Für einen Moment standen sie einander schweigend gegenüber.

Dann ertönte aus dem Flur ein leises Geräusch.

Antonio war aufgewacht und stand in der Tür. Er hielt einen kleinen Holzsoldaten in der Hand, dessen Farbe fast vollständig abgeblättert war.

„Mama?“, fragte er. „Dürfen wir hierbleiben?“

Matildes Gesicht veränderte sich sofort.

Sie kniete sich vor ihn.

„Natürlich, mein Schatz.“

„Auch wenn der Mann böse ist?“

Gabriel hörte jedes Wort.

Matilde strich ihrem Sohn über das Haar.

„Don Gabriel ist nicht böse. Wir müssen uns nur erst kennenlernen.“

Antonio betrachtete den Rancher misstrauisch.

Gabriel wusste nicht, was er sagen sollte.

Schließlich ging er zum Vorratsschrank, nahm seinen Hut vom Haken und legte ihn auf die Bank.

„Morgen fährt einer der Männer in die Stadt“, sagte er. „Er kann die Lebensmittel besorgen, die Sie benötigen.“

Matilde sah ihn überrascht an.

„Das wäre ein Anfang.“

Es war keine Entschuldigung.

Aber es war das erste Mal, dass Gabriel ihr zuhörte, ohne sofort zu widersprechen.

—

In dieser Nacht schlief Matilde mit ihren vier Söhnen in dem großen Zimmer am Ende des Erdgeschossflurs.

Die Betten waren sauber, die Fenster schlossen dicht, und auf einem kleinen Tisch stand eine Lampe mit einem frischen Docht.

Für die Jungen war es der erste Abend seit langer Zeit, an dem niemand sie drängte, schneller zu essen oder leiser zu sprechen, weil ein Vermieter ungeduldig vor der Tür stand.

Nicolás legte seinen Koffer neben das Bett.

„Mama, glaubst du, dass wir hier lange bleiben?“

Matilde faltete eine Decke zusammen.

„Das hängt davon ab, wie sich alles entwickelt.“

„Und wenn er uns wegschickt?“

Sie hielt inne.

„Dann finden wir einen anderen Weg.“

Esteban, der am Fenster stand, drehte sich um.

„Du hast gesagt, er wolle heiraten.“

Matilde sah ihren ältesten Sohn an.

„Das hat die Vermittlungsagentur mir geschrieben.“

„Aber er hat uns nicht einmal danach gefragt.“

„Nein.“

„Vielleicht weiß er gar nicht, dass du dachtest, du würdest seine Frau werden.“

Matilde senkte den Blick.

Das war genau der Gedanke, den sie seit dem Bahnhof zu verdrängen versuchte.

Die Agentur hatte ihr einen Brief geschickt, in dem stand, Don Gabriel Serrano suche eine Ehefrau, die bereit sei, eine Ranch zu führen und vier Kinder in seinen Haushalt aufzunehmen. Er sei verwitwet, finanziell abgesichert und wünsche sich eine Frau, die seine Familie wieder vervollständigen könne.

Matilde hatte lange gezögert, bevor sie geantwortet hatte.

Sie war seit drei Jahren Witwe. Ihr erster Mann war an einer Krankheit gestorben, die sie nicht hatte verhindern können. Seitdem hatte sie ihre Jungen allein großgezogen, kleine Näharbeiten angenommen und sich mit jeder Münze durchgeschlagen.

Sie wollte keinen reichen Mann, der ihr das Leben abnahm.

Sie wollte Sicherheit für ihre Kinder und einen Ort, an dem sie nicht jeden Monat befürchten musste, dass sie wieder fortziehen mussten.

Als die Agentur schrieb, Gabriel sei bereit, sie mit ihren vier Söhnen aufzunehmen, hatte sie geglaubt, er wisse, dass sie als mögliche Ehefrau kommen würde.

Doch heute hatte sie in seinem Gesicht nichts als Überraschung gesehen.

„Wir bleiben vorerst hier“, sagte sie schließlich. „Wir werden arbeiten, uns anständig verhalten und niemandem zur Last fallen.“

Esteban nickte.

Aber als die anderen Jungen eingeschlafen waren, blieb er noch lange wach.

Er hatte bemerkt, wie Gabriel seine Mutter angesehen hatte.

Nicht wie ein Mann, der eine Frau erwartete.

Sondern wie jemand, der plötzlich feststellen musste, dass sein stilles Haus nicht mehr ihm allein gehörte.

—

Am nächsten Morgen stand Gabriel schon vor Sonnenaufgang auf.

Er ging in die Küche, erwartete den Geruch von Kaffee und gebratenem Maisbrot und blieb mitten in der Tür stehen.

Auf dem Tisch standen frische Tortillas, Eier, Bohnen mit Zwiebeln und eine Kanne Kaffee. Für die Kinder gab es warme Milch und ein wenig Honig, den Gabriel seit Monaten nicht mehr angerührt hatte.

Matilde stand am Herd.

„Guten Morgen“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.

Gabriel räusperte sich.

„Sie waren früh auf.“

„Ich bin es gewohnt.“

Er setzte sich und betrachtete das Frühstück.

„Das sieht gut aus.“

„Dann essen Sie, bevor es kalt wird.“

Er nahm eine Tortilla und probierte sie.

Sie war warm, weich und frisch zubereitet. Nichts Besonderes, hätte er vor einigen Jahren gesagt.

Doch seit Isabel gestorben war, hatte er kaum noch eine Mahlzeit gegessen, die nicht aus Gewohnheit bestand.

Er schluckte und blickte aus dem Fenster.

„Meine Frau hat früher auch Brot gebacken“, sagte er plötzlich.

Matilde hielt kurz inne.

„Isabel?“

Er nickte.

„Sie mochten den Geruch des Brotes am Morgen“, fuhr er fort. „Sie sagte immer, ein Haus müsse nach etwas riechen, das gerade fertig geworden sei. Sonst sei es nur ein Gebäude.“

Matilde legte den Löffel ab.

„Sie muss eine gute Frau gewesen sein.“

„Das war sie.“

Seine Stimme wurde leiser.

„Sie starb, bevor wir Kinder haben konnten.“

Matilde wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie kannte den Schmerz des Verlustes, aber sie wusste auch, dass es Menschen gab, die keine gut gemeinten Worte hören wollten.