# TEIL 2: Der arme Nadim fand einen Schatz – doch seine nächste Entscheidung ließ das ganze Dorf verstummen!
Als Nadim in jener Nacht die alte Truhe öffnete, konnte er seinen Augen kaum trauen. So viele Münzen, Edelsteine und goldene Ketten hatte er noch nie in seinem Leben gesehen.
Er saß lange vor der Truhe, während Bruno ruhig neben ihm lag.
„Bruno“, flüsterte er mit tränenerstickter Stimme, „gestern hatte ich nicht einmal genug Geld, um uns ein ordentliches Abendessen zu kaufen. Und heute liegt hier vielleicht mehr Reichtum, als ich mir jemals hätte vorstellen können.“
Der Hund wedelte mit dem Schwanz, als hätte er jedes Wort verstanden.
Doch Nadim jubelte nicht. Er sprang auch nicht auf und begann, von Palästen, Dienern und kostbaren Kleidern zu träumen.
Stattdessen schloss er die Truhe, setzte sich an die kalte Wand und dachte lange nach.
Er wusste, dass ein solcher Schatz sein Leben verändern konnte. Aber er wusste auch, dass Reichtum einen Menschen nicht automatisch glücklich machte.
Am nächsten Morgen nahm Nadim einige der Münzen an sich und machte sich auf den Weg in die nächste Stadt. Dort suchte er einen angesehenen Händler für alte Gegenstände auf.
Als der Händler die Münzen sah, wurden seine Augen groß.
„Woher hast du diese Stücke?“, fragte er aufgeregt. „Diese Münzen stammen offenbar aus einer längst vergangenen Zeit. Wenn sie echt sind, könnten sie ein Vermögen wert sein!“
Nadim erzählte ihm, dass er sie in einer vergrabenen Truhe in einem verlassenen Haus gefunden hatte.
Der Händler untersuchte die Münzen sorgfältig und bot ihm schließlich eine beträchtliche Summe an.
Nadim verkaufte nur einen kleinen Teil davon.
Mit dem Geld kaufte er Lebensmittel, Kleidung und Medikamente. Außerdem bezahlte er einen Fachmann, der den Wert der übrigen Gegenstände einschätzen sollte.
Doch bevor er sich etwas für sich selbst gönnte, tat er etwas, womit niemand gerechnet hätte.
Er ging zum Markt.
Dort kannte ihn jeder. Jahrelang hatte er unter der brennenden Sonne gesessen und Bündel aus Brennholz verkauft. Die Menschen hatten ihn oft übersehen oder sich über seine Armut lustig gemacht.
Nun stellte er sich mitten auf den Marktplatz und rief:
„Wer von euch hat heute nichts zu essen, soll zu mir kommen! Niemand soll wegen seiner Armut hungrig nach Hause gehen.“
Die Menschen sahen einander verwundert an.
Einige lachten ungläubig.
„Nadim? Der arme Holzsammler? Was soll er uns schon geben?“
Doch wenig später erschienen Diener mit großen Körben voller Brot, Reis, Obst und Fleisch. Nadim ließ das Essen kostenlos verteilen.
Er bezahlte außerdem die Schulden mehrerer Familien, deren Kinder ohne ausreichende Nahrung aufwachsen mussten.
Ein alter Mann trat mit Tränen in den Augen vor ihn.
„Nadim, du hattest selbst kaum genug zum Leben. Warum hilfst du uns jetzt?“
Nadim lächelte sanft.
„Weil ich weiß, wie es sich anfühlt, mit leerem Magen einzuschlafen. Ich möchte nicht, dass andere dasselbe durchmachen müssen.“
Von diesem Tag an begann sich sein Name im ganzen Dorf zu verbreiten.
Doch die Nachricht erreichte bald auch Shaista.
Als sie hörte, dass ihr ehemaliger Mann plötzlich reich geworden war, konnte sie es zunächst nicht glauben.
„Das ist unmöglich!“, rief sie. „Nadim hatte doch nichts außer seiner alten Hütte und diesem Hund!“
Eine Nachbarin antwortete leise:
„Man sagt, er habe einen Schatz gefunden. Und obwohl er jetzt reich ist, behandelt er die Armen besser, als viele Reiche es jemals getan haben.“
Shaista schwieg.
Zum ersten Mal seit langer Zeit erinnerte sie sich daran, wie Nadim jeden Morgen aufgestanden war, obwohl sein Körper vor Erschöpfung schmerzte. Sie erinnerte sich an seine durchnässte Kleidung, seine rissigen Hände und die vielen Nächte, in denen er ihr den größeren Teil seiner Mahlzeit überlassen hatte.
Doch damals hatte sie all das für selbstverständlich gehalten.
Jetzt begann sie zu verstehen, was sie verloren hatte.
Einige Tage später beschloss sie, Nadim aufzusuchen.
Sie zog ihr bestes Kleid an, richtete ihre Haare und machte sich auf den Weg zu dem Haus, das Nadim inzwischen gekauft hatte.
Als sie dort ankam, traute sie ihren Augen kaum.
Vor ihr stand ein prächtiges Anwesen mit einem großen Garten, einem Brunnen und hohen Toren. Menschen gingen ein und aus, und Bedürftige wurden freundlich empfangen.
Shaista klopfte an das Tor.
Ein Diener öffnete.
„Ich möchte Nadim sprechen“, sagte sie mit gesenktem Blick.
Kurz darauf erschien Nadim.
Er trug saubere, schlichte Kleidung. An seiner Seite stand Bruno, der inzwischen kräftig und gesund geworden war.
Als Shaista ihn sah, brach ihre Stimme.
„Nadim … ich bin es.“
Nadim betrachtete sie ruhig.
„Ich weiß, Shaista.“
Sie hatte erwartet, dass er sie anschreien, verspotten oder vor seinen Dienern demütigen würde. Schließlich hatte sie ihn damals im strömenden Regen aus dem Haus gejagt.
Doch nichts davon geschah.
Nadim bat sie, Platz zu nehmen, und ließ ihr Wasser bringen.
Diese Freundlichkeit machte es ihr noch schwerer, ihm in die Augen zu sehen.
Schließlich begann sie zu weinen.
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