Doch diesmal rannte der Hund nicht.
Er ging langsam auf sie zu, blieb einen Schritt vor ihr stehen und senkte den Kopf.
Dann drückte er seine Nase gegen ihre Hand.
Mara lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.
„Hallo, Großer.“
Die ältere Frau lachte leise, obwohl ihre Augen feucht waren.
„Er heißt Bruno“, sagte sie. „Und ich glaube, er hat dich gesucht.“
Mara sah überrascht auf.
Die Frau stellte sich als Frau Winter vor. Sie war eine Nachbarin der Besitzerin von Bruno und hatte sich während deren Krankenhausaufenthalts um ihn gekümmert. Bruno war nach seiner Rückkehr aus dem Tierheim zunächst ruhig gewesen, hatte kaum gefressen und war immer wieder zur Wohnungstür gegangen.
Doch seit dem Nachmittag auf dem Velden-Platz war etwas anders.
Er schlief wieder.
Er fraß wieder.
Und jeden Tag zog er an der Leine in Richtung Stadtzentrum.
„Ich dachte zuerst, er wolle einfach spazieren gehen“, erklärte Frau Winter. „Aber heute hat er mich direkt hierhergeführt. Als hätte er gewusst, dass wir dich finden würden.“
Mara strich Bruno über den Kopf.
„Vielleicht wollte er sich nur bedanken.“
Frau Winter schüttelte langsam den Kopf.
„Vielleicht. Oder vielleicht hat er an diesem Tag etwas gefunden, das er seit Langem vermisst hat.“
Mara antwortete nicht.
Denn tief in ihrem Inneren wusste sie, dass Frau Winter möglicherweise recht hatte.
Manchmal findet man etwas, ohne danach zu suchen.
Und manchmal erkennt man erst später, wie sehr man selbst es gebraucht hat.
***
Am selben Abend lag ein Brief auf dem Küchentisch.
Mara entdeckte ihn, als sie nach Hause kam. Der Umschlag war cremefarben, ihre Mutter hatte ihren Namen darauf geschrieben, und daneben lag ein Flyer der städtischen Musikschule.
„Was ist das?“, fragte Mara.
Ihre Mutter trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab.
„Dein Musiklehrer hat angerufen.“
Mara setzte ihren Geigenkoffer ab.
„Habe ich etwas falsch gemacht?“
„Nein, mein Schatz.“
Ihre Mutter lächelte, aber es war ein müdes Lächeln. Eines von denen, die Mara kannte, seit ihr Vater gegangen war.
„Er möchte, dass du an einem Vorspiel teilnimmst.“
Mara blickte auf den Flyer.
Es war ein Konzert für junge Musiker. Die besten Teilnehmer würden ein Stipendium erhalten, das mehrere Jahre Musikunterricht und die Teilnahme an besonderen Meisterkursen finanzierte.
Sie las den Text zweimal.
Dann ein drittes Mal.
„Das kostet doch bestimmt viel Geld.“
„Wenn du das Stipendium bekommst, nicht.“
„Und wenn ich es nicht bekomme?“
Ihre Mutter setzte sich ihr gegenüber.
„Dann haben wir es wenigstens versucht.“
Mara betrachtete ihre Hände.
Die Hände, die jeden Tag die Geige hielten.
Die Hände, die gelernt hatten, ruhig zu bleiben, wenn andere laut wurden.
Die Hände, die auf dem Velden-Platz eine Melodie gespielt hatten, ohne zu wissen, ob irgendjemand zuhören würde.
„Ich bin nicht gut genug“, sagte sie leise.
Ihre Mutter antwortete nicht sofort.
Dann nahm sie Maras Hände zwischen ihre eigenen.
„Du musst nicht die Beste auf der Welt sein, um etwas zu verdienen, das du liebst.“
Mara schluckte.
„Aber wenn ich verliere?“
„Dann wirst du traurig sein. Vielleicht sogar sehr traurig. Und danach wirst du wieder üben.“
„Und wenn ich mich vor allen blamiere?“
Ihre Mutter lächelte ein wenig.
„Dann wirst du feststellen, dass die Welt trotzdem weitergeht. Und dass die Menschen, die dich lieben, dich auch am nächsten Morgen noch lieben.“
Mara senkte den Blick.
Sie wünschte, sie könnte ihr glauben.
Sie wünschte, sie könnte glauben, dass ein Mensch bleiben konnte, selbst wenn man nicht perfekt war.
Denn ihr Vater hatte ihr einmal versprochen, bei ihrem ersten großen Konzert in der ersten Reihe zu sitzen.
Er hatte es versprochen, als sie acht Jahre alt gewesen war.
Damals hatte sie ihm geglaubt.
Heute war sie zwölf und wusste, dass Versprechen manchmal verschwanden, lange bevor die Menschen verschwanden, die sie gegeben hatten.
„Ich denke darüber nach“, sagte sie.
Ihre Mutter küsste sie auf die Stirn.
„Das reicht für heute.“
***
In dieser Nacht holte Mara ihre Geige aus dem Koffer.
Sie stellte sich ans Fenster und sah hinaus auf die nassen Dächer. Unten auf der Straße fuhr ein Fahrrad vorbei. Irgendwo bellte ein Hund.
Sie setzte das Instrument unter ihr Kinn.
Dann spielte sie ihre Melodie.
Die Melodie, die sie auf dem Velden-Platz gespielt hatte.
Die Melodie, die von einem Menschen handelte, der nicht zurückgekommen war.
Doch diesmal geschah etwas Merkwürdiges.
Als sie das wiederkehrende Thema erreichte, spielte sie nicht wie gewöhnlich weiter. Sie hielt inne und lauschte dem letzten Ton, bis er vollständig verklungen war.
Zum ersten Mal fragte sie sich, ob sie die Melodie wirklich für ihren Vater geschrieben hatte.
Oder ob sie sie für das Mädchen geschrieben hatte, das damals am Fenster gesessen und geglaubt hatte, es müsse nur lange genug warten, damit jemand zurückkam.
Vielleicht war die Musik nie dazu bestimmt gewesen, ihn zurückzubringen.
Vielleicht hatte sie ihr nur helfen sollen, weiterzugehen.
Mara setzte den Bogen wieder an.
Diesmal veränderte sie das Ende.
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