf waren Geldtransfers, Nachrichten und Namen zu erkennen. Einige dieser Namen gehörten Menschen, die Marcus längst für unantastbar gehalten hatte.

Dann schob der Ermittler ihm ein weiteres Blatt hin.

„Erkennen Sie diese Unterschrift?“

Marcus sah hin.

Es war seine eigene.

Er schwieg.

Der Ermittler beugte sich leicht vor.

„Ihre ehemalige Komplizin hat uns nicht nur von den illegalen Kämpfen erzählt. Sie hat uns auch Hinweise gegeben, die zu weiteren Beweisen geführt haben.“

Marcus ballte die Hände.

„Kate“, murmelte er.

Der Ermittler nickte.

„Kate.“

In diesem Moment verstand Marcus, dass der Kampf im Gefängnishof niemals das eigentliche Problem gewesen war.

Kate hatte ihn nicht herausgefordert, um sich einen Namen zu machen.

Sie hatte ihn beobachtet.

Und während er geglaubt hatte, sie sei nur eine neue Gefangene, hatte sie erkannt, wie das System funktionierte.
Was Kate wirklich gesucht hatte
Zur selben Zeit saß Kate in einem kleinen Büro außerhalb des Gefängnisses.

Vor ihr lagen ein Glas Wasser, ein Stapel Unterlagen und ein Notizbuch, das sie seit Beginn ihrer Zusammenarbeit mit den Ermittlern führte.

Ihr Anwalt saß ihr gegenüber.

„Du weißt, dass die Aussagen von Marcus’ ehemaligen Leuten jetzt überprüft werden müssen“, sagte er. „Wir können nicht einfach davon ausgehen, dass jeder, der gegen ihn aussagt, die Wahrheit sagt.“

Kate nickte.

„Das weiß ich.“

„Und du musst damit rechnen, dass deine Aussage im Prozess angegriffen wird.“

„Damit habe ich gerechnet.“

Ihr Anwalt betrachtete sie einen Moment lang.

„Darf ich dich etwas fragen? Warum hast du dich überhaupt freiwillig in diese riskante Situation begeben? Du hättest dich ausschließlich auf die Ermittler verlassen können.“

Kate blickte zum Fenster.

Draußen gingen Menschen über den Gehweg. Einige lachten, andere telefonierten, und ein Fahrradfahrer hielt an einer roten Ampel.

Ein völlig gewöhnlicher Morgen.

„Weil ich wusste, dass in diesem Gefängnis Dinge geschehen, die niemand ernst nimmt“, antwortete sie schließlich. „Die Männer, die dort die Regeln bestimmen, glauben, dass sie alles kontrollieren können. Aber irgendwann machen sie einen Fehler.“

„Und du wolltest, dass sie diesen Fehler machen?“

Kate schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich wollte Beweise sichern. Ich wusste, dass ich nicht alle Antworten finden würde. Aber ich konnte dafür sorgen, dass die Ermittler einen weiteren Ausgangspunkt hatten.“

Sie verschwieg, wie viel Angst sie in den Nächten vor ihrer Verlegung gehabt hatte.

Sie war eine erfahrene Kämpferin. Sie wusste, wie man sich unter Druck konzentrierte und wie man in schwierigen Situationen ruhig blieb.

Aber sie wusste ebenso gut, dass körperliche Stärke nicht vor allem schützen konnte.

Deshalb hatte sie sich an die Regeln des Ermittlerteams gehalten und niemals versucht, die Sache allein zu lösen.