Alejandro Durán hatte geglaubt, dass Geld jedes Problem lösen konnte.

Wenn ein Geschäft scheiterte, kaufte er die Firma. Wenn jemand ihn bedrohte, sorgte er dafür, dass dieser Mensch ihn nie wieder unterschätzte. Und wenn er etwas wollte, fand er gewöhnlich einen Weg, es zu bekommen.

Doch Emilia hielt sich nicht an seine Regeln.

Sie weinte, wenn sie Hunger hatte. Sie lachte, wenn der graue Plüschelefant über ihren Bauch rutschte. Und sie schlief nur dann ruhig, wenn Lucía in ihrer Nähe war.

Alejandro konnte Millionen bewegen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Aber er brauchte drei Tage, um herauszufinden, wie man eine Babyflasche richtig erwärmte.

„Señor Durán, Sie müssen das Wasser erst prüfen“, erklärte Lucía zum dritten Mal.

Alejandro sah auf die Flasche.

„Ich habe es geprüft.“

Lucía hob eine Augenbraue.

„Mit Ihrem Handgelenk?“

„Mit einem Thermometer.“

Sie starrte ihn an.

„Sie haben ein Thermometer benutzt?“

„Ich leite mehrere Unternehmen. Ich verlasse mich nicht auf Vermutungen.“

Lucía musste lachen.

Es war ein leises, unerwartetes Lachen, das sie sofort wieder unterdrücken wollte.

Doch Alejandro hatte es gehört.

Und zu seiner eigenen Überraschung störte es ihn nicht.

„Was ist so lustig?“, fragte er.

„Nichts, Señor.“

„Dann erklär mir, warum du lachst.“

„Weil ich noch nie einen Mann gesehen habe, der eine Flasche behandelt, als wäre sie ein wichtiger Geschäftsvertrag.“

Alejandro blickte auf Emilia, die in ihrem Hochstuhl mit einem Löffel spielte.

„Bei diesem Vertrag sind die Konsequenzen allerdings deutlich ernster.“

Lucía lachte erneut.

Und Emilia stimmte mit einem fröhlichen Quietschen ein.

Alejandro lächelte.

Für einen kurzen Augenblick vergaß er, wer er außerhalb dieses Penthauses war.

Doch diese Ruhe sollte nicht lange anhalten.

## 1. DER ANRUF, DER ALLES VERÄNDERTE

Am Montagmorgen saß Alejandro in einer Besprechung, als sein Sicherheitschef Martín ohne anzuklopfen das Büro betrat.

Martín arbeitete seit zwölf Jahren für ihn. Er war einer der wenigen Menschen, die es wagten, Alejandro schlechte Nachrichten persönlich zu überbringen.

„Wir haben ein Problem“, sagte er.

Alejandro legte seinen Stift hin.

„Sprich.“

Martín schloss die Tür.

„Jemand hat nach Lucía Hernández gefragt.“

Alejandro blieb regungslos.

„Wer?“

„Ein Mann, der sich als Mitarbeiter einer Anwaltskanzlei ausgegeben hat. Er wollte wissen, seit wann Lucía für dich arbeitet, wo sie wohnt und ob sie ein Kind hat.“

Alejandro stand auf.

„Und du hast ihm geantwortet?“

„Nein. Wir haben seine Angaben überprüft. Die Kanzlei existiert, aber dort kennt ihn niemand.“

Alejandro ging zum Fenster.

„Was weißt du noch?“

Martín legte eine Mappe auf den Tisch.

Darin befanden sich Bilder einer dunklen Limousine, die in den vergangenen Tagen mehrmals vor dem Gebäude aufgetaucht war.

Auf einem der Bilder stand ein Mann neben dem Fahrzeug und beobachtete den Eingang.

Lucía hatte ihn noch nie gesehen.

Aber Alejandro erkannte ihn sofort.

Sein Gesicht wurde hart.

„Das ist Esteban Rojas.“

Martín nickte.

„Er ist vor drei Jahren aus der Stadt verschwunden. Wir wissen nicht, warum er zurückgekommen ist.“

Alejandro betrachtete das Foto noch einmal.

Esteban war kein gewöhnlicher Geschäftsmann. Er gehörte zu einem Kreis von Männern, mit denen Alejandro früher gemeinsame Geschäfte abgewickelt hatte, bevor ein schwerer Streit ihre Verbindung beendet hatte.

„Finde heraus, was er will“, befahl Alejandro. „Und erhöhe die Sicherheitsmaßnahmen, ohne Lucía oder das Kind zu beunruhigen.“

Martín nickte.

Doch bevor er das Büro verließ, fügte er etwas hinzu.

„Es gibt noch eine Sache. Rojas hat nicht nur nach Lucía gefragt.“

Alejandro sah ihn an.

„Wonach dann?“

Martín zögerte.

„Nach dem Namen des Vaters von Emilia.“

Zum ersten Mal an diesem Morgen verlor Alejandro seine Ruhe.

Denn Lucía hatte ihm erzählt, dass Emilias Vater sie verlassen hatte, sobald er von der Schwangerschaft erfahren hatte.

Sie hatte nie seinen Namen genannt.

Und Alejandro hatte nie danach gefragt.

Jetzt begann er sich zu fragen, ob diese fehlende Information wichtiger war, als er gedacht hatte.

## 2. LUCÍA HATTE IHM NICHT DIE GANZE WAHRHEIT ERZÄHLT

Am Abend fand Alejandro Lucía im Kinderzimmer.

Sie saß neben dem Bettchen und las Emilia eine Geschichte vor. Das Mädchen kämpfte gegen den Schlaf und hielt den grauen Elefanten fest an sich gedrückt.

Als Lucía Alejandro bemerkte, klappte sie das Buch zu.

„Ist etwas passiert?“

„Ich muss dich etwas fragen.“

Sie legte das Buch beiseite.

„Natürlich.“

Alejandro blieb vor ihr stehen.

„Wer ist Emilias Vater?“

Lucía erstarrte.

Es war nur ein winziger Moment, aber Alejandro bemerkte ihn.

„Warum fragen Sie mich das?“

„Ein Mann hat nach euch beiden gesucht.“

Lucía wurde blass.

„Wie sah er aus?“

Alejandro beschrieb Esteban.

Lucía presste die Lippen zusammen und blickte zur Tür.

„Er darf Emilia nicht sehen.“

„Warum?“

„Bitte, Señor Durán. Ich flehe Sie an. Lassen Sie ihn nicht in die Nähe meiner Tochter.“

Alejandro setzte sich ihr gegenüber.

„Lucía, ich kann dich und Emilia nur schützen, wenn ich weiß, womit wir es zu tun haben.“

Sie schwieg.

Aus dem Bettchen kam ein leises Geräusch. Emilia hatte sich auf die Seite gedreht und schlief nun mit einer Hand auf dem Plüschelefanten.