Richard lachte.

„Warum fragen Sie? Wollen Sie sich nach offenen Stellen erkundigen?“

„Nicht ganz.“

Ich blickte in den Saal.

„Ich möchte nur sicherstellen, dass die richtigen Personen anwesend sind, bevor wir über die Ergebnisse einer internen Überprüfung sprechen.“

Sein Lächeln verschwand ein wenig.

„Was für eine Überprüfung?“

Ich gab das Mikrofon zurück.

„Die wird Ihnen morgen erklärt.“

Dann ging ich von der Bühne.

Hinter mir hörte ich Patricia zischen: „Was sollte dieses Theater?“

Richard lachte gezwungen.

„Sie versucht, Aufmerksamkeit zu bekommen. Lasst uns weitermachen.“

Aber ich bemerkte, wie er sein Handy aus der Tasche zog.

Er schrieb jemandem.

Vermutlich seinem Assistenten.

Oder einem seiner Kontakte im Unternehmen.

Ich wusste bereits, dass er noch vor Mitternacht herausfinden würde, weshalb die Rechtsabteilung meine Nachricht erhalten hatte.

Und dann würde er sich wünschen, er hätte heute Abend einfach geschwiegen.

## Kapitel 3: Die Nachricht aus der Zentrale

Um 21:17 Uhr verließ ich den Ballsaal und ging auf die Terrasse.

Die kalte Abendluft tat gut.

Mein Handy klingelte.

Daniel Mercer – General Counsel.

Ich nahm ab.

„Victoria, wir haben ein Problem.“

„Wie groß?“

„Größer, als wir zunächst angenommen hatten.“

Ich stützte mich auf das Geländer.

„Fangen Sie von vorn an.“

Daniel schwieg kurz.

„Die Prüfung der Ausgaben von Richards Regionalabteilung ist abgeschlossen. Wir haben mehrere Zahlungen an Beratungsunternehmen entdeckt, deren Leistungen nicht ausreichend dokumentiert wurden. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass vertrauliche Geschäftsinformationen an einen externen Wettbewerber weitergegeben wurden.“

Mein Gesicht wurde ernst.

„Können Sie die Vorgänge belegen?“

„Einige davon. Bei anderen brauchen wir noch weitere Ermittlungen. Wir haben die relevanten Unterlagen gesichert und die zuständigen Compliance-Verantwortlichen informiert.“

„Und Richard?“

„Er hat die fraglichen Ausgaben genehmigt. Ob er auch von der Weitergabe vertraulicher Informationen wusste, ist noch nicht abschließend geklärt.“

Ich sah durch die Glastüren zurück in den Ballsaal.

Richard stand bei einer Gruppe von Gästen und lachte, als wäre die Welt sein persönlicher Besitz.

„Dann behandeln wir das genauso, wie wir jeden anderen Fall behandeln würden“, sagte ich. „Keine voreiligen Anschuldigungen. Keine Sonderbehandlung. Und niemand darf Beweise verändern oder vernichten.“

„Verstanden.“

„Sichern Sie alle Zugriffsprotokolle. Lassen Sie die zuständigen Stellen unabhängig weiterarbeiten. Und bis die Prüfung abgeschlossen ist, soll Richard keinen Zugriff auf die betroffenen vertraulichen Unterlagen haben. Die Maßnahme muss dokumentiert und von HR sowie Compliance freigegeben werden.“

„Das ist bereits vorbereitet.“

Ich atmete langsam aus.

„Gut. Noch etwas: Ich möchte, dass der Vorstand morgen eine außerordentliche Sitzung abhält. Nicht um über meine Familie zu sprechen, sondern um die Ergebnisse und die erforderlichen Schutzmaßnahmen zu prüfen.“

„Ich kümmere mich darum.“

Als ich auflegte, öffnete sich die Terrassentür.

Emily trat hinaus.

Ihre Augen waren gerötet.

„Victoria, was geht hier vor?“

Ich steckte das Handy weg.

„Was meinst du?“

„Du hast vorhin von einer internen Überprüfung gesprochen. Richard ist völlig außer sich. Brandon sagt, du würdest versuchen, seinen Vater beruflich zu ruinieren.“

Ich sah meine Schwester an.

„Hast du das selbst geglaubt?“

Sie blickte zu Boden.

„Ich weiß es nicht mehr.“

Diese Antwort tat weh.

Nicht, weil sie mir nicht sofort vertraute. Sondern weil ich verstand, wie lange sie schon gelernt hatte, ihren eigenen Wahrnehmungen zu misstrauen, sobald eine Whitmore sie infrage stellte.

Ich nahm ihre Hände.

„Emily, ich werde niemanden aus Rache entlassen. Wenn jemand gegen Unternehmensrichtlinien verstoßen hat, wird das unabhängig untersucht. Wenn nicht, wird diese Person entsprechend entlastet.“

„Aber warum weißt du davon? Du bist doch Finanzberaterin.“

Ich schwieg einen Moment.

Dann sagte ich: „Weil ich dir nie die ganze Wahrheit über meine Arbeit erzählt habe.“

Emily sah mich verwirrt an.

„Was bedeutet das?“

Bevor ich antworten konnte, erschien Brandon in der Tür.

Sein Gesicht war gerötet.

„Emily, wir müssen gehen. Sofort.“

„Warum?“

Er sah mich an.

„Weil deine Schwester offenbar beschlossen hat, sich mit Leuten anzulegen, die sie nicht versteht.“

Ich ließ Emilys Hände los.

„Brandon, ich würde an deiner Stelle sehr vorsichtig damit sein, anderen Menschen mangelndes Verständnis vorzuwerfen.“

Er lachte spöttisch.

„Und was willst du tun? Mich auch auf eine Bühne stellen und demütigen?“

„Nein.“

Ich sah ihm direkt in die Augen.

„Ich werde dich nicht demütigen. Ich werde dich lediglich für das verantwortlich machen, was du selbst getan hast.“

Sein Lächeln erlosch.

Denn plötzlich schien ihm etwas einzufallen.

Etwas, das er offenbar gehofft hatte, ich würde niemals erfahren.

## Kapitel 4: Was Brandon verheimlichte

„Emily“, sagte Brandon scharf, „geh bitte zurück hinein.“

Sie rührte sich nicht.

„Nein. Was hast du getan?“

„Nichts.“

„Dann kannst du es doch erklären.“

Brandon fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

„Das ist eine geschäftliche Angelegenheit. Du würdest das nicht verstehen.“

„Dann erklär es mir“, sagte ich.

Er wandte sich mir zu.

„Du hast keine Ahnung, mit wem du dich anlegst.“

„Das habe ich heute Abend schon mehrfach gehört.“

Ich zog mein Handy hervor, öffnete eine Nachricht und zeigte sie Emily.