Avery las die Nachricht zweimal.
„Sie werden dort nicht allein hingehen“, sagte Bennett sofort.
„Vielleicht versucht jemand, mich in eine Falle zu locken.“
„Dann geben wir ihm keinen Grund, zu glauben, dass wir darauf hereinfallen.“
Noch am selben Abend wurde der Bereich diskret überwacht. Avery betrat den alten Hangar, während Ermittler in der Nähe bereitstanden.
Das Gebäude war dunkel und fast leer. Staub lag auf den Werkbänken, und irgendwo tropfte Wasser auf den Betonboden.
„Ich bin hier“, rief Avery. „Wer hat mir die Nachricht geschickt?“
Zunächst kam keine Antwort.
Dann bewegte sich eine Gestalt hinter einem abgestellten Wartungsfahrzeug.
Ein junger Soldat trat ins Licht.
Avery erkannte ihn. Es war Daniel Brooks, ein Mechaniker, der am Tag ihres Sturzes Dienst gehabt hatte.
„Du?“, fragte sie überrascht.
Daniel sah nervös zur Tür.
„Ich wollte dir schon vor Wochen etwas sagen. Aber ich hatte Angst.“
„Was weißt du?“
Er schluckte.
„Ich habe die Aufnahmen der Wartungskameras gesehen. Bevor der Hubschrauber abhob, war einer der drei Männer noch einmal am Sicherheitsgurt auf deiner Seite.“
Avery wurde still.
„Warum hast du das nicht gemeldet?“
„Weil ich danach eine Nachricht bekommen habe. Jemand wusste, dass ich die Aufnahmen gesehen hatte. Am nächsten Morgen waren die Dateien verschwunden.“
„Und jetzt?“
Daniel griff in seine Jackentasche und zog einen kleinen Datenträger hervor.
„Ich habe eine Sicherungskopie gemacht.“
Avery nahm sie nicht sofort an.
„Warum gibst du sie mir?“
„Weil ich nicht länger so tun kann, als wäre nichts passiert.“
In diesem Moment ertönte draußen ein Motor.
Daniel wurde kreidebleich.
„Sie sind hier.“
Eine Fahrzeugtür schlug zu.
Schwere Schritte näherten sich dem Eingang.
Avery bedeutete Daniel, hinter dem Wartungsfahrzeug zu bleiben. Dann wandte sie sich zur Tür.
Colonel Hayes trat in den Hangar.
Er wirkte vollkommen ruhig, als hätte er genau gewusst, wen er hier antreffen würde.
„Rekrut Avery“, sagte er. „Sie scheinen Schwierigkeiten zu haben, sich an Ihre neue Position zu gewöhnen.“
„Und Sie scheinen Schwierigkeiten zu haben, Fragen zu beantworten.“
Sein Lächeln verschwand.
„Geben Sie mir den Datenträger.“
Avery schloss ihre Hand darum.
„Ich glaube, den sollte ich lieber den Ermittlern übergeben.“
Hayes machte einen Schritt auf sie zu.
„Sie verstehen nicht, was Sie da in Gang setzen.“
„Dann erklären Sie es mir.“
Für einen Moment war nur das Tropfen des Wassers zu hören.
Dann sagte Hayes leise: „Die drei Soldaten haben einen schweren Fehler gemacht. Aber sie waren nicht die Einzigen, die wollten, dass Sie verschwinden.“
Avery spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Wer hat ihnen den Befehl gegeben?“
Hayes antwortete nicht.
Stattdessen sah er an ihr vorbei zur dunklen Ecke des Hangars.
Dort stand plötzlich eine zweite Gestalt.
Major Bennett trat ins Licht, begleitet von zwei Militärpolizisten.
„Colonel Hayes“, sagte er, „legen Sie Ihre Hände so hin, dass wir sie sehen können.“
Hayes erstarrte.
Er hatte geglaubt, Avery würde allein kommen. Er hatte nicht gewusst, dass jedes Wort aufgezeichnet wurde.
Die Militärpolizisten nahmen ihn in Gewahrsam. Daniel übergab seine Sicherungskopie den Ermittlern, und die Dateien wurden anschließend mit den offiziellen Wartungsprotokollen abgeglichen.
Was sie enthielten, war entscheidend: Hinweise darauf, dass die Sicherheitskontrolle vor dem Flug manipuliert worden war – und dass jemand versucht hatte, die ursprünglichen Aufzeichnungen zu löschen.
Doch der Datenträger enthielt noch eine weitere Datei.
Eine kurze Audioaufnahme.
Darin war eine Stimme zu hören, die Avery sofort erkannte.
Es war einer der Männer, die sie aus dem Hubschrauber gestoßen hatten.
„Der Colonel hat gesagt, dass sie uns nicht mehr gefährlich werden kann“, sagte er. „Er hat uns versprochen, dass niemand Fragen stellen wird.“
Dann folgte eine zweite Stimme.
Eine Stimme, die Avery noch nie zuvor gehört hatte.
„Das spielt keine Rolle mehr. Der Befehl kam nicht von Hayes.“
Alle im Raum verstummten.
Major Bennett drehte die Aufnahme zurück und spielte den letzten Satz erneut ab.
**Der Befehl kam nicht von Hayes.**
Avery sah auf das Dokument, das neben dem Datenträger lag.
Unter dem Namen des Colonels befand sich eine zweite Unterschrift – die eines hochrangigen Offiziers, der bisher nicht einmal als Zeuge in den Ermittlungen geführt worden war.
Als Bennett den Namen las, verlor er für einen Moment die Fassung.
„Das kann nicht sein“, flüsterte er.
Avery blickte ihn an.
„Wer ist es?“
Der Major hob langsam den Kopf.
„Der Mann, der die gesamte Untersuchung beaufsichtigt.“
Und plötzlich begriff Avery, dass sie vielleicht gerade erst begonnen hatte, die Wahrheit aufzudecken.
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