Ich sah auf das Foto, dann auf Emma, und zum ersten Mal seit vielen Jahren entschied ich, dass Wut ein Luxus wäre, den ich mir jetzt nicht leisten konnte.
Der Arzt verlangte eine sofortige Einweisung ins Krankenhaus, und ich stimmte ohne Diskussion zu, denn der Hausschutz konnte weder Unfallchirurgen noch Untersuchungen und eine offizielle Dokumentation der Verletzungen ersetzen.
Marco wollte den Krankenwagen mit bewaffneten Männern begleiten, doch Lucia hielt ihn auf und sagte, dass das Krankenhaus Sicherheit brauche und keine Demonstration eines Krieges.
Ich befahl, nur zwei überprüfte Sicherheitsleute in Zivil bei Emma zu lassen und das gesamte übrige Team von den Ärzten und der Polizei fernzuhalten.
Im Krankenwagen versuchte Emma mehrmals zu sagen, dass alles in Ordnung sei, obwohl ihr selbst die einfachste Bewegung sichtbar starke Schmerzen bereitete.
Der Arzt antwortete, dass sie jetzt niemanden beruhigen müsse und ihre einzige Aufgabe darin bestehe, den Spezialisten zu erlauben, ihr zu helfen.
Im Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte mehrere schwere Verletzungen, teilten jedoch sofort mit, dass bei richtiger und kontinuierlicher Überwachung keine unmittelbare Lebensgefahr mehr bestehe.
Ich bat darum, Kopien der medizinischen Berichte offiziell auszustellen, und erlaubte Marco nicht, Emma zu fotografieren, denn ihr Körper war kein Beweisstück für unsere Leute.
Die Ermittlerin Oksana Litvin traf eine Stunde später ein, sah mich auf dem Flur und warnte mich sofort, dass der Angriff unabhängig von meinem Familiennamen untersucht werde.
Ich antwortete, dass genau das mein Wunsch sei, denn wenn wir die Angreifer zuerst selbst fänden, würde jeder weitere Schritt Emma zum Anlass für eine Blutrache machen.
Oksana nahm die Nachricht mit dem Foto an sich, forderte die Daten des Mobilfunkanbieters an und bat darum, der unbekannten Nummer ohne Abstimmung mit dem Team für digitale Forensik nicht zu antworten.
Emma machte erst nach der Verabreichung von Schmerzmitteln und in Anwesenheit eines Arztes eine kurze Aussage, wobei die Ermittlerin sie nicht dazu zwang, jede Sekunde des Angriffs noch einmal im Detail zu durchleben.
Sie wiederholte ihre Angaben über das Schlangentattoo, den Namen Kolesnik und den Satz, wonach gerade mein Familienname der Grund dafür gewesen sei, dass die Schläge nach dem Raub weitergingen.
Nach dem Gespräch begann Emma nicht wegen der Schmerzen zu weinen, sondern weil sie fragte, ob ich sie nun wegen der Sicherheit meines Hauses und meiner Familie entlassen würde.
Ich sagte, dass wir Entscheidungen über ihre Arbeit erst nach ihrer Genesung besprechen würden und dass ihr Gehalt, ihre Unterkunft und ihre medizinische Versorgung bis dahin vollständig gesichert blieben.
Lucia fügte hinzu, dass auch Emmas Mutter und ihr Bruder die notwendige Unterstützung erhalten würden, jedoch über transparente Zahlungen und ohne irgendwelche Schulden oder Verpflichtungen gegenüber unserer Familie.
Emma sah uns lange an, als erwarte sie einen verborgenen Preis, denn allzu oft hatte sich die Hilfe reicher Menschen für sie in eine neue Abhängigkeit verwandelt.
Ich bat den Anwalt, einen medizinischen Fonds über einen unabhängigen Verwalter einzurichten, damit das Geld nicht dazu benutzt werden konnte, Emma zum Schweigen oder zum Bleiben zu zwingen.
Inzwischen teilte Oksana mit, dass der Name Kolesnik tatsächlich mit einer Gruppe verbunden sei, die seit Langem wegen Lagerhäusern und Transporten mit meinen Leuten im Konflikt stand.
Sie sagte jedoch auch, dass ein derart offensichtlicher Name absichtlich als Köder hinterlassen worden sein könnte und es deshalb ein Fehler wäre, den Schuldigen allein anhand seines Rufes zu suchen.
Das ärgerte Marco, erschien mir jedoch logisch, denn derjenige, der den Angriff in Auftrag gegeben hatte, wollte von mir genau eine sofortige und vorhersehbare Reaktion.
Hätte ich noch in derselben Nacht Männer hinter Kolesnik hergeschickt, wäre die Stadt in eine neue Welle der Gewalt gestürzt worden, während der wahre Organisator alles in Ruhe aus der Entfernung beobachtet hätte.
Am nächsten Tag fanden die Kriminaltechniker eine Überwachungskamera eines Geschäfts in der Nähe der Gasse, auf deren Aufnahmen zwei Männer ungefähr zehn Minuten vor Emmas Ankunft erschienen.
Beide trugen Kapuzen, doch einer hatte tatsächlich ein Tattoo in der Nähe des Handgelenks, während der andere während des Wartens ständig mit einem billigen Tastentelefon telefonierte.
Die Kamera zeigte außerdem einen grauen Lieferwagen, der dreimal durch die Straße fuhr und erst anhielt, nachdem Emma unser Viertel verlassen hatte.
Das Kennzeichen war teilweise mit Schlamm bedeckt, doch die Parkplatzkamera eines benachbarten Geschäftszentrums hatte früher am Abend ein ähnliches Fahrzeug mit vollständig lesbarem Kennzeichen aufgenommen.
Der Lieferwagen war auf eine kleine Reinigungsfirma zugelassen, die nie für mich gearbeitet hatte, aber offiziell eines von Kolesniks Lagerhäusern betreute.
Marco verlangte sofort, dies als Beweis zu betrachten, doch Oksana erinnerte ihn daran, dass ein gemietetes Firmenfahrzeug von jedem Mitarbeiter oder sogar von einer außenstehenden Person benutzt worden sein konnte.
Zwei Tage später fand die Polizei den Lieferwagen verlassen in der Nähe einiger Garagen und entdeckte darin eine nasse Arbeitsuniform, billige Telefone und eine Packung Handschuhe ohne irgendwelche Unterlagen.
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