Dann erinnerte sie sich an etwas.
„Es gibt vielleicht noch einen Hinweis.“
Ein Beamter sah sie aufmerksam an.
„Welchen?“
„Unser Restaurant hat Kameras. Eine davon erfasst den Bereich neben dem Tisch von Herrn Salazar.“
Die Aufnahmen wurden gesichert und den zuständigen Ermittlern zur Verfügung gestellt.
Als Alejandro später davon erfuhr, kehrte er für kurze Zeit ins Restaurant zurück. Nicht, um Verónica zur Rede zu stellen, sondern um die Ermittlungen zu unterstützen.
Dort wartete sie bereits.
Ihr Make-up war verwischt, und ihre Augen waren gerötet.
„Endlich“, sagte sie. „Du bist zurück. Jetzt können wir dieses schreckliche Missverständnis klären.“
Alejandro blieb in einiger Entfernung stehen.
„Ich möchte keine Geschichte hören, die mich beruhigen soll. Ich möchte die Wahrheit.“
Verónica verschränkte die Arme.
„Du glaubst wirklich dieser Kellnerin mehr als mir?“
„Ich glaube im Moment niemandem blind. Nicht einmal dir.“
Diese Antwort schien sie mehr zu treffen als jede Anschuldigung.
„Nach allem, was wir miteinander erlebt haben?“
Alejandro atmete tief ein.
„Du hast mir gesagt, dass du Mateo liebst. Du hast mir versprochen, dass du ihn wie einen Teil deiner Familie behandeln würdest.“
„Das tue ich!“
„Dann hilf mir zu verstehen, was passiert ist.“
Verónica schwieg.
Und genau dieses Schweigen ließ Alejandro nicht mehr los.
Ein zweites Geheimnis kommt ans Licht
Am nächsten Morgen erhielt Alejandro einen Anruf von seinem Anwalt, Ricardo Mendoza.
„Alejandro, ich muss mit dir über etwas sprechen. Es geht um Verónica.“
„Wenn es um die Nacht im Restaurant geht, sag mir, ob es neue Erkenntnisse gibt.“
„Die Ermittlungen laufen noch. Aber ich habe bei der Vorbereitung eurer Hochzeitsunterlagen etwas entdeckt, das ich dir nicht vorenthalten möchte.“
Alejandro setzte sich.
Ricardo erklärte, dass ihm bei einigen Unterlagen zu geplanten gemeinsamen Vermögensregelungen Unstimmigkeiten aufgefallen waren. Mehrere Dokumente waren verändert worden, ohne dass eindeutig geklärt war, wer die Änderungen vorgenommen hatte.
„Willst du damit sagen, dass sie mein Geld stehlen wollte?“, fragte Alejandro.
„Nein. Das kann ich dir nicht sagen. Die Änderungen müssen überprüft werden. Ich möchte nur, dass du vorerst nichts unterschreibst und unabhängige Fachleute die Unterlagen prüfen lässt.“
Alejandro legte auf.
Plötzlich fügten sich viele kleine Erinnerungen zu einem beunruhigenden Bild zusammen.
Verónica hatte ihn mehrfach gebeten, bestimmte Dokumente möglichst schnell zu unterschreiben.
Sie hatte vorgeschlagen, dass Mateo nach der Hochzeit mehr Zeit bei seiner Großmutter verbringen sollte, angeblich damit der Junge sich besser an die Veränderungen gewöhnen könne.
Und erst vor wenigen Wochen hatte sie beiläufig gefragt, ob Alejandro jemals darüber nachgedacht habe, sein Vermögen für die Zukunft neu zu ordnen.
Damals hatte er ihre Fragen für vernünftig gehalten.
Jetzt wusste er nicht mehr, was er davon halten sollte.
Doch er erinnerte sich an die Worte seiner Mutter.
Keine Vermutungen. Die Wahrheit.
Also beschloss er, weder Verónica noch sich selbst vorschnell zu verurteilen.
Er würde die Fakten prüfen lassen.
Mateo öffnet die Augen
Am Nachmittag durfte Alejandro wieder zu seinem Sohn.
Mateo lag in einem Krankenhausbett. Seine kleinen Hände ruhten auf der Decke, und an seinem Arm befand sich ein medizinischer Zugang.
Als Alejandro sich neben ihn setzte, bewegte der Junge langsam die Finger.
„Papa?“
Alejandro beugte sich sofort zu ihm.
„Ich bin hier, mein Schatz.“
Mateo blinzelte müde.
„Bin ich krank?“
Alejandro kämpfte mit den Tränen.
„Die Ärzte kümmern sich um dich. Du musst dich jetzt ausruhen.“
Der Junge sah sich vorsichtig um.
Dann stellte er die Frage, vor der Alejandro sich am meisten gefürchtet hatte.
„Ist Verónica auch hier?“
Alejandro hielt inne.
Er wollte seinen Sohn nicht mit seinen eigenen Ängsten belasten. Gleichzeitig wollte er ihm nicht wieder einreden, dass seine Gefühle unwichtig seien.
„Nein, mein Schatz. Im Moment sind wir beide hier, und du bist sicher.“
Mateo schaute auf die Decke.
„Papa, darf ich dir etwas sagen?“
„Alles, was du möchtest.“
„Ich wollte nicht, dass du traurig bist.“
Alejandro spürte, wie ihm das Herz schwer wurde.
„Warum solltest du mich traurig machen?“
„Weil ich Verónica nicht so lieb habe wie Mama.“
Für einen Moment konnte Alejandro nichts sagen.
Dann nahm er vorsichtig die Hand seines Sohnes.
„Du musst niemanden genauso lieben wie Mama. Niemand kann ihren Platz einnehmen. Und du musst auch niemanden lieb haben, nur weil ich ihn liebe.“
Mateo sah ihn an.
„Bist du böse auf mich?“
„Nein! Niemals, Mateo. Du bist mein Sohn. Du musst mir nicht beweisen, dass du mich liebst.“
Der Junge begann zu weinen. Alejandro schloss ihn behutsam in die Arme, soweit es die medizinische Versorgung zuließ.
Und während er seinen Sohn hielt, begriff er, wie lange er versucht hatte, eine neue Familie aufzubauen, ohne die kleine Stimme in seinem eigenen Haus wirklich zu hören.
Vielleicht hatte Mateo schon viel früher Hilfe gebraucht.
Nicht, weil er die Zukunft vorhersehen konnte.
Sondern weil er sich nicht traute, seinem Vater die Wahrheit über seine Gefühle zu sagen.
Die Aufnahmen bringen eine unerwartete Wendung
Zwei Tage später meldete sich die Polizei erneut.
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