Bringt dieses Pferd sofort hier raus!“, schrie Daniel und machte einen Schritt auf Bella zu.
Zwei Männer eilten herbei, um das Tier am Zaumzeug zu packen. Doch Bella wich zurück, schnaubte laut und stellte sich erneut direkt vor den Altar. Ihre Ohren waren angelegt, und sie bewegte unruhig den Kopf.
Der Priester trat erschrocken zur Seite.
Die Gäste begannen durcheinanderzureden.
„Das ist doch verrückt!“
„Jemand muss das Tier unter Kontrolle bringen!“
„Es könnte noch jemanden verletzen!“
Doch Anna hörte kaum noch etwas davon.
Sie kannte Bella seit ihrem achten Lebensjahr. Sie hatte das Pferd damals auf einem kleinen Bauernhof kennengelernt. Es war jung, scheu und hatte sich von niemandem anfassen lassen. Anna hatte wochenlang geduldig neben seiner Koppel gesessen, bis Bella eines Tages von selbst zu ihr gekommen war.
Seitdem waren die beiden unzertrennlich.
Anna wusste, wann Bella Angst hatte. Sie kannte ihre kleinen Gewohnheiten, ihre Reaktionen und sogar die unterschiedlichen Laute, mit denen sie auf bestimmte Situationen aufmerksam machte.
Und genau deshalb wusste Anna jetzt, dass etwas nicht stimmte.
„Wartet!“, rief sie plötzlich.
Die Männer hielten inne.
Daniel drehte sich verärgert zu ihr um.
„Anna, was soll das? Siehst du nicht, was dieses Tier hier anrichtet?“
„Doch. Aber Bella verhält sich nicht ohne Grund so.“
Sie hob langsam ihr Brautkleid an und ging vorsichtig auf das Pferd zu.
„Ganz ruhig, mein Mädchen“, flüsterte sie.
Bella senkte den Kopf ein wenig. Doch anstatt sich zu beruhigen, blickte sie immer wieder zur großen Eingangstür der Kirche.
Anna folgte ihrem Blick.
Dort stand ein älterer Mann in einem dunklen Anzug. Er war erst vor wenigen Minuten angekommen und hatte sich unauffällig in die letzte Reihe gesetzt.
Als er bemerkte, dass Anna ihn ansah, wandte er sich hastig ab.
Doch Bella stieß einen lauten Laut aus und machte einen Schritt in seine Richtung.
Anna erstarrte.
Sie kannte diesen Mann.
Es war Herr Weber, der ehemalige Besitzer des Hofes, auf dem sie Bella als Kind kennengelernt hatte.
Aber warum war er hier?
Und warum reagierte Bella ausgerechnet auf ihn so ungewöhnlich?
„Herr Weber?“, fragte Anna verwirrt.
Der Mann sah sie an.
„Anna. Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit.“
Seine Stimme klang freundlich, doch sein Gesicht wirkte angespannt.
Daniel trat neben Anna.
„Kennen Sie diesen Mann?“
„Ja. Er hat früher den Hof geführt, auf dem Bella gelebt hat.“
Weber nickte.
„Ich wollte Ihnen nur meine Glückwünsche aussprechen.“
Doch Bella schnaubte erneut und stellte sich zwischen Anna und den Mann.
Jetzt wurde Anna unruhig.
Sie erinnerte sich plötzlich an etwas, das sie vor vielen Jahren erlebt hatte.
Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte Bella sich ähnlich verhalten, wenn jemand den Stall betrat, vor dem sie Angst hatte. Damals hatte Anna nicht verstanden, warum. Später hatte sie erfahren, dass ein Mitarbeiter das Pferd häufig grob behandelt hatte.
Anna sah Weber direkt an.
„Was haben Sie mit Bella gemacht?“
Der Mann hob abwehrend die Hände.
„Nichts. Das ist doch absurd.“
„Warum hat sie solche Angst vor Ihnen?“
„Pferde reagieren manchmal auf Gerüche oder Geräusche. Sie sollten sich nicht von einem Tier täuschen lassen.“
Daniel schüttelte ungeduldig den Kopf.
„Anna, bitte. Wir haben eine Hochzeit zu feiern. Wir können diese Diskussion später führen.“
Doch Anna ließ sich nicht abbringen.
Sie kniete sich vorsichtig neben Bella und strich ihr über den Hals. Dabei bemerkte sie etwas, das ihr zuvor wegen der festlichen Pferdedecke nicht aufgefallen war.
An der Seite des Sattels hing ein kleines Stück Stoff.
Es war dunkelblau und mit einem silbernen Faden bestickt.
Anna zog es vorsichtig heraus.
Ihre Augen weiteten sich.
„Woher kommt das?“
Der Stallmitarbeiter, der Bella an diesem Morgen vorbereitet hatte, trat unsicher näher.
„Das habe ich noch nie gesehen, Frau Anna. Die Decke war bereits auf dem Pferd, als ich heute früh ankam.“
Anna betrachtete das Stoffstück genauer.
Sie erkannte die Stickerei sofort.
Es war das alte Zeichen des Hofes, auf dem Bella aufgewachsen war.
Doch das war nicht alles.
Auf der Rückseite befanden sich zwei kleine Buchstaben:
M. W.
Anna blickte zu Herrn Weber.
Sein Gesicht hatte inzwischen jede Farbe verloren.
„Was bedeutet das?“, fragte Daniel.
Weber antwortete nicht.
Stattdessen ging er langsam rückwärts in Richtung Ausgang.
„Ich glaube, ich sollte jetzt gehen.“
„Nein“, sagte Anna bestimmt. „Sie bleiben hier.“
Der Kommandoton in ihrer Stimme überraschte sogar den Priester.
Daniel legte ihr eine Hand auf den Arm.
„Schatz, das reicht. Wir kümmern uns nach der Trauung darum.“
Anna sah ihn an.
„Daniel, verstehst du nicht? Bella hat sich heute Morgen völlig normal verhalten. Sie war ruhig, freundlich und hat niemanden beunruhigt. Erst als sie diesen Mann sah, wurde sie unruhig.“
Daniel blickte zu Weber.
„Was ist hier los?“
In diesem Moment kam die Stallmitarbeiterin Maria aufgeregt durch die Kirchentür.
Sie hatte Tränen in den Augen und hielt ein gefaltetes Blatt Papier in der Hand.
„Frau Anna! Ich muss Ihnen etwas sagen.“
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