Als Inés den Namen ihrer Mutter hörte, sagte sie zunächst kein Wort.
Jacinta hatte nicht nur schlecht über sie gesprochen. Sie hatte eine Erklärung unterschrieben, die Inés das Einzige nehmen konnte, das sie sich auf der Rancho Los Pinos mühsam aufgebaut hatte: ihre Glaubwürdigkeit.
Clara Valdés legte das Dokument auf den Tisch.
„Deine Mutter behauptet, du seist unberechenbar und würdest Männer beschuldigen, um Geld zu bekommen. Barragán will diese Erklärung benutzen, um deine Aussagen unglaubwürdig zu machen.“
Inés strich mit den Fingern über den Rand ihres Notizbuchs.
„Wann hat sie unterschrieben?“
„Vor drei Tagen.“
Mateo, der neben dem Fenster stand, ballte die Hände.
„Dieser Mann hat mein Haus angegriffen. Jetzt benutzt er auch noch ihre Familie gegen sie.“
Doch Inés hob den Blick.
„Nein, Mateo. Er benutzt nicht meine Familie. Er benutzt die Angst meiner Mutter.“
Clara runzelte die Stirn.
„Du glaubst, Jacinta wurde gezwungen?“
Inés antwortete nicht sofort. Sie erinnerte sich an die Männer, die früher vor ihrer Haustür gestanden hatten, an die Drohungen und daran, wie Jacinta jedes Mal behauptet hatte, sie wolle nur die Familie schützen.
Aber diesmal war etwas anders.
„Ich weiß nicht, ob sie gezwungen wurde“, sagte Inés schließlich. „Und ich werde sie nicht verteidigen, bevor ich die Wahrheit kenne.“
Am Nachmittag versammelten sich die Nachbarn auf der Rancho Los Pinos. Drei Arbeiter bestätigten, dass Roque und Nabor bereits Wochen zuvor nach dem Kanal gefragt hatten. Ein alter Vorarbeiter berichtete sogar, dass Barragáns Männer nachts Vermessungspfähle auf fremdem Land aufgestellt hatten.
Clara schrieb jede Aussage auf.
Dann öffnete Inés ihr Notizbuch.
„Hier stehen die Tage, an denen sie kamen, die Namen der Männer und die Drohungen, die sie ausgesprochen haben. Außerdem habe ich notiert, wann das Wasser plötzlich weniger wurde.“
Mateo sah sie überrascht an.
„Du hast sogar das aufgeschrieben?“
„Wenn jemand versucht, dich zum Schweigen zu bringen, ist Erinnerung nicht genug. Du brauchst Beweise.“
Clara blätterte durch die Seiten. Je länger sie las, desto ernster wurde ihr Gesicht.
„Diese Aufzeichnungen könnten uns helfen, Barragán zur Rechenschaft zu ziehen.“
Doch bevor sie weitere Fragen stellen konnte, kam ein Junge auf einem erschöpften Pferd angeritten. Er überreichte Inés einen gefalteten Zettel.
Sie erkannte die Handschrift sofort.
Es war die ihrer Mutter.
Auf dem Papier standen nur wenige Worte:
Inés, komm heute Nacht allein nach Hause. Ich muss dir sagen, was ich getan habe. Bring niemanden mit. Wenn Barragán erfährt, dass ich gesprochen habe, wird er uns beide vernichten.
Mateo nahm den Zettel und las ihn zweimal.
„Du gehst nicht allein.“
„Wenn ich mit dir komme, wird sie vielleicht nichts sagen.“
„Und wenn es eine Falle ist?“
Inés sah zu Clara.
„Dann müssen wir dafür sorgen, dass die Wahrheit trotzdem ans Licht kommt.“
Clara erklärte sich bereit, in der Nähe zu bleiben. Mateo wollte Inés begleiten, doch sie bat ihn, bei den Arbeitern zu bleiben und die Beweise zu sichern.
Als die Nacht hereinbrach, machte sich Inés auf den Weg zu dem Haus, aus dem sie zwölf Tage zuvor geflohen war.
Jacinta wartete in der Küche. Vor ihr stand eine ungeöffnete Tasse Kaffee. Ihre Hände zitterten.
„Du bist gekommen“, flüsterte sie.
„Du hast mich gerufen.“
Jacinta sah zur Tür, als erwarte sie jeden Moment jemanden.
„Ich habe die Erklärung unterschrieben“, sagte sie. „Ich dachte, wenn ich tue, was Barragán verlangt, lässt er dich in Ruhe.“
Inés blieb stehen.
„Du hast geglaubt, du könntest mich retten, indem du allen erzählst, ich sei eine Lügnerin?“
Jacinta senkte den Kopf.
„Er sagte, er würde deinen Aufenthaltsort bekannt geben. Er sagte, du würdest wegen Diebstahls verhaftet werden, wenn ich nicht unterschreibe.“
„Und hast du ihm geglaubt?“
Ihre Mutter begann zu weinen.
„Ich hatte Angst.“
Inés spürte, wie alte Erinnerungen in ihr aufstiegen. Doch diesmal wich sie nicht zurück.
„Ich hatte auch Angst, Mutter. Jeden Tag. Trotzdem musste ich gehen.“
Jacinta griff unter den Tisch und holte einen kleinen Stoffbeutel hervor.
„Es gibt noch etwas, das du wissen musst.“
Darin lag ein Brief mit dem Siegel von Don Leandro Barragán.
„Vor zwei Jahren“, sagte Jacinta, „kam ein Mann zu mir. Er brachte Geld und verlangte, dass ich ein Dokument unterschreibe. Darin stand, dass dein Vater ihm Geld schuldete.“
Inés erstarrte.
Ihr Vater war seit Jahren tot. In ihrer Familie hatte niemand jemals von einer solchen Schuld gesprochen.
„Was hat das mit mir zu tun?“
Jacinta schob ihr den Brief hin.
„Dein Vater hatte etwas gefunden, das Barragán um jeden Preis zurückhaben wollte. Kurz vor seinem Tod versteckte er es. Ich habe nie erfahren, wo.“
Inés öffnete den Umschlag.
Darin befand sich eine Liste mit Namen, Grundstücksgrenzen und Zahlungen. Am unteren Rand stand eine handschriftliche Notiz ihres Vaters:
Wenn mir etwas zustößt, sucht dort, wo das Wasser verschwindet.
Inés las den Satz ein zweites Mal.
Der Kanal.
Die alten Vermessungspfähle.
Die fehlenden Wassermengen.
Plötzlich ergaben die Drohungen einen neuen Sinn.
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