
Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen.
Rose hatte den Bogen nicht wie die anderen Teilnehmer angehoben. Stattdessen drehte sie ihn leicht zur Seite und betrachtete die Zielscheibe, als würde sie etwas suchen, das den anderen verborgen geblieben war.
Dann tat sie etwas Unerwartetes.
Sie legte den Pfeil nicht sofort auf die Sehne. Sie ging einige Schritte zurück, kniete sich hin und betrachtete den Boden.
Ein Raunen ging durch die Arena.
„Hat sie etwa Angst?“, spottete ein junger Adliger.
Die Königin lehnte sich auf ihrem Thron zurück.
„Vielleicht hat sie endlich verstanden, wie schwierig diese Aufgabe ist.“
Rose ließ sich nicht beirren.
Sie stand wieder auf, stellte sich an die markierte Linie und hob den Bogen.
Der erste Schuss flog durch die Luft.
Ein leises Geräusch ertönte.
Der Pfeil traf genau die Mitte.
Die Zuschauer verstummten.
„Ein Glückstreffer“, murmelte der königliche Berater.
Rose nahm den zweiten Pfeil.
Sie atmete ruhig ein, spannte die Sehne und ließ los.
Wieder traf der Pfeil genau ins Schwarze.
Nun erhoben sich die Menschen von ihren Plätzen.
Nur noch ein Schuss.
Nur noch ein einziger Pfeil trennte Rose von einem Wunsch, den sie sich seit Jahren gewünscht haben musste.
Die Königin richtete sich auf.
„Interessant“, sagte sie.
Rose griff nach dem dritten Pfeil.
Doch diesmal zielte sie nicht sofort.
Sie blickte zur Königin.
„Majestät, bevor ich schieße, möchte ich eine Frage stellen.“
Die Königin hob eine Augenbraue.
„Du hast das Recht, deinen Versuch fortzusetzen. Aber die Regeln besagen nicht, dass du Fragen stellen darfst.“
„Dann ist es vielleicht gut, dass ich noch nicht geschossen habe.“
Einige Menschen lachten nervös.
Die Königin betrachtete sie aufmerksam.
„Sprich.“
Rose zeigte auf die Zielscheibe.
„Warum darf niemand näher an sie herantreten, um sie zu untersuchen?“
Das Lächeln der Königin verschwand.
Ihr Berater trat sofort vor.
„Das ist eine königliche Prüfung. Es gibt keinen Grund, die Zielscheibe zu untersuchen.“
„Dann dürfte es doch kein Problem sein“, erwiderte Rose ruhig.
Die Königin schwieg.
Und zum ersten Mal seit zwanzig Jahren begann das Publikum zu ahnen, dass hinter dieser berühmten Herausforderung mehr stecken könnte als bloßes Pech.
TEIL 3 – DAS GEHEIMNIS DER KÖNIGLICHEN ZIELSCHEIBE
Die Königin gab schließlich ein Zeichen.
Zwei Wachen gingen zur Zielscheibe und brachten sie näher an die Tribüne.
Rose trat heran.
Sie untersuchte die Oberfläche, die Pfeile und den Rahmen. Dann deutete sie auf eine kaum sichtbare Linie am Rand.
„Hier“, sagte sie.
Der Berater wurde blass.
„Was soll das bedeuten?“
Rose zeigte auf die Mitte der Scheibe.
„Die Zielscheibe ist nicht eben.“
Ein Murmeln ging durch die Menge.
Sie erklärte, dass die Oberfläche leicht gewölbt war. Bei einem Treffer in der Mitte wurde der Pfeil zwar zunächst festgehalten, doch die Konstruktion dahinter veränderte bei jeder Belastung ihre Spannung. Das machte den nächsten Schuss unberechenbar.
Die Königin stand langsam auf.
„Wer hat diese Zielscheibe angefertigt?“
Der Berater antwortete nicht sofort.
„Majestät, sie wurde vor zwanzig Jahren von den königlichen Handwerkern gebaut.“
„Und wer hat sie seitdem gewartet?“
Wieder blieb er still.
Rose sah die Königin an.
„Ich glaube nicht, dass alle Teilnehmer gescheitert sind, weil sie schlecht geschossen haben. Vielleicht wurde die Prüfung so eingerichtet, dass der letzte Treffer besonders schwer wird.“
Die Menschen begannen durcheinanderzureden.
Ein älterer Mann aus der Menge rief:
„Mein Sohn hat vor zehn Jahren zweimal getroffen! Beim dritten Schuss ist sein Pfeil plötzlich abgeprallt!“
Eine Frau ergänzte:
„Mein Bruder hat dasselbe erlebt!“
Die Königin hob die Hand.
Sofort wurde es still.
„Wer bist du, Rose?“, fragte sie.
Rose senkte den Blick.
„Die Tochter eines königlichen Bogenschützen, Majestät.“
Die Königin runzelte die Stirn.
„Wie hieß dein Vater?“
„Thomas.“
Ein Ausdruck des Erkennens huschte über das Gesicht der Königin.
„Thomas aus dem Nordbezirk?“
Rose nickte.
„Er nahm vor zwanzig Jahren an dieser Prüfung teil. Er traf zweimal ins Schwarze. Beim dritten Versuch zerbrach sein Pfeil. Danach wurde ihm vorgeworfen, er habe betrogen.“
Die Königin sagte nichts.
Rose fuhr fort:
„Er verlor seine Stellung. Unsere Familie verlor unser Zuhause. Und bis zu seinem Tod behauptete er, dass mit dieser Zielscheibe etwas nicht stimmte.“
Nun war es vollkommen still.
Die Königin sah zur Zielscheibe.
„Warum hast du das nicht früher gesagt?“
Rose antwortete leise:
„Weil niemand die Tochter eines Mannes angehört hätte, den der Hof als Betrüger bezeichnete.“
TEIL 4 – DER WUNSCH, DEN NIEMAND ERWARTET HATTE
Der königliche Berater versuchte, die Situation zu beenden.
„Majestät, wir sollten diese Anschuldigungen nicht vor dem gesamten Reich diskutieren.“
Doch die Königin hob die Hand.
„Nein. Zwanzig Jahre lang haben wir diese Prüfung gefeiert. Wenn etwas daran falsch war, muss es ans Licht kommen.“
Sie befahl den Handwerkern, die Zielscheibe vollständig zu untersuchen.
Nach kurzer Zeit entdeckten sie eine verborgene Veränderung an der Halterung. Die Konstruktion war tatsächlich so verändert worden, dass sie sich bei wiederholten Treffern leicht verschob.
Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt sagen, wer dafür verantwortlich war.
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