„Catherine sagte, sie wolle Sie eines Tages wiedersehen“, erklärte Evelyn. „Sie brauchte nur Zeit, um ihr Leben in Ordnung zu bringen.“

Margaret hörte schweigend zu.

„Und warum kam sie nie zurück?“

Evelyn senkte den Blick.

„Weil sie es versucht hat.“

Margaret sah sie erschrocken an.

„Was meinen Sie?“

„Zwei Jahre später kam Catherine mit Lily zu Ihrem Haus. Sie wollte sich mit Ihnen versöhnen. Aber als sie ankam, hörte sie Sie mit Ihrem Bruder streiten.“

Margarets Gesicht wurde blass.

Ihr Bruder Richard war damals der Verwalter des Familienvermögens gewesen. Er hatte Margaret eingeredet, Catherine habe sich mit einem Mann davongemacht und wolle nur Geld.

„Was hat sie gehört?“, fragte Margaret.

Evelyn zögerte.

„Richard sagte, dass er dafür gesorgt habe, dass Catherine niemals zurückkehren würde.“

Margaret sprang auf.

„Mein Bruder?“

„Catherine bekam Angst. Sie glaubte, dass er ihr etwas antun könnte. Also ging sie wieder, bevor jemand sie bemerkte.“

„Aber warum hat sie mir keinen Brief geschrieben? Warum hat sie mir nicht gesagt, dass sie eine Tochter hat?“

Evelyn zog einen gefalteten Umschlag aus ihrer Tasche.

„Weil sie es getan hat.“

Margaret nahm den Brief mit zitternden Fingern.

Das Papier war vergilbt, und die Handschrift auf der Vorderseite war unverkennbar.

*Catherine Grant.*

Margaret öffnete den Umschlag.

*Meine liebe Mama,*

*ich weiß nicht, ob du diesen Brief jemals lesen wirst. Ich habe lange gehofft, dass du mir verzeihen kannst. Ich habe eine Tochter bekommen. Sie heißt Lily, und sie hat deine Augen.*

*Ich möchte nicht dein Geld. Ich möchte nur, dass du sie eines Tages kennenlernst.*

*Wenn du bereit bist, uns zu sehen, werde ich am ersten Sonntag im Mai am alten Brunnen im Stadtpark warten.*

*In Liebe, deine Catherine.*

Margaret ließ den Brief sinken.

„Der erste Sonntag im Mai“, flüsterte sie.

Sie erinnerte sich.

Vor zwanzig Jahren war sie an diesem Tag tatsächlich im Stadtpark gewesen. Sie hatte am Brunnen eine junge Frau mit einem kleinen Kind gesehen, aber Richard hatte ihr gesagt, es handle sich um eine Bettlerin, die Geld wolle.

Margaret hatte sich abgewandt.

Sie hatte ihre eigene Tochter gesehen.

Und sie hatte sie nicht erkannt.

***

„Wo ist Catherine jetzt?“, fragte Margaret schließlich.

Evelyn konnte ihr nicht in die Augen sehen.

„Catherine starb vor acht Jahren.“

Margaret gab einen leisen Laut von sich, als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggezogen.

„Nein.“

„Sie wurde krank. Ich habe mich um sie gekümmert, solange ich konnte. Bis zum Schluss hat sie gehofft, dass Sie eines Tages nach ihr suchen würden.“

Margaret begann zu weinen.

„Ich wusste es nicht.“

„Ich weiß“, sagte Evelyn. „Aber Catherine wusste auch nicht, dass Sie jahrelang glaubten, sie hätte Sie freiwillig verlassen.“

Lily hatte die ganze Zeit still zugehört.

Schließlich zog sie vorsichtig an Margarets Ärmel.

„Sind Sie wirklich die Mama meiner Mama?“

Margaret sah sie an.

Sie wollte sofort Ja sagen. Sie wollte das Kind in die Arme schließen und all die verlorenen Jahre nachholen.

Doch sie hatte gerade erst verstanden, wie viel Schmerz ihre Entscheidungen verursacht hatten.

„Ja“, flüsterte sie. „Wenn das stimmt, dann bin ich deine Großmutter.“

Lily dachte kurz nach.

„Warum haben Sie mich dann angeschrien?“

Die Frage traf Margaret härter als jede Anschuldigung.

Sie kniete sich vor Lily hin.

„Weil ich einen schrecklichen Fehler gemacht habe. Ich habe etwas gesehen und geglaubt, was nicht wahr war. Ich hätte dir zuhören müssen.“

Lily betrachtete sie vorsichtig.

„Ich wollte den Stein wirklich nur zurückgeben.“

„Ich glaube dir“, sagte Margaret unter Tränen. „Und es tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe.“

Dann öffnete Lily ihre kleine Hand.

Darin lag noch immer der blaue Saphir.

„Ich glaube, der gehört Ihnen.“

Margaret schüttelte den Kopf.

„Nein, mein Schatz. Ich glaube, er gehört unserer Familie.“

***

Doch gerade als die beiden Frauen begannen, sich einander anzunähern, wurde die Tür aufgerissen.

Ein großer Mann im grauen Anzug trat herein.

Es war Richard Grant.

„Margaret, was geht hier vor?“, fragte er scharf.

Als er Lily sah, verlor er für einen kurzen Moment die Fassung.

Evelyn bemerkte es sofort.

„Sie kennen dieses Kind“, sagte sie.

Richard fing sich schnell.

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen.“

Margaret stand auf.

„Richard, ich habe Catherines Brief gelesen.“

Der Mann erstarrte.

„Welchen Brief?“

„Den Brief, den du vor zwanzig Jahren vor mir versteckt hast.“

Richard lachte nervös.

„Das ist doch Unsinn.“

Margaret hielt ihm den vergilbten Umschlag entgegen.

„Catherine wollte sich mit mir versöhnen. Sie stand im Park und wartete auf mich. Aber du hast mir erzählt, sie sei eine Fremde.“

„Ich wollte dich beschützen“, sagte Richard hastig.

„Vor meiner eigenen Tochter?“

„Du verstehst nicht, was damals passiert ist.“

„Dann erklär es mir!“

Richard blickte zu Lily und dann zu Evelyn.

„Das Mädchen sollte nicht hier sein.“

Diese Worte ließen Margaret erstarren.

„Was soll das bedeuten?“

Richard antwortete nicht.

Doch sein Schweigen verriet mehr, als er beabsichtigt hatte.