„Sie darf auf keinen Fall etwas erfahren.“
Die junge Frau erstarrte.
Sie lag regungslos im Bett und lauschte angestrengt. Die Stimme ihres Mannes war deutlich zu erkennen. Doch die zweite Stimme gehörte einem anderen Mann.
„Aber irgendwann wird sie Fragen stellen“, antwortete der Fremde.
„Dann müssen wir dafür sorgen, dass sie die Wahrheit erst erfährt, wenn alles geregelt ist.“
„Und wenn sie sich weigert?“
Es entstand eine kurze Pause.
Dann sagte ihr Ehemann etwas, das ihr den Atem stocken ließ:
„Sie wird sich nicht weigern. Ihre Familie hängt inzwischen von mir ab.“
Die junge Frau spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Hatte er sie nur geheiratet, um sie von ihrer Familie abhängig zu machen? War seine Krankheit vielleicht gar nicht der einzige Grund für diese ungewöhnliche Ehe?
Sie wartete, bis die Stimmen verstummten und die Schritte sich entfernten. Erst dann stand sie vorsichtig auf und ging zur Tür.
Im Flur war niemand mehr zu sehen.
Doch auf dem kleinen Tisch neben dem Arbeitszimmer lag eine Mappe. Sie war nicht vollständig geschlossen. Ein Dokument ragte heraus.
Sie wollte eigentlich nicht darin lesen. Aber als sie ihren eigenen Namen darauf entdeckte, konnte sie nicht widerstehen.
Auf dem Papier stand:
„Familienvereinbarung – Nachlassregelung und Vormundschaft für das zukünftige Kind.“
Sie blätterte weiter.
Darin waren sämtliche finanziellen Zusagen aufgeführt, die ihr Mann ihrer Familie gemacht hatte. Doch auf der letzten Seite entdeckte sie eine Klausel, die ihr völlig unbekannt war.
Falls sie ein Kind zur Welt bringen sollte, würde ein Teil des Vermögens auf dieses Kind übertragen werden. Die Verwaltung sollte bis zur Volljährigkeit jedoch nicht bei ihr liegen, sondern bei einem Treuhänder, den ihr Mann persönlich bestimmt hatte.
Und noch etwas war merkwürdig:
Der Name des Treuhänders war derselbe wie der des Mannes, mit dem ihr Ehemann gerade gesprochen hatte.
Sie hörte plötzlich ein Geräusch hinter sich.
„Was machst du hier?“
Sie fuhr herum.
Ihr Mann stand am Ende des Flurs. Sein Gesicht wirkte nicht wütend, sondern enttäuscht.
„Ich habe nur nach Wasser gesucht“, antwortete sie hastig.
Er sah auf die Mappe in ihren Händen.
„Du hast also etwas gelesen.“
Sie legte das Dokument zurück.
„Warum steht mein Name in einer Vereinbarung, von der ich nichts weiß? Und warum soll ein fremder Mann über das Vermögen meines zukünftigen Kindes bestimmen?“
Ihr Mann schwieg lange.
Dann deutete er auf einen Sessel.
„Setz dich. Ich glaube, es ist an der Zeit, dass du einen Teil der Wahrheit erfährst.“
Sie blieb stehen.
„Welchen Teil?“
Der Mann atmete tief durch.
„Du hast recht. Ich habe dir nicht alles erzählt. Aber ich habe dich nicht geheiratet, um dich auszunutzen.“
„Dann erklären Sie mir, warum Sie behaupten, nur noch wenige Monate zu leben, und gleichzeitig Verträge für ein Kind vorbereiten, das noch gar nicht existiert.“
Er senkte den Blick.
„Weil ich nicht weiß, wie viel Zeit mir tatsächlich bleibt.“
„Was soll das bedeuten?“
Er öffnete eine Schublade und holte einen medizinischen Bericht hervor.
„Vor einem halben Jahr wurde bei mir eine schwere Erkrankung festgestellt. Die Ärzte haben mir damals gesagt, dass meine Aussichten schlecht seien. Ich habe mich darauf eingestellt, dass ich nicht mehr lange leben werde.“
Die junge Frau betrachtete das Dokument.
„Aber?“
„Vor einigen Wochen haben weitere Untersuchungen stattgefunden. Die Ergebnisse waren besser als erwartet. Es gibt inzwischen eine Behandlungsmöglichkeit. Sie ist schwierig und die Erfolgsaussichten sind nicht sicher, aber ich habe eine Chance.“
Sie starrte ihn an.
„Sie haben mir also erzählt, dass Sie sterben werden, obwohl Sie inzwischen wissen, dass es Hoffnung gibt?“
„Ich wollte nicht, dass du aus Mitleid zustimmst.“
„Und deshalb haben Sie mich glauben lassen, dass ich bald Witwe sein werde?“
Er fand keine Antwort.
Die junge Frau stand auf.
„Sie haben meine Angst um meine Mutter und meine Brüder gesehen. Sie wussten, dass ich kaum eine andere Möglichkeit hatte. Und trotzdem haben Sie mir nicht die Wahrheit gesagt.“
„Ich wollte deiner Familie helfen.“
„Hilfe, die an Bedingungen geknüpft ist, ist keine freie Entscheidung.“
Zum ersten Mal sah sie, wie sehr ihre Worte ihn trafen.
Doch sie war noch nicht fertig.
„Wer war der Mann, mit dem Sie gesprochen haben?“
„Mein Anwalt, Herr Kramer.“
„Warum hat er gesagt, dass ich nichts erfahren darf?“
Der Gutsbesitzer schwieg.
Schließlich erzählte er ihr, dass seine Familie seit Jahren um sein Vermögen stritt. Einige Verwandte wollten verhindern, dass er nach seinem Tod einen Teil des Besitzes an eine gemeinnützige Stiftung übertrug. Sein Anwalt hatte ihm geraten, eine neue Familienregelung aufzusetzen, damit sein letzter Wille nicht angefochten werden konnte.
Doch es gab noch ein weiteres Problem.
Sein Neffe, Markus, war seit Monaten überzeugt, dass ihm der gesamte Besitz zustehen müsse. Er hatte bereits versucht, Einfluss auf die Verwaltung des Hofes zu nehmen.
„Markus weiß von unserer Hochzeit?“, fragte die junge Frau.
„Ja.“
„Und weiß er von den Vereinbarungen?“
Der Mann nickte.
Sie wurde blass.
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