Mein kleiner Junge hätte an diesem Wochenende bei Calebs Eltern sein sollen. Ich hatte am Freitag selbst mit seiner Großmutter gesprochen. Sie hatte mir versichert, dass sie mit ihm Kekse backen und am Sonntag einen Ausflug machen würde.
Warum sollte Mary behaupten, Noah sei nicht dort?
Ich kniete mich neben den alten Spiegel, der seit Jahren auf dem Dachboden stand. Mit zitternden Fingern tastete ich die Holzdielen ab, bis sich eine davon leicht anhob. Darunter lag ein flacher Metallkasten.
Darin befanden sich ein USB-Stick, mehrere Fotografien und ein Brief mit meinem Namen.
Ich öffnete den Brief.
*Elise,*
*wenn du diesen Brief gefunden hast, bedeutet das, dass Calebs Plan gescheitert ist. Ich habe versucht, dich zu schützen, ohne dir die Wahrheit zu sagen. Das war mein größter Fehler.*
*Dein Mann heißt nicht Caleb Morgan. Zumindest war das nicht sein ursprünglicher Name.*
*Und du bist nicht zufällig in sein Leben getreten.*
Ich musste den Brief kurz absetzen. Meine Hände zitterten so stark, dass ich kaum weiterlesen konnte.
*Vor neun Jahren war Caleb Teil einer verdeckten Ermittlung. Er sollte Beweise gegen ein internationales Netzwerk sammeln, das mit gefälschten Identitäten arbeitete. Doch während der Ermittlungen verschwanden wichtige Akten, und ein Informant wurde verraten.*
*Dein Vater war dieser Informant.*
Ich starrte auf die Zeilen.
Mein Vater war gestorben, als ich zwölf Jahre alt war. Zumindest hatte man mir das erzählt. Ein Autounfall, hatte meine Mutter gesagt. Es gab keine weiteren Fragen, keine alten Unterlagen und kaum Fotografien aus den letzten Jahren seines Lebens.
Warum tauchte sein Name jetzt in einem Brief meiner Schwester auf?
Von unten ertönte ein dumpfer Schlag.
„Der Wagen steht bereit!“, rief der Fremde.
Caleb antwortete nicht. Stattdessen hörte ich seine Schritte auf dem Dachboden.
Ich steckte den USB-Stick und den Brief in meine Tasche und schob den Metallkasten zurück unter die Diele. Dann entdeckte ich hinter dem Spiegel eine schmale Tür, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Sie führte in einen engen Zwischenraum zwischen Dach und Außenwand.
Ich schlüpfte hinein und zog die Tür hinter mir zu.
Wenige Sekunden später hörte ich Caleb direkt neben mir.
„Elise?“
Er bewegte sich durch den Dachboden. Kartons wurden verschoben, Holz knarrte, und schließlich blieb er vor dem Spiegel stehen.
„Ich wollte nicht, dass du das so erfährst“, sagte er leise.
Ich biss mir auf die Lippe, um keinen Laut von mir zu geben.
„Du musst verstehen, dass ich eine Wahl hatte.“
Dann klingelte sein Telefon.
„Was?“, zischte er. „Nein. Das Kind sollte längst dort sein!“
Eine Pause.
„Dann finden Sie es. Mir ist egal, wie.“
Mein Magen zog sich zusammen.
Noah war verschwunden.
Und Caleb wusste davon.
Ich wartete, bis seine Schritte verklungen waren. Dann öffnete ich die kleine Tür und kroch vorsichtig zum Dachfenster. Der Regen peitschte gegen das Glas. Unten sah ich zwei Fahrzeuge auf unserer Einfahrt. Eines gehörte Caleb, das andere kannte ich nicht.
Am Ende der Straße flackerten blaue Lichter.
Die Polizei.
Ich musste irgendwie nach draußen gelangen, ohne Caleb oder den Fremden zu begegnen. Über eine schmale Wartungsleiter erreichte ich die Rückseite des Hauses. Dort führte eine kleine Luke zu einem Vordach, von dem ich über die Regenrinne auf den Boden klettern konnte.
Als meine Füße den nassen Rasen berührten, rannte ich zum Nachbarhaus.
Ich klopfte so lange, bis eine ältere Frau öffnete. Mrs. Bennett wohnte seit Jahrzehnten neben uns und hatte Noah schon oft beim Spielen beobachtet.
„Elise? Was ist passiert?“
„Bitte, ich brauche Ihr Telefon.“
Sie stellte keine weiteren Fragen. Sie ließ mich hinein und schloss die Tür.
Ich wählte Marys Nummer.
Diesmal nahm sie sofort ab.
„Wo bist du?“, fragte sie.
„Bei Mrs. Bennett. Mary, Noah ist verschwunden. Caleb hat gerade mit jemandem darüber gesprochen.“
Am anderen Ende blieb es einen Moment still.
„Elise, hör mir gut zu. Ich bin nicht mehr im Dienst. Die Leute, denen ich früher vertraut habe, sind möglicherweise Teil dieser Sache. Ich kann dir nicht versprechen, wem wir trauen können.“
„Was hat unser Vater damit zu tun?“
Mary atmete hörbar aus.
„Unser Vater ist nicht bei einem Autounfall gestorben.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag.
„Was?“
„Er hatte Beweise gesammelt, die mehrere hochrangige Personen mit dem Identitätsnetzwerk in Verbindung brachten. Kurz bevor er verschwunden ist, übergab er mir eine verschlüsselte Datei. Ich war damals zu jung, um zu verstehen, was sie bedeutete. Jahre später entdeckte ich, dass Caleb nach genau dieser Datei suchte.“
„Du wusstest, wer Caleb ist?“
„Ich wusste, dass er dir etwas verheimlichte. Aber ich wusste nicht, ob er dich ausspionierte, dich schützen wollte oder beides.“
Ich blickte aus dem Fenster. In der Ferne bewegten sich Schatten zwischen den Bäumen.
„Und Noah?“
Marys Stimme wurde leiser.
„Jemand hat ihn benutzt, um dich unter Druck zu setzen. Wir müssen ihn finden, bevor sie den nächsten Schritt machen.“
Plötzlich hörte ich ein Geräusch hinter mir.
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