TEIL 1

Léas Mutter hatte während ihrer Abwesenheit die Schlösser ausgetauscht und eine Tasche mit Kleidung, eine Packung Windeln und das Babybettchen ihrer 4 Monate alten Enkelin vor die Tür gestellt.

Als Léa zurückkam, dachte sie zunächst, es sei ein Irrtum.

Dann hörte sie die Stimme ihrer Mutter hinter der Tür.

— Du kannst nicht länger hierbleiben. Jean-Pierre hat es deutlich gemacht. Entweder du oder er.

Léa war 21 Jahre alt. In ihren Armen schlief die kleine Manon, die nicht ahnte, dass sie gerade das einzige Dach über dem Kopf verloren hatte, das sie kannte.

Die junge Frau schrie nicht.

Sie bettelte auch nicht.

Sie fragte einfach:

— Mama… stellst du deinen Mann wirklich über deine Tochter und Enkelin?

Hinter der Tür dieses kleinen Hauses in der Haute-Loire, in der Nähe von Brioude, verharrte Monique einige Sekunden lang schweigend.

— Ich habe schon genug Probleme.

Das war alles.

Manons Vater war wenige Wochen nach ihrer Geburt spurlos verschwunden. Er hatte versprochen, mit einer festen Anstellung aus Clermont-Ferrand zurückzukehren. Danach war sein Telefonanschluss abgeschaltet.

Léas Vater war verstorben, als sie 14 Jahre alt war. Seitdem hatte Monique Jean-Pierre geheiratet, einen Mann, der Léa immer als Belastung empfunden hatte.

In jener Nacht schlief Léa in einem Zimmer, das ihr von einem Pfarrverein zur Verfügung gestellt wurde.

Auch in der darauffolgenden Nacht.

Am dritten Morgen erzählte ihm ein Bäcker aus dem Dorf von Auguste Vernet.

Auguste war 66 Jahre alt. Seit fast drei Jahren Witwer, lebte er allein in einem alten Bauernhaus sechs Kilometer vom Dorf entfernt. Seine Frau Madeleine hatte sich lange Zeit mit ihm um Haus, Tiere und Gemüsegarten gekümmert. Seit ihrem Weggang schien das Anwesen zusehends zu verfallen.

„Er ist kein schlechter Mensch“, stellte der Bäcker klar. „Aber er will niemanden mehr in seinem Haus haben.“

Léa blickte Manon an.

— Jemand, der niemanden um sich haben möchte, möchte vielleicht trotzdem eine warme Mahlzeit.

Sie ging zu Fuß.

Hinter einer Reihe von Kastanienbäumen tauchte der Bauernhof auf: dunkle Steinmauern, ein altes Dach, eine heruntergekommene Scheune, schiefe Zäune und mehrere mit Gras überwucherte Parzellen.

Auguste öffnete die Tür einen Spalt breit.

– Was willst du?

— Ein Schlafplatz.

Er wollte es gerade schließen.

Léa fügte hinzu:

— Ich habe kein Geld. Aber ich kann kochen, putzen, gärtnern und arbeiten. Ich kann Ihnen helfen.

Auguste blickte auf das Baby, dann auf die schlammigen Schuhe der jungen Frau.

— Eine Nacht.

An diesem Abend bereitete Léa eine Puy-Linsensuppe, mit Knoblauch sautierte Kartoffeln und ein Omelett zu.

Auguste bediente sich erneut wortlos.

Bevor er ins Bett ging, zeigte er auf ein kleines Zimmer.

— Es gehörte meinem Sohn.

Am nächsten Tag stand Léa vor ihm auf.

In der Scheune entdeckte sie eine braune Kuh, die viel zu dünn war, und in ihrer Nähe ein junges Kalb, das auf den Beinen zitterte.

Sie hockt sich hin.

— Es scheint, dass einige von uns am Ende ihrer Vorräte angelangt sind.

Hinter ihr ertönte eine Stimme.

— Hänge dich nicht daran.

Auguste stand am Eingang.

Aber er schaute nicht auf die Tiere.

Er starrte auf die Straße.

Ein großer Geländewagen war gerade vor dem Bauernhof angehalten.

Ein Mann stieg aus, gekleidet in einen tadellosen Landhausanzug, neue Stiefel und mit einem gelassenen Lächeln.

Augustus erbleichte.

„Er“, murmelte er, „wartet schon seit fünf Jahren darauf, dass ich tief genug sinke, um mir mein Land wegzunehmen.“

TEIL 2

Der Mann hieß Gérard Valmont. Er besaß bereits mehrere Bauernhöfe in der Umgebung des Weilers.

„110.000 Euro für Ihre 5 Hektar“, verkündete er.

Auguste lehnte ab.

Gérard betrachtete die Zäune, die magere Kuh und die verlassenen Felder.

— Ohne Madeleine ist hier nichts mehr übrig.

Auguste ballte die Fäuste.

— Dieser Bauernhof gehörte meinem Vater.

Gérard lächelte.

— Hoffen wir also, dass deine Erinnerungen wissen, wie man das Wasser zum Fließen bringt.

Acht Tage später war der kleine Bewässerungskanal, der einen Teil des Landes mit Wasser versorgte, fast vollständig ausgetrocknet.

Léa ging den Graben wieder hinauf und erkannte, dass eine kürzlich erfolgte Umleitung den größten Teil des Wasserstroms nun in Richtung von Gérards Plänen lenkte.

Auguste gab sofort auf.

— Er hat Anwälte, Kontakte und Geld.

Léa beobachtete das Gericht.

— Und dieser alte Brunnen?

Auguste stieß ein freudloses Lachen aus.

— Seit 14 Jahren trocken.

Léa besteht darauf.

Gemeinsam entfernten sie die Bretter, die es bedeckten, und ließen einen Eimer hinab.

6 Meter.

9 Meter.

Dann ein dumpfer Schlag.

Wasser.

Als Auguste den Eimer hochhob, zitterten seine Hände.

Er brach zum ersten Mal seit Jahren in schallendes Gelächter aus.

Léa lächelte.

Dann blickte sie auf.

Unterwegs beobachtete Gérard sie.

Und sein Gesichtsausdruck sagte deutlich, dass der Krieg gerade erst begonnen hatte.

TEIL 3

Der alte Brunnen reichte nicht aus, um einen ganzen Bauernhof zu versorgen.

Aber es reichte aus, um in Augustus etwas wiederzubeleben.

Léa begann mit der Kuh.