
Der Prinz stand vor der jungen Frau und wartete darauf, dass sie ihre Maske abnahm.
Im gesamten Saal herrschte Stille.
Die Sängerin hob langsam beide Hände und löste das schwarze Samtband hinter ihrem Kopf.
Dann fiel die Maske zu Boden.
Ein erschrockenes Raunen ging durch die Menge.
Der Prinz wich einen Schritt zurück.
„Nein … das kann nicht sein.“
Vor ihm stand eine junge Frau mit dunklen Haaren, einem schlichten Kleid und einem kleinen Muttermal neben dem linken Auge.
Er kannte dieses Gesicht.
Nicht aus den Gemälden des Königreichs.
Nicht aus den Einladungen seiner Berater.
Sondern aus seiner Kindheit.
„Mira?“, flüsterte er.
Die junge Frau senkte den Blick.
„Ja, mein Prinz.“
### Ein Name aus der Vergangenheit
Mira war die Tochter eines ehemaligen königlichen Musiklehrers gewesen.
Ihr Vater, Adrian, hatte viele Jahre im Palast gearbeitet. Er hatte dem Prinzen als Kind das Klavierspielen beigebracht und ihm Geschichten über die Macht der Musik erzählt.
Doch vor zwölf Jahren war Adrian plötzlich entlassen worden.
Kurz darauf hatte er mit seiner Familie das Königreich verlassen.
Niemand hatte jemals erfahren, warum.
Der Prinz erinnerte sich noch genau an den letzten Tag.
Er war damals dreizehn gewesen und hatte Mira versprochen, ihr eines Tages wieder zuzuhören.
Doch am nächsten Morgen war sie verschwunden gewesen.
„Was machst du hier?“, fragte er fassungslos.
Mira antwortete ruhig:
„Ich bin gekommen, um zu singen. Genau wie die anderen neunundneunzig Frauen.“
„Aber dein Vater …“
„Mein Vater ist vor drei Jahren gestorben.“
Der Prinz schwieg.
„Das wusste ich nicht“, sagte er schließlich.
Mira nickte.
„Es gab vieles, was Sie nicht wussten.“
Diese Worte klangen nicht wütend.
Aber sie waren auch keine freundliche Begrüßung.
### Die Königin erkennt die Wahrheit
Auf dem königlichen Balkon hatte die Königin die gesamte Szene beobachtet.
Als sie Miras Gesicht erkannte, verlor sie für einen Moment ihre Fassung.
„Das ist unmöglich“, flüsterte sie.
Ihr Berater, Lord Richard, beugte sich zu ihr.
„Majestät, kennen Sie diese Frau?“
Die Königin antwortete nicht.
Stattdessen erhob sie sich und ging langsam die Treppe hinunter.
Als sie den Saal erreichte, wurde es erneut still.
„Mira“, sagte sie.
Die junge Frau drehte sich um.
„Majestät.“
Die Königin betrachtete sie lange.
„Du siehst deinem Vater sehr ähnlich.“
Mira antwortete nicht.
Der Prinz wandte sich überrascht an seine Mutter.
„Du kennst sie ebenfalls?“
Die Königin schloss kurz die Augen.
„Ja. Und ich glaube, wir müssen endlich über etwas sprechen, das vor zwölf Jahren geschehen ist.“
### Warum Adrian den Palast verlassen musste
Der Prinz führte seine Mutter, Mira und zwei vertraute Berater in einen privaten Empfangsraum.
Dort ließ er die Türen schließen.
„Ich will die Wahrheit wissen“, sagte er. „Warum wurde Adrians Familie damals aus dem Palast entfernt?“
Die Königin blickte zu Lord Richard.
Dieser wirkte plötzlich ungewöhnlich nervös.
„Dein Vater hatte damals den Verdacht, dass wichtige Dokumente aus dem königlichen Musikarchiv verschwunden waren“, begann sie. „Adrian hatte als Musiklehrer Zugang zu mehreren Räumen. Deshalb geriet er unter Verdacht.“
Mira hob den Kopf.
„Mein Vater hat niemals etwas gestohlen.“
„Das weiß ich heute“, sagte die Königin leise.
Der Prinz runzelte die Stirn.
„Heute? Was bedeutet das?“
Die Königin holte tief Luft.
„Adrian hatte damals entdeckt, dass jemand die Einnahmen der königlichen Musikstiftung unterschlug. Er wollte die Verantwortlichen melden. Doch bevor er seine Beweise vorlegen konnte, wurde er selbst beschuldigt.“
Mira ballte die Hände.
„Mein Vater hat mir damals gesagt, dass er unschuldig ist. Er wollte nicht, dass ich in diese Angelegenheit hineingezogen werde.“
Der Prinz sah seine Mutter an.
„Und warum wurde die Untersuchung nie abgeschlossen?“
Die Königin blickte erneut zu Lord Richard.
„Weil jemand dafür gesorgt hat, dass die entscheidenden Unterlagen verschwanden.“
### Der Berater wird nervös
Lord Richard erhob sich.
„Majestät, ich halte es für unangemessen, alte Anschuldigungen während einer königlichen Veranstaltung wieder aufleben zu lassen.“
Der Prinz sah ihn scharf an.
„Du warst damals für die Verwaltung der Stiftung verantwortlich.“
Richard erstarrte.
„Das ist richtig, aber—“
„Dann wirst du sicher nichts dagegen haben, wenn wir die alten Bücher erneut prüfen lassen.“
„Mein Prinz, das ist nicht notwendig.“
Mira trat einen Schritt vor.
„Doch. Es ist notwendig.“
Alle blickten sie an.
Sie öffnete ihre kleine Tasche und nahm einen gefalteten Brief heraus.
„Mein Vater hat mir diesen Brief kurz vor seinem Tod gegeben. Er sagte, ich solle ihn nur dann dem Königshaus zeigen, wenn ich sicher wäre, dass jemand bereit ist, die Wahrheit zu hören.“
Der Prinz nahm den Brief entgegen.
Auf dem Umschlag stand in vertrauter Handschrift:
**Für den Prinzen – wenn er eines Tages wieder bereit ist, zuzuhören.**
Der Prinz erkannte sofort die Schrift seines früheren Lehrers.
Mit zitternden Fingern öffnete er den Umschlag.
### Der Brief, der alles veränderte
Der Brief enthielt nur wenige Zeilen.
Adrian schrieb, dass er nie gegen die königliche Familie gearbeitet habe. Er habe lediglich verhindern wollen, dass die Musikstiftung für private Zwecke missbraucht werde.
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