Teil 2 –

Die junge Dienstmagd hob langsam ihre rechte Hand.

Ihre Finger waren rau, ihre Nägel kurz und ihre Haut von der täglichen Arbeit gezeichnet. Für einen Augenblick zögerte sie, denn das Gelächter im Saal wurde immer lauter.

„Na los!“, rief eine der adeligen Damen. „Wir wollen doch sehen, wie du dich blamierst!“

Der Prinz sagte kein Wort. Er beobachtete sie aufmerksam.

Das Mädchen atmete tief ein und führte ihre Hand an die Öffnung des Kristallhandschuhs.

Und dann geschah etwas Unfassbares.

Sobald ihre Fingerspitzen das Kristall berührten, begann der Handschuh in einem sanften goldenen Licht zu leuchten.

Das Gelächter verstummte.

Ein leises Klingen erfüllte die Halle. Die Edelsteine auf dem Sockel funkelten, als würden sie von innen heraus erstrahlen. Dann öffnete sich der Kristallhandschuh wie von selbst und glitt mühelos über ihre Hand.

Er passte.

Nicht nur das: Er saß so vollkommen, als wäre er eigens für sie angefertigt worden.

„Unmöglich!“, flüsterte die Tochter des Fürsten.

Eine andere Dame trat erschrocken zurück.

Der König erhob sich so abrupt, dass sein Stuhl über den Marmorboden scharrte.

„Nehmt ihr den Handschuh ab!“, befahl er.

Doch niemand bewegte sich.

Der Prinz trat vom Thronpodest herunter und betrachtete das Mädchen.

„Wie heißt du?“

Sie schluckte.

„Elena, Eure Hoheit.“

„Aus welcher Familie stammst du?“

„Ich … ich habe keine adelige Familie. Ich arbeite in der Palastküche.“

Ein Raunen ging durch die Halle.

Der König wurde blass.

Denn auf der Innenseite des Kristallhandschuhs erschien plötzlich eine winzige goldene Schrift, die zuvor niemand gesehen hatte.

Der Prinz beugte sich vor und las die Worte laut vor:

**„Das Blut erkennt, was die Welt vergessen hat.“**

### Das Geheimnis des Königs

Der König starrte Elena an, als hätte er einen Geist gesehen.

„Wer hat dir diesen Namen gegeben?“, fragte er mit angespannter Stimme.

„Meine Mutter, Majestät.“

„Und wie hieß deine Mutter?“

Elena zögerte.

„Isabella.“

Bei diesem Namen ließ der König seinen goldenen Kelch fallen.

Das Gefäß zerbrach auf dem Boden.

Die Königin, die bisher schweigend neben ihm gesessen hatte, griff nach seinem Arm.

„Nein …“, flüsterte sie. „Das kann nicht sein.“

Der Prinz blickte verwirrt zwischen seinen Eltern und dem Mädchen hin und her.

„Vater, was bedeutet das?“

Der König antwortete nicht.

Stattdessen befahl er den Wachen, die Türen der Halle zu schließen.

„Niemand verlässt diesen Raum, bis ich es angeordnet habe.“

Elena bekam Angst.

„Majestät, habe ich etwas falsch gemacht?“

Der Prinz stellte sich schützend neben sie.

„Sie hat nur an der Prüfung teilgenommen, die du selbst erlaubt hast.“

Der König sah seinen Sohn scharf an.

„Du weißt nicht, was du da sagst!“

Dann wandte er sich wieder Elena zu.

„Wo ist deine Mutter jetzt?“

„Sie ist vor drei Jahren gestorben.“

„Und hat sie dir jemals von deiner Herkunft erzählt?“

Elena schüttelte den Kopf.

„Sie sagte immer nur, ich solle freundlich bleiben, auch wenn andere Menschen mich schlecht behandeln. Mehr wollte sie mir nicht erzählen.“

Die Königin begann zu weinen.

Denn sie kannte diese Worte.

Sie hatte sie vor vielen Jahren selbst einmal gehört.

### Eine alte Geschichte wird wieder lebendig

Der König ließ den königlichen Archivar rufen.

Der alte Mann erschien wenige Minuten später mit einem schweren, ledergebundenen Buch.

„Majestät, was wünschen Sie?“

„Öffne das Buch der königlichen Geburten. Suche nach dem Namen Isabella.“

Der Archivar blätterte vorsichtig durch die vergilbten Seiten.

Schließlich blieb er stehen.

Seine Hände begannen zu zittern.

„Majestät …“

„Lies!“

Der alte Mann schluckte.

„Vor zweiundzwanzig Jahren wurde im Palast eine Tochter geboren. Ihre Mutter war Prinzessin Amalia, die jüngere Schwester des Königs. Das Kind erhielt zunächst den Namen Elena.“

Im Saal wurde es vollkommen still.

Der Prinz blickte zu dem Dienstmädchen.

„Elena?“

Der Archivar fuhr fort.

„Wenige Wochen nach der Geburt verschwand das Kind gemeinsam mit seiner Amme Isabella. Der damalige Hofarzt erklärte, das Mädchen sei verstorben. Die Amme wurde nie wieder gesehen.“

Elena schüttelte ungläubig den Kopf.

„Meine Mutter hat mich immer Elena genannt.“

Der König schloss die Augen.

„Weil du tatsächlich Elena bist.“

### Die Frau, die ein Geheimnis mit ins Grab nahm

Die Königin stand langsam auf.

„Amalia war meine Schwester“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Sie starb kurz nach der Geburt. Doch bevor sie starb, bat sie mich, auf ihr Kind aufzupassen.“

„Warum wurde mir dann erzählt, das Kind sei tot?“, fragte der Prinz.

Der König schwieg.

Schließlich erklärte er, dass es damals einen mächtigen Herzog namens Viktor gegeben hatte. Er wollte die Kontrolle über den Thron gewinnen und hatte behauptet, ein Kind aus der königlichen Familie könne seine Pläne gefährden.

Aus Angst vor einem Machtkampf hatte der damalige Hofrat beschlossen, das Neugeborene heimlich aus dem Palast zu bringen.

Isabella, die Amme, hatte sich geweigert, das Mädchen zurückzulassen. Sie floh mit dem Kind und zog es weit entfernt vom Königshof auf.

Der König hatte später erfahren, dass Isabella und das Mädchen verschwunden waren. Doch statt nach ihnen zu suchen, hatte er geschwiegen.