Marco erstarrte.

Der Schal glitt aus seiner Hand und fiel zu Boden. Sofia wich erschrocken zurück und hielt sich sofort die untere Gesichtshälfte zu. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Doch Marco starrte nicht auf ihre Angst. Er konnte seinen Blick nicht von ihrem Gesicht lösen.

Denn unter dem Schal kam ein kleines Muttermal direkt unter ihrem linken Auge zum Vorschein. Dazu eine feine Narbe an der Wange und Augen, die ihm auf eine Weise vertraut vorkamen, die er nicht erklären konnte.

„Wer … wer bist du?“, fragte er leise.

Sofia antwortete nicht. Sie hob den Schal auf und versuchte, ihr Gesicht wieder zu bedecken.

„Bitte, Herr Marco. Ich werde alles verlieren, wenn Ihre Mutter davon erfährt.“

„Niemand wird dich entlassen. Ich möchte nur wissen, warum meine Mutter solche Angst davor hat, dass ich dein Gesicht sehe.“

Sofia senkte den Blick.

„Weil sie weiß, dass Sie mich erkennen könnten.“

Marco spürte, wie ihm das Herz schneller schlug.

„Kennen wir uns?“

Die junge Frau nickte kaum merklich.

„Sie waren noch ein Kind, als wir uns zum letzten Mal gesehen haben.“

Marco setzte sich langsam auf einen Stuhl.

„Das ergibt keinen Sinn. Ich kenne dich nicht.“

„Vielleicht erinnern Sie sich nicht mehr an mich. Aber ich erinnere mich an Sie.“

Bevor Marco weitere Fragen stellen konnte, öffnete sich plötzlich die Tür zum Speisezimmer.

Elizabeth stand im Eingang.

Ihr Blick fiel zuerst auf Sofia, dann auf den Schal in Marcos Hand. Für einen kurzen Moment verlor sie jede Farbe aus dem Gesicht.

„Was hast du getan?“, flüsterte sie.

Marco drehte sich zu seiner Mutter.

„Das ist also der Grund? Du hast all diese Frauen gezwungen, ihre Gesichter zu verhüllen, damit ich sie nicht erkennen kann?“

Elizabeth ging sofort auf Sofia zu.

„Geh auf dein Zimmer. Sofort!“

„Nein“, sagte Marco bestimmt. „Sie bleibt hier.“

„Marco, du verstehst nicht, worum es geht.“

„Dann erklär es mir endlich! Warum hast du fast alle Angestellten ausgetauscht? Warum darf niemand sein Gesicht zeigen? Und warum hast du Sofia eingestellt, obwohl du genau weißt, dass ich sie sehen könnte?“

Elizabeth schwieg.

Dann wandte sich Sofia mit zitternder Stimme an Marco.

„Ihre Mutter hat mir versprochen, dass ich hier arbeiten darf, solange ich mich an die Regel halte. Ich sollte Ihnen niemals meinen richtigen Namen nennen.“

Marco runzelte die Stirn.

„Dein richtiger Name?“

Sofia atmete tief ein.

„Ich heiße nicht Sofia. Mein Name ist Isabella.“

Elizabeth schloss kurz die Augen.

„Hör auf“, sagte sie leise.

Doch Isabella fuhr fort:

„Vor vielen Jahren gab es eine Frau namens Maria. Sie arbeitete als Haushälterin in dieser Villa. Sie hatte eine kleine Tochter. Dieses Mädchen war oft im Garten und spielte mit Ihnen, wenn Sie nach der Schule nach Hause kamen.“

Marco blickte sie ungläubig an.

Plötzlich tauchte eine Erinnerung in seinem Kopf auf.

Ein kleines Mädchen mit dunklen Locken. Ein rotes Stoffband im Haar. Ein gemeinsames Versteck hinter dem alten Brunnen. Und eine Stimme, die ihn immer „Marco-Bär“ genannt hatte.

„Isabella?“, flüsterte er.

Die junge Frau nickte. Tränen liefen über ihre Wangen.

„Ja. Ich bin es.“

Marco stand auf.

„Aber … deine Mutter hat damals plötzlich aufgehört, hier zu arbeiten. Meine Mutter sagte mir, ihr wärt weggezogen.“

„Das hat sie Ihnen erzählt“, antwortete Isabella. „Aber meine Mutter ist nicht freiwillig gegangen.“

Elizabeth hob warnend die Hand.

„Genug!“

Marco sah seine Mutter an.

„Was ist damals passiert?“

Elizabeth setzte sich langsam. Zum ersten Mal wirkte die sonst so mächtige Frau nicht mehr unerschütterlich.

„Dein Vater hatte eine wichtige Entscheidung getroffen“, begann sie. „Er wollte Maria finanziell unterstützen. Er hatte herausgefunden, dass sie dringend Geld brauchte, um ihre Tochter behandeln zu lassen. Doch ich war dagegen.“

Marco runzelte die Stirn.

„Warum?“

„Weil ich glaubte, sie würde uns ausnutzen.“

Isabella schüttelte den Kopf.

„Meine Mutter hat niemals etwas verlangt. Sie wollte nur, dass ich die Hilfe bekomme, die ich brauchte.“

Marco blickte wieder zu seiner Mutter.

„Und deshalb hast du sie entlassen?“

Elizabeth antwortete zunächst nicht.

Dann sagte sie etwas, womit Marco nicht gerechnet hatte:

„Nein. Ich habe ihr damals eine Vereinbarung angeboten. Sie sollte die Villa verlassen und versprechen, dich nie wieder zu kontaktieren. Dafür würde ich die Behandlung ihrer Tochter bezahlen.“

Isabella wischte sich die Tränen ab.

„Meine Mutter hat unterschrieben, weil sie keine andere Wahl sah. Aber sie hat Ihnen nie erzählt, dass sie dafür ihre einzige Möglichkeit aufgeben musste, ihren alten Arbeitsplatz und ihr Zuhause zu behalten.“

Marco stand wie erstarrt da.

„Und warum hast du jetzt alle Angestellten gezwungen, ihre Gesichter zu verhüllen?“

Elizabeth blickte auf den Tisch.

„Weil ich vor einigen Wochen erfahren habe, dass Isabella sich wieder in der Stadt aufhält. Ich hatte Angst, dass du sie erkennst und Fragen stellst.“

„Du hast also eine ganze Belegschaft eingestellt, nur um eine einzige Person zu verstecken?“

„Ich wollte verhindern, dass die Vergangenheit zurückkommt.“

Marco schüttelte fassungslos den Kopf.