Teil 2 –
Ich öffnete die Tür mit einem Lächeln auf den Lippen.
Doch dieses Lächeln verschwand augenblicklich.
Vor mir stand ein Mann, den ich niemals erwartet hätte.
Er hielt tatsächlich einen Blumenstrauß in der Hand. Neben ihm stand eine kleine Papiertüte, vermutlich mit Gebäck für unseren gemeinsamen Tee. Er trug eine elegante Jacke und lächelte freundlich.
Aber es war nicht der Mann, dessen Gesicht ich auf den Fotos der Dating-Plattform gesehen hatte.
„Guten Abend“, sagte er ruhig. „Darf ich hereinkommen?“
Ich starrte ihn an.
„Wer … wer sind Sie?“
Der Fremde runzelte die Stirn.
„Wie bitte? Wir haben doch monatelang miteinander geschrieben.“
Mir wurde kalt.
„Nein. Ich habe mit einem Mann namens Thomas geschrieben. Sie sind nicht Thomas.“
Er stellte die Blumen langsam auf den kleinen Tisch neben der Tür.
„Mein Name ist Thomas.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das ist unmöglich. Sie sehen überhaupt nicht aus wie auf Ihren Fotos.“
Er seufzte, als hätte er genau diese Reaktion erwartet.
„Ich kann Ihnen alles erklären. Bitte lassen Sie mich wenigstens fünf Minuten mit Ihnen sprechen.“
Doch ich trat nicht zur Seite.
„Woher haben Sie diese Fotos? Wer ist der Mann, mit dem ich die ganze Zeit geschrieben habe?“
Thomas senkte den Blick.
„Die Bilder waren nicht meine.“
In diesem Moment bekam ich ein ungutes Gefühl. All die freundlichen Nachrichten, die abendlichen Gespräche und die liebevollen Wünsche vor dem Schlafengehen schienen plötzlich eine ganz andere Bedeutung zu haben.
Ich wollte die Tür schließen.
Doch dann sagte er einen Satz, der mich erstarren ließ:
**„Bevor Sie mich wegschicken, sollten Sie wissen, dass der Mann auf diesen Fotos ebenfalls nicht derjenige ist, für den Sie ihn halten.“**
### Die erste Lüge
Ich blieb wie angewurzelt stehen.
„Was soll das heißen?“
Thomas holte tief Luft.
„Ich weiß, dass Sie seit Monaten mit einem Mann schreiben. Ich weiß auch, dass er Ihnen jeden Abend Nachrichten schickt und Ihnen erzählt, wie sehr er sich auf ein gemeinsames Leben freut.“
„Woher wissen Sie das?“
„Weil ich nicht zufällig hier bin.“
Ich griff nach meinem Telefon.
„Wenn Sie mir nicht sofort erklären, was hier vorgeht, rufe ich die Polizei.“
Er hob beschwichtigend die Hände.
„Das sollten Sie vielleicht sogar tun. Aber bitte hören Sie mir vorher zu. Ich bin nicht hier, um Ihnen etwas anzutun.“
Ich wusste nicht, ob ich ihm glauben sollte.
Schließlich ließ ich die Tür einen Spalt offen und blieb mit genügend Abstand stehen.
Thomas zog sein Handy aus der Tasche.
„Sehen Sie sich das an.“
Auf dem Bildschirm erschien ein Foto.
Es zeigte denselben Mann, dessen Gesicht ich seit Monaten kannte. Doch diesmal stand er neben Thomas auf einer Terrasse.
„Wer ist das?“, fragte ich.
„Mein jüngerer Bruder Daniel.“
Ich spürte, wie mir der Atem stockte.
„Ihr Bruder?“
Thomas nickte.
„Daniel hat vor einigen Monaten ein Profil auf dieser Plattform erstellt. Er hat mit Ihnen geschrieben und Ihnen Bilder geschickt. Aber er hat Ihnen nie gesagt, dass er verheiratet ist.“
Ich konnte kaum glauben, was ich hörte.
„Verheiratet?“
„Ja. Und seine Frau weiß nichts von Ihnen.“
### Ein Treffen, das niemals stattfinden sollte
Thomas erklärte, dass er vor wenigen Tagen eine Nachricht auf dem gemeinsamen Familiencomputer entdeckt hatte. Darin hatte Daniel geschrieben, dass er endlich eine Frau gefunden habe, mit der er sich eine Zukunft vorstellen könne.
Zunächst habe Thomas geglaubt, es handle sich um eine harmlose Unterhaltung.
Doch dann habe er die Fotos gesehen.
Und als er Daniels Namen auf der Dating-Plattform überprüfte, sei ihm aufgefallen, dass sein Bruder dort unter falschen Angaben unterwegs war.
„Warum erzählen Sie mir das?“, fragte ich.
Thomas schwieg kurz.
„Weil ich nicht möchte, dass Sie weiter belogen werden.“
Ich lachte bitter.
„Sie kommen also zu einer fremden Frau nach Hause, um ihr mitzuteilen, dass Ihr Bruder sie monatelang getäuscht hat?“
„Ich weiß, wie verrückt das klingt.“
„Und warum hat Daniel das Treffen nicht selbst abgesagt?“
Thomas sah mich ernst an.
„Weil er nicht vorhatte, Ihnen die Wahrheit zu sagen.“
Diese Worte trafen mich härter, als ich erwartet hatte.
Ich dachte an die vielen Abende, an denen ich auf seine Nachrichten gewartet hatte. An die kleinen Geschichten, die er mir erzählt hatte. An die Zukunftspläne, über die wir manchmal scherzhaft gesprochen hatten.
Und plötzlich fragte ich mich, ob auch nur ein einziges dieser Worte ehrlich gewesen war.
### Die Nachricht auf meinem Telefon
Während Thomas noch sprach, vibrierte mein Handy auf dem Tisch.
Eine neue Nachricht.
Von Daniel.
*„Meine Liebe, ich freue mich schon auf heute Abend. Ich hoffe, du hast etwas Schönes vorbereitet. Ich werde etwas später kommen. Warte bitte auf mich. ❤️“*
Ich las die Nachricht zweimal.
Dann zeigte ich sie Thomas.
Er schloss kurz die Augen.
„Er weiß also nicht, dass ich hier bin.“
„Nein“, antwortete Thomas. „Und genau deshalb muss ich Ihnen noch etwas sagen.“
Er öffnete eine weitere Nachricht auf seinem Handy.
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