Ich nahm den Brief.
Oben auf dem Papier stand der Name meiner Mutter.
Meine Knie wurden weich.
Meine Mutter war gestorben, als ich noch jung war. Dieses Schriftstück sah aus, als hätte sie es selbst geschrieben. Die vertraute Handschrift ließ keinen Zweifel zu.
Ich faltete das Papier vorsichtig auseinander.
Meine liebe Savannah,
falls du diesen Brief jemals findest, bedeutet das wahrscheinlich, dass jemand versucht hat, dir deine Vergangenheit zu nehmen. Vertraue nicht jedem, der behauptet, dich zu beschützen.
Das Schlangenarmband ist nicht nur ein Schmuckstück. In seinem Verschluss befindet sich ein kleiner Schlüssel. Er öffnet das Fach, in dem ich die Unterlagen über das Haus und das Geld deiner Familie aufbewahrt habe.
Ich hielt inne.
Das Armband!
Ich sah auf Vanessas Handgelenk.
„Mach es ab“, sagte ich.
„Was?“
„Bitte. Ich muss den Verschluss sehen.“
Vanessa löste das Armband und legte es in meine Hand. Mit zitternden Fingern untersuchte ich den Verschluss. Tatsächlich gab es an der Unterseite eine winzige Öffnung, die ich zuvor nie bemerkt hatte.
Doch bevor ich weitersehen konnte, riss Brent mir das Armband aus der Hand.
„Genug!“, brüllte er.
Eli begann zu weinen.
Kayla zog ihn schützend an sich.
„Fass sie nicht an!“, rief sie.
Brent steckte das Armband in seine Jackentasche und wandte sich an die Gäste.
„Diese Frau versucht, mich zu ruinieren. Sie hat keine Ahnung, wie viel ich für diese Familie geopfert habe!“
In diesem Moment öffneten sich die Haustüren.
Mein Großvater trat ein, begleitet von seinem Anwalt und zwei Polizeibeamten.
Harold ging direkt zu mir. Als er sah, dass ich weinte, legte er seinen Arm um meine Schultern.
„Es tut mir leid, mein Mädchen“, sagte er leise. „Ich hätte früher merken müssen, was hier geschieht.“
Dann wandte er sich Brent zu.
„Ich habe die Unterlagen prüfen lassen. Das Haus gehört einer Holding, deren alleinige Begünstigte meine Enkelin und ihr Sohn sind. Du hattest weder das Recht, hier einzuziehen, noch es für deine privaten Geschäfte zu nutzen.“
Brent lachte gezwungen.
„Du kannst mir nichts beweisen.“
Der Anwalt meines Großvaters öffnete seine Aktentasche.
„Wir haben die Überweisungen, die gefälschten Bestätigungen und die Unterlagen über mehrere Firmen gefunden, auf die Geld aus dem Bauunternehmen geflossen ist. Die Polizei wird diese Vorgänge untersuchen.“
Brent sah zur Tür.
Einer der Beamten trat ihm in den Weg.
„Bitte bleiben Sie hier. Wir müssen Ihnen einige Fragen stellen.“
Doch dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.
Vanessa trat vor.
„Es gibt noch etwas, das Sie wissen müssen.“
Alle drehten sich zu ihr um.
Sie sah Brent an, und in ihren Augen lag plötzlich keine Angst mehr, sondern Wut.
„Ich war nicht nur seine Freundin. Ich habe für seine Firma die Buchhaltung gemacht. Er hat mir gesagt, das Geld stamme aus legalen Immobiliengeschäften. Aber vor drei Wochen fand ich eine zweite Buchführung.“
Der Anwalt meines Großvaters richtete sich auf.
„Eine zweite Buchführung?“
Vanessa nickte.
„Darin stehen Zahlungen, die nie in den offiziellen Geschäftsbüchern auftauchen. Und es gibt eine Überweisung, die mich besonders erschreckt hat.“
„An wen?“, fragte Harold.
Vanessa zog ein Blatt aus ihrer Tasche.
Ich trat näher.
Darauf stand der Name einer Firma, die ich noch nie gehört hatte. Daneben war ein Datum vermerkt: der Tag, an dem mein Großvater ins Krankenhaus eingeliefert worden war.
Und darunter stand eine Summe, die mir den Atem raubte.
750.000 Dollar.
Mein Großvater nahm das Blatt, las es zweimal und hob langsam den Kopf.
„Diese Zahlung“, sagte er mit ungewöhnlich leiser Stimme, „war für den Kauf des Hauses vorgesehen.“
Er sah Brent an.
„Wenn das Geld nicht für das Haus verwendet wurde, wohin ist es dann geflossen?“
Brent öffnete den Mund, aber kein Wort kam heraus.
Vanessa deutete auf die letzte Zeile des Dokuments.
Dort stand der Name des Empfängers.
Harold Mitchell.
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
„Das ist unmöglich“, flüsterte ich. „Opa würde niemals Geld von seiner eigenen Firma stehlen.“
Harold starrte auf das Papier. Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, wirkte er wirklich erschüttert.
„Diese Unterschrift ist nicht meine“, sagte er.
Der Polizeibeamte nahm das Dokument entgegen.
„Dann müssen wir herausfinden, wer sie gefälscht hat.“
Brent senkte den Kopf. Für einen Augenblick dachte ich, er würde endlich gestehen.
Stattdessen hob er langsam den Blick und sah meinen Großvater direkt an.
„Du solltest deine Enkelin fragen, warum ihre Mutter dir vor ihrem Tod nicht mehr vertraut hat.“
Es wurde totenstill.
Harold ließ das Dokument sinken.
„Was hast du gerade gesagt?“
Brent lächelte schwach.
„Du glaubst, ich hätte alles allein getan? Dann frag ihn, Savannah. Frag deinen Großvater, was wirklich mit dem Geld deiner Mutter passiert ist.“
Ich drehte mich zu Harold um.
Sein Gesicht war aschfahl geworden.
Und in seinen Augen sah ich etwas, das mich mehr erschreckte als Brents Lügen.
Schuld.
„Opa?“, flüsterte ich. „Was meint er damit?“
Harold antwortete nicht sofort.
Dann sah er mich an und sagte einen einzigen Satz:
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