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## Teil 2 – Der Wunsch eines einsamen Mannes
Anna stand noch immer neben dem alten Ledersessel und hielt die Decke in den Händen.
Paweł Zorin saß vor dem Kamin. Das Feuer warf warme Schatten auf sein Gesicht, doch seine Augen wirkten ungewöhnlich traurig.
„Es ist schon sehr lange her, dass ich so etwas erlebt habe“, wiederholte er.
Anna setzte sich vorsichtig auf den Stuhl gegenüber.
„Was meinen Sie damit, Herr Zorin?“
Der alte Mann blickte auf seine Hände. Seine Finger zitterten leicht.
„Dass sich jemand um mich kümmert, ohne etwas dafür zu verlangen.“
Anna wusste zunächst nicht, was sie antworten sollte.
Seit ihrem ersten Arbeitstag hatte sie diesen Mann als schwierig kennengelernt. Er verlangte, dass alles nach seinen Vorstellungen erledigt wurde. Das Frühstück musste pünktlich serviert werden, die Zeitungen mussten ordentlich gefaltet sein, und selbst die Blumen im Wohnzimmer durften nicht umgestellt werden.
Wenn etwas nicht seinen Erwartungen entsprach, konnte er ausgesprochen schroff werden.
Doch an diesem Abend war etwas anders.
„Sie wissen, dass ich dafür bezahlt werde, Ihnen zu helfen“, sagte Anna freundlich.
Paweł nickte.
„Natürlich. Aber Sie verstehen nicht, was ich meine.“
Er blickte zum Kamin.
„Vor zwei Wochen, als ich mich morgens kaum aus dem Bett bewegen konnte, haben Sie mir geholfen, mich anzuziehen. Sie haben nicht geschimpft. Sie haben nicht auf die Uhr gesehen. Und als ich mich entschuldigte, weil ich so lange gebraucht hatte, sagten Sie, dass wir genügend Zeit hätten.“
Er machte eine kurze Pause.
„Niemand hat mir seit Jahren mehr gesagt, dass wir genügend Zeit haben.“
Anna spürte, wie ihr Herz schwer wurde.
„Ihre Familie besucht Sie doch bestimmt manchmal“, sagte sie vorsichtig.
Paweł lachte kurz, aber in diesem Lachen lag keine Freude.
„Meine Familie?“
Er schüttelte den Kopf.
„Mein Sohn lebt in Warschau. Meine Tochter ist vor vielen Jahren nach Kanada gezogen. Beide haben ihr eigenes Leben. Ich kann ihnen keinen Vorwurf machen. Vielleicht habe ich selbst dafür gesorgt, dass sie nicht mehr gern hierherkommen.“
Zum ersten Mal erzählte er von seiner Vergangenheit.
Früher hatte Paweł ein großes Bauunternehmen geleitet. Er war ein Mann gewesen, vor dem Mitarbeiter Respekt hatten und Geschäftspartner sich in Acht nahmen. Er hatte Entscheidungen getroffen, die Millionen betrafen, und war daran gewöhnt gewesen, dass niemand ihm widersprach.
Seine Frau Helena hatte ihn oft gebeten, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen.
Doch Paweł hatte immer dieselbe Antwort gegeben:
„Ich arbeite doch für diese Familie.“
Helena hatte dann leise gesagt:
„Wir brauchen nicht nur das Geld, Paweł. Wir brauchen dich.“
Damals hatte er nicht verstanden, was sie meinte.
Erst nach ihrem Tod begriff er, wie viel er versäumt hatte.
„Ich habe ein großes Haus, Anna“, sagte er schließlich. „Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass darin niemand mehr lebt.“
Anna sah sich im Wohnzimmer um. Die kostbaren Möbel, die großen Fenster, die wertvollen Bilder und die schwere Uhr an der Wand wirkten plötzlich nicht mehr beeindruckend.
Alles schien nur noch eine Erinnerung an ein Leben zu sein, das längst vergangen war.
Dann stellte Paweł eine ungewöhnliche Bitte.
„Würden Sie heute Abend mit mir zu Abend essen? Nicht als meine Betreuerin. Einfach nur als ein Mensch, der mit einem anderen Menschen am Tisch sitzt.“
Anna lächelte.
„Natürlich. Wenn es im Rahmen meiner Arbeitszeit und unserer vereinbarten Regeln möglich ist, können wir gemeinsam essen.“
Paweł nickte langsam.
„Dann wäre das heute ein sehr schöner Abend.“
—
### Das alte Familienalbum
Anna bereitete das Abendessen vor.
Es gab eine einfache Gemüsesuppe, frisches Brot und einen Apfelkuchen, den sie am Nachmittag gebacken hatte.
Paweł bestand darauf, dass sie sich ihm gegenübersetzte.
„Ich möchte nicht allein essen“, sagte er.
Während sie aßen, erzählte er von seiner Kindheit in einem kleinen Dorf. Sein Vater hatte eine Werkstatt betrieben, seine Mutter hatte Gemüse angebaut, und das Haus war immer voller Menschen gewesen.
„Meine Mutter kochte sonntags für die ganze Familie. Es gab nie genügend Stühle, also holten wir welche aus der Nachbarschaft.“
Er lächelte.
„Damals dachte ich, das sei selbstverständlich.“
Anna hörte aufmerksam zu.
Nach dem Essen bat Paweł sie, ihm eine kleine Schachtel aus dem Arbeitszimmer zu holen.
Darin befanden sich alte Fotografien.
Auf dem ersten Bild stand ein junger Paweł neben einer Frau mit dunklen Haaren. Sie trug ein schlichtes Kleid und lächelte in die Kamera.
„Das ist Helena“, erklärte er. „Meine Frau.“
Er strich mit einem Finger über den Bilderrahmen.
„Sie war die einzige Person, die mir jemals wirklich widersprochen hat.“
Anna betrachtete das Foto.
„Sie sieht sehr freundlich aus.“
„Das war sie. Aber sie war auch mutig. Viel mutiger als ich.“
Er erzählte, dass Helena jedes Jahr einen kleinen Geburtstagsempfang für die Nachbarskinder organisiert hatte. Sie hatte Menschen eingeladen, die sonst niemand beachtete, und immer einen Platz für jemanden freigehalten, der unerwartet vorbeikam.
Paweł hatte solche Dinge früher für unwichtig gehalten.
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