„Aber ich möchte nicht, dass Sie denken, Sie müssten mir etwas beweisen“, fuhr Alexander fort. „Wenn Sie Interesse an der Stelle haben, treffen wir uns heute Nachmittag. Ich erkläre Ihnen alles, und Sie entscheiden selbst.“
Daniel blickte auf seine abgenutzten Arbeitsschuhe.
„Gut“, sagte er schließlich. „Ich komme.“
### Die Fahrt in eine andere Welt
Pünktlich um drei Uhr nachmittags hielt ein schwarzer Wagen vor dem Gebäude, in dem Daniel arbeitete. Ein Fahrer stieg aus und öffnete ihm die Tür.
Daniel zögerte.
Er hatte noch nie in einem solchen Wagen gesessen. Während der Fahrt betrachtete er die Stadt, die langsam hinter ihnen zurückblieb. Sie fuhren an kleinen Geschäften, Wohnhäusern und schließlich an weiten Feldern vorbei.
Nach ungefähr einer Stunde erreichten sie ein großes Anwesen hinter einem schmiedeeisernen Tor.
Daniel hielt den Atem an.
Das Landhaus war beeindruckend. Es stand auf einem sanften Hügel, umgeben von alten Bäumen, gepflegten Wegen und einem weitläufigen Garten. Hinter dem Haus erstreckte sich ein kleiner See, dessen Oberfläche im Nachmittagslicht glänzte.
Doch Daniel bemerkte auch etwas anderes.
Einige Fenster waren verschlossen. Am Rand des Gartens wucherte Unkraut, und an einer Seitentür blätterte die Farbe ab. Das Anwesen war wunderschön, aber es wirkte, als hätte sich lange niemand wirklich darum gekümmert.
Alexander wartete auf der Eingangstreppe.
Er trug diesmal keinen auffälligen Anzug, sondern ein schlichtes Hemd und eine dunkle Hose.
„Willkommen, Herr Weber.“
Daniel reichte ihm die Hand.
„Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen.“
Alexander führte ihn durch das Haus. Sie gingen durch ein großes Wohnzimmer, eine Bibliothek und mehrere Gästezimmer. Schließlich kamen sie in einen Raum, der offenbar lange nicht benutzt worden war.
Auf einem Schreibtisch lagen alte Briefe, Rechnungen und mehrere Aktenordner.
„Mein Vater hat dieses Haus vor vielen Jahren gekauft“, erklärte Alexander. „Nach seinem Tod habe ich mich kaum darum gekümmert. Ehrlich gesagt war ich zu beschäftigt mit meinem Unternehmen und anderen Verpflichtungen.“
Daniel sah sich aufmerksam um.
„Ein Haus wie dieses braucht viel Pflege“, sagte er. „Aber nicht nur jemanden, der putzt. Man muss wissen, was hier vorhanden ist, was repariert werden muss und welche Dinge einen besonderen Wert haben.“
Alexander lächelte.
„Genau deshalb wollte ich Ihnen das Haus zeigen.“
Sie setzten sich in der Bibliothek.
Alexander erklärte, dass er einen Hausverwalter suchte, der sich um die Instandhaltung kümmerte, Handwerker koordinierte und darauf achtete, dass das Anwesen in gutem Zustand blieb. Daniel sollte ein festes Gehalt erhalten, eine angemessene Unterkunft nutzen dürfen und bei Bedarf weitere Mitarbeiter einarbeiten.
Daniel hörte aufmerksam zu.
Dann stellte er eine Frage, mit der Alexander offenbar nicht gerechnet hatte.
„Warum haben Sie mich gestern vor allen Leuten so behandelt?“
Alexander senkte den Blick.
Zum ersten Mal wirkte er nicht wie ein selbstsicherer Geschäftsmann, sondern wie jemand, der sich einer unangenehmen Wahrheit stellen musste.
„Weil ich arrogant war“, antwortete er. „Ich wollte herausfinden, ob Sie ehrlich sind. Aber ich habe dabei vergessen, dass ich Sie nicht wie einen Menschen behandeln würde, den ich respektiere. Das war falsch.“
Daniel schwieg einen Moment.
„Eine Prüfung der Ehrlichkeit ist keine Entschuldigung dafür, jemanden zu demütigen“, sagte er ruhig. „Sie hätten mich einfach fragen können, ob ich Interesse an einer Stelle habe.“
Alexander nickte langsam.
„Sie haben recht. Ich kann mein Verhalten nicht rückgängig machen. Aber ich kann mich dafür entschuldigen.“
Er stand auf und streckte Daniel die Hand entgegen.
„Es tut mir leid, Herr Weber.“
Daniel nahm die Hand.
„Ich nehme Ihre Entschuldigung an. Aber ich hoffe, dass Sie in Zukunft auch andere Menschen so behandeln, wie Sie selbst behandelt werden möchten.“
„Das werde ich versuchen“, versprach Alexander.
Daniel betrachtete noch einmal die Unterlagen auf dem Schreibtisch.
„Dann möchte ich über die Stelle nachdenken. Ich werde Ihnen morgen Bescheid geben.“
Alexander war überrascht.
Er hatte erwartet, dass Daniel sofort zusagen würde.
Doch genau diese Antwort überzeugte ihn mehr als jede begeisterte Zustimmung.
### Ein Brief, der seit zwanzig Jahren verborgen lag
Daniel kehrte am Abend nach Hause zurück. Er lebte allein in einer kleinen Wohnung, die er sich nach vielen Jahren harter Arbeit leisten konnte.
Er kochte sich eine einfache Suppe und setzte sich an den Küchentisch.
Die Stelle war verlockend. Das Gehalt würde ihm mehr Sicherheit geben, und die Unterkunft auf dem Anwesen könnte seine monatlichen Ausgaben deutlich verringern.
Doch Daniel wollte nicht nur wegen des Geldes entscheiden.
Er dachte an seine Frau Maria, die vor sechs Jahren gestorben war. Sie hatte immer gewünscht, dass er sich irgendwann etwas Ruhe gönnte, statt bis ins hohe Alter ununterbrochen zu arbeiten.
„Du hast dein ganzes Leben für andere gesorgt“, hatte sie einmal gesagt. „Vergiss nicht, auch für dich selbst zu sorgen.“
Daniel lächelte traurig.
Vielleicht war es tatsächlich an der Zeit, etwas zu verändern.
Als er am nächsten Morgen seine alten Unterlagen sortierte, fiel ihm ein vergilbter Umschlag in die Hände. Er hatte ihn seit Jahren nicht mehr geöffnet.
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