Ich nickte.

Dann stellte ich die Frage, die mir seit der Garage im Kopf herumging.

„Was ist mit der blauen Schachtel?“

Detective Hayes sah kurz zu Harold, der inzwischen im Krankenhaus angekommen war.

„Wir haben sie noch nicht gefunden. Die Beamten durchsuchen das Haus weiter. Wenn wir sie entdecken, wird sie dokumentiert und gesichert.“

Harold setzte sich neben mein Bett.

„Claire, ich kenne deinen Vater seit mehr als dreißig Jahren“, sagte er. „Er hat mich heute Abend angerufen, weil er Angst hatte, dass Daniel etwas tun könnte. Er wollte nicht, dass du oder Emma allein seid.“

„Mein Vater hat mich angerufen?“

Harold nickte.

„Er hat mich gebeten, die Leitung offen zu halten, falls etwas passiert. Er sagte, ich solle nicht versuchen, Daniel selbst zur Rede zu stellen. Ich solle die Polizei verständigen und auf Emma aufpassen.“

Ich erinnerte mich an das alte Prepaid-Handy, das mein Vater mir vor Jahren gegeben hatte. Damals hatte ich es für eine übertriebene Vorsichtsmaßnahme gehalten.

Jetzt verstand ich, dass er einen Plan für den Fall gemacht hatte, dass wir Hilfe brauchten.

„Hat er dir etwas über die Schachtel erzählt?“

Harold schwieg einen Moment.

„Nein. Aber er erwähnte, dass er vor einigen Monaten Dokumente gefunden hatte, die ihm Sorgen bereiteten. Er wollte erst mit einer Anwältin sprechen, bevor er dich damit belastete.“

„Welche Dokumente?“

„Das hat er mir nicht gesagt.“

Ich schloss die Augen.

Mein Vater war erst vor einem Jahr gestorben. Seitdem hatte ich geglaubt, ich hätte alles geregelt, was er hinterlassen hatte. Das Haus, die Konten, die Versicherungen, die persönlichen Unterlagen.

Doch offenbar hatte ich etwas übersehen.

Oder jemand hatte dafür gesorgt, dass ich es nicht fand.

***

Kurz nach Mitternacht klingelte das Telefon von Detective Hayes.

Sie hörte aufmerksam zu, stellte zwei kurze Fragen und schrieb etwas auf.

Dann legte sie auf.

„Die Beamten haben die Garage noch einmal überprüft“, sagte sie. „Hinter einem Schrank, der an der Rückwand befestigt war, befand sich ein schmaler Hohlraum. Dort lag eine blaue Schachtel.“

Ich richtete mich so weit auf, wie es mein verletztes Bein zuließ.

„Was ist darin?“

„Wir haben sie noch nicht geöffnet. Sie wurde versiegelt und wird unter dokumentierten Bedingungen untersucht.“

Sie machte eine Pause.

„Allerdings lag oben auf der Schachtel ein Umschlag. Darauf steht Ihr Name.“

Mein Herz schlug schneller.

„Darf ich ihn sehen?“

„Nicht heute Nacht. Wir müssen zunächst sicherstellen, dass wir die Untersuchung nicht beeinträchtigen. Aber ich kann Ihnen sagen, dass der Umschlag nicht von Daniel zu stammen scheint.“

„Woher wissen Sie das?“

„Auf der Rückseite befindet sich eine handschriftliche Notiz. Der Schriftzug ähnelt dem Ihres Vaters. Das muss erst überprüft werden.“

Mein Mund wurde trocken.

Mein Vater.

Warum sollte er etwas in unserer Garage verstecken?

Und warum hatte Daniel es erst gestern dort abgelegt?

Ich sah zu Emma. Sie war inzwischen auf dem Stuhl neben meinem Bett eingeschlafen, den Hasen fest an ihre Brust gedrückt.

„Detective“, flüsterte ich, „wenn diese Schachtel meinem Vater gehörte, dann hat Daniel sie möglicherweise nicht dort versteckt, um sie loszuwerden.“

Hayes sah mich aufmerksam an.

„Was meinen Sie damit?“

Ich dachte an die Reisepässe. Das Bargeld. Die Übertragungsdokumente mit meiner gefälschten Unterschrift.

„Vielleicht wollte er etwas aus der Schachtel holen. Oder verhindern, dass jemand anderes es findet.“

Detective Hayes antwortete nicht sofort.

Dann sagte sie: „Das sind Möglichkeiten, die wir überprüfen müssen. Wir sollten uns nicht auf eine davon festlegen, bevor wir wissen, was die Schachtel enthält.“

Sie hatte recht.

Zum ersten Mal seit Stunden versuchte ich nicht, die ganze Geschichte allein zusammenzusetzen.

Ich ließ die Ermittler ihre Arbeit machen.

Und ich konzentrierte mich darauf, Emma zu beschützen.

***

Am nächsten Morgen erschien Victoria Shaw, die Anwältin meines Vaters, im Krankenhaus.

Sie trug einen dunklen Mantel und hielt eine dünne Ledermappe in der Hand. Als sie mich sah, blieb sie einen Moment in der Tür stehen.

„Claire“, sagte sie leise. „Es tut mir leid, dass du das durchmachen musst.“

Ich deutete auf den Stuhl neben dem Bett.

„Sie wissen etwas über die blaue Schachtel.“

Es war keine Frage.

Victoria setzte sich.

„Ich weiß, dass dein Vater vor seinem Tod eine Reihe von Unterlagen separat aufbewahrt hat. Er bat mich, bestimmte Dokumente nur dann herauszugeben, wenn es einen konkreten Anlass dafür gäbe.“

„Welchen Anlass?“

Sie sah zu Emma, die noch schlief, und senkte die Stimme.

„Wenn jemand versuchen sollte, das Eigentum am Haus ohne deine Zustimmung zu übertragen.“

Mir wurde kalt.

„Sie wussten, dass Daniel das versuchen könnte?“

„Dein Vater hatte Bedenken. Er beschuldigte Daniel jedoch nie einer Straftat, und ich werde das auch nicht tun. Er wollte lediglich sicherstellen, dass du im Fall eines Streits Zugang zu den rechtlichen Unterlagen hast, die du benötigst.“

Victoria öffnete ihre Mappe und zeigte mir eine Kopie eines Schreibens.

Es war drei Monate vor dem Tod meines Vaters datiert.