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„Haltet ein!“, schrie plötzlich eine Stimme aus dem hinteren Teil des Saals.
Alle Köpfe drehten sich gleichzeitig zur großen Eingangstür.
Die Diener erstarrten. Einer von ihnen hielt noch immer die eisernen Schuhe in den Händen, die in der Glut erhitzt worden waren. König Edgar erhob sich wütend von seinem Sitz.
„Wer wagt es, meine Entscheidung zu unterbrechen?“
Ein alter Mann trat aus der Menge. Es war Graf Wilhelm, der königliche Archivar. Er war seit mehr als dreißig Jahren im Dienst der Krone und hatte sich bisher niemals erlaubt, dem König öffentlich zu widersprechen.
Doch diesmal zitterte seine Stimme nicht vor Angst.
„Eure Majestät, wenn Ihr diese Strafe vollstrecken lasst, werdet Ihr eine unschuldige Frau verurteilen.“
Ein entsetztes Raunen ging durch den Saal.
Lord Richard sprang auf.
„Dieser Mann ist verwirrt! Lasst ihn sofort hinausbringen!“
Doch Edgar hob die Hand.
„Schweigt! Graf Wilhelm, Ihr habt nur einen Augenblick, um mir zu erklären, was Ihr damit meint.“
Der alte Mann verbeugte sich leicht.
„Ich habe Beweise dafür, dass die Briefe, die Ihr seit Wochen erhaltet, gefälscht wurden.“
Eleonora hob langsam den Kopf.
Zum ersten Mal an diesem Tag veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.
„Was sagt Ihr da?“, fragte der König.
Graf Wilhelm zog einen versiegelten Umschlag aus seinem Mantel.
„Die Briefe wurden nicht von der Königin geschrieben. Ich habe die ursprünglichen Schriftstücke im Archiv aufbewahrt. Die Handschrift wurde nachgeahmt, das königliche Siegel missbraucht und einige Passagen wurden absichtlich verändert.“
Lord Richard wurde blass.
„Das ist eine ungeheuerliche Lüge!“
„Dann wird es Euch sicher nichts ausmachen, wenn wir die Dokumente vergleichen“, erwiderte Wilhelm.
Er legte mehrere Schriftstücke auf den langen Tisch vor dem Thron.
Der König trat näher.
Zunächst betrachtete er die Briefe schweigend. Dann nahm er einen davon in die Hand und verglich die Unterschrift mit einem älteren Schreiben seiner Gemahlin.
Es gab Unterschiede.
Kleine, aber eindeutige Unterschiede.
„Wer hat diese Briefe überbracht?“, fragte Edgar mit gefährlich ruhiger Stimme.
Lord Richard antwortete sofort:
„Eure Majestät, Ihr dürft Euch nicht von diesem alten Mann täuschen lassen. Die Beweise sind eindeutig!“
„Ich habe Euch nicht gefragt, was ich glauben soll.“
Der König wandte sich an die Wachen.
„Niemand verlässt diesen Saal.“
In diesem Augenblick begann Eleonora zu sprechen.
„Mein Gemahl, ich habe Euch immer wieder gesagt, dass ich unschuldig bin. Doch Ihr habt nicht einmal versucht, mir zuzuhören.“
Edgar sah sie an.
Ihre Stimme war leise, aber jedes Wort traf ihn.
„Ich habe Euch geliebt und Euch vertraut. Und Ihr habt zugelassen, dass die Worte eines anderen mehr Gewicht hatten als alles, was ich Euch selbst sagen konnte.“
Der König senkte den Blick.
Die glühenden Schuhe standen noch immer neben den Dienern. Plötzlich schien ihm die Grausamkeit seines eigenen Befehls bewusst zu werden.
„Bringt sie weg“, befahl er.
Die Diener gehorchten sofort und entfernten die gefährlichen Gegenstände aus dem Saal.
Dann wandte sich Edgar wieder dem Grafen zu.
„Erklärt mir alles. Von Anfang an.“
Wilhelm atmete tief durch.
Er berichtete, dass Lord Richard bereits vor Monaten begonnen hatte, die Königin zu beobachten. Er hatte Diener bestochen, Gespräche aus dem Zusammenhang gerissen und harmlose Begegnungen als geheime Treffen dargestellt.
Doch das eigentliche Ziel war nicht nur, Eleonora zu beseitigen.
Richard wollte selbst mehr Macht am Hof gewinnen.
Solange der König seiner Gemahlin vertraute, konnte der Berater seine Entscheidungen nicht uneingeschränkt beeinflussen. Eine Königin, die dem König widersprach und ihn gelegentlich dazu brachte, die Ratschläge seines Beraters zu hinterfragen, war für Richard ein Hindernis.
Also hatte er einen Plan entwickelt.
Er wollte Edgar davon überzeugen, dass Eleonora heimlich mit einem feindlichen Königreich zusammenarbeitete. Anschließend sollte sie verurteilt werden. Ihre Besitztümer und ihr Einfluss wären damit verschwunden, während Richard dem König als treuester und vermeintlich unersetzlicher Diener zur Seite gestanden hätte.
„Das ist nicht wahr!“, rief Richard.
Doch Wilhelm zog ein weiteres Dokument hervor.
„Dann erklärt uns bitte, weshalb Ihr einem Boten aus dem Nachbarreich regelmäßig Nachrichten geschickt habt.“
Der König nahm das Papier entgegen.
Darauf befand sich das Zeichen eines fremden Hauses.
Edgar blickte Richard an.
„Ihr habt mich belogen.“
„Ich habe nur versucht, die Krone zu schützen!“, entgegnete der Berater.
„Indem Ihr meine Frau verleumdet habt?“
Richard schwieg.
Da trat plötzlich eine junge Dienerin aus der letzten Reihe hervor.
„Eure Majestät, ich kann bestätigen, was der Graf sagt.“
Es war Anna, eine der persönlichen Zofen der Königin.
Sie kniete nieder und hielt ein kleines Notizbuch in den Händen.
„Ich habe Lord Richard mehrmals dabei beobachtet, wie er Briefe aus dem Arbeitszimmer der Königin nahm. Ich hatte Angst, etwas zu sagen, weil er mir drohte, meine Familie vom Hof entfernen zu lassen.“
Eleonora blickte sie überrascht an.
„Anna … warum hast du mir nichts davon erzählt?“
Die junge Dienerin senkte beschämt den Kopf.
„Ich hatte Angst, Majestät. Aber als ich sah, was heute geschehen sollte, konnte ich nicht länger schweigen.“
Der König ließ das Notizbuch öffnen.
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