# Teil 2 –

Das Signal ertönte erneut.

Ein helles Licht durchschnitt die Dunkelheit und fiel direkt auf die Jacht.

„Was zum Teufel ist das?“, rief einer der beiden jungen Männer.

Sein Freund ließ das Handy sinken.

In diesem Moment wurde ihnen bewusst, dass die Situation längst nicht mehr unter ihrer Kontrolle stand.

Die junge Frau bewegte sich kaum noch. Ihr Kopf war nur noch schwer über der Wasseroberfläche zu erkennen.

„Wir müssen etwas tun!“, rief einer der Männer plötzlich.

„Warte! Wenn wir sie jetzt an Bord holen, haben wir ein Problem!“

„Ein Problem? Sie ist dabei, zu ertrinken!“

Zum ersten Mal stritten die beiden nicht darüber, wer den besseren Witz gemacht hatte. Sie stritten darüber, wie sie aus ihrer eigenen Grausamkeit herauskommen sollten.

Dann ertönte eine laute Stimme aus einem Lautsprecher:

„Hier spricht die Küstenwache! Stoppen Sie sofort und leisten Sie Hilfe!“

Die beiden erstarrten.

### Die Rettung, mit der niemand gerechnet hatte

Wenige Augenblicke später näherte sich ein Rettungsboot der Jacht. Mehrere Einsatzkräfte waren an Bord.

„Holen Sie die junge Frau sofort an Bord!“, befahl einer der Retter.

Die beiden Studenten wichen zurück.

„Es war nur ein Scherz!“, stammelte einer.

Doch niemand schenkte ihm Beachtung.

Die Rettungskräfte kümmerten sich um die junge Frau und brachten sie an Bord des Rettungsbootes. Sie wurde sofort medizinisch versorgt und anschließend in ein Krankenhaus gebracht.

Einer der Retter blieb bei ihr, während ein Kollege die beiden Männer aufforderte, an Bord ihrer Jacht zu bleiben.

„Wie heißen Sie?“, fragte er.

Die junge Frau konnte zunächst kaum sprechen.

Schließlich brachte sie mit schwacher Stimme ihren Namen hervor:

„Lena … Lena Weber.“

Der Retter nickte.

„Sie sind jetzt in Sicherheit, Lena. Wir kümmern uns um Sie.“

Sie schloss die Augen.

Doch bevor sie das Bewusstsein für ihre Umgebung verlor, flüsterte sie noch einen Satz:

„Bitte … lassen Sie meine Mutter nicht allein.“

### Die Nachricht erreicht ihre Mutter

Während Lena ins Krankenhaus gebracht wurde, saß ihre Mutter zu Hause am Küchentisch.

Sie hatte gerade eine Nachricht an ihre Tochter geschrieben:

*„Vergiss nicht, dich warm anzuziehen. Ich hoffe, du hast einen schönen Abend. Ich bin stolz auf dich.“*

Doch Lena antwortete nicht.

Zunächst machte sich ihre Mutter keine Sorgen. Sie wusste, dass ihre Tochter manchmal lange lernte und nicht ständig auf ihr Telefon schaute.

Dann klingelte plötzlich das Telefon.

Eine unbekannte Nummer erschien auf dem Display.

„Spreche ich mit Frau Weber?“, fragte eine ernste Stimme.

„Ja. Was ist passiert?“

„Ihre Tochter befindet sich im Krankenhaus. Sie wurde von der Küstenwache aus dem Meer gerettet.“

Die Tasse in ihrer Hand fiel auf den Tisch.

„Was? Wie geht es ihr? Wo ist sie?“

„Sie wird medizinisch betreut. Bitte kommen Sie so schnell wie möglich.“

Die Mutter stand auf, griff nach ihrem Mantel und verließ das Haus, ohne auch nur das Licht auszuschalten.

Auf der Fahrt zum Krankenhaus liefen ihr unzählige Gedanken durch den Kopf.

Wer hatte ihrer Tochter das angetan?

Warum war sie überhaupt nachts allein auf einer Jacht gewesen?

Und warum hatte niemand sie früher gewarnt?

### Zwei Handys und eine folgenschwere Entscheidung

Unterdessen wurden die beiden Studenten von den Einsatzkräften getrennt befragt.

Der Sohn des bekannten Unternehmers, Alexander, versuchte zunächst, ruhig zu bleiben.

„Wir wollten ihr doch nichts antun“, erklärte er. „Das war nur eine Mutprobe.“

Der zweite Student, Ben, nickte hastig.

„Genau. Sie hat alles falsch verstanden.“

Ein Beamter sah ihn ernst an.

„Sie haben eine Person gegen ihren Willen ins Meer gebracht und anschließend gefilmt. Was genau sollte daran lustig sein?“

Alexander verschränkte die Arme.

„Mein Vater wird das regeln.“

Der Beamte blieb unbeeindruckt.

„Ihr Vater war nicht auf dieser Jacht. Und er kann die Aussagen der Zeugen nicht ungeschehen machen.“

Ben blickte nervös auf sein Handy.

„Wir haben das Video gelöscht.“

„Das werden die zuständigen Ermittler überprüfen“, antwortete der Beamte.

Doch die beiden hatten etwas Entscheidendes vergessen.

Nicht nur sie hatten gefilmt.

Auch andere Menschen hatten ihre Aufnahmen gemacht.

Ein Fischerboot hatte sich in einiger Entfernung befunden. Dessen Besatzung hatte die Hilferufe gehört und die Küstenwache alarmiert. Außerdem hatte ein Passagier eines nahe gelegenen Bootes die Vorgänge teilweise mit seinem Handy dokumentiert.

Die Aufnahmen zeigten deutlich, dass Lena nicht freiwillig ins Wasser gegangen war.

Und damit war es nicht mehr möglich, die ganze Geschichte als harmlosen Scherz darzustellen.

### Im Krankenhaus öffnet Lena die Augen

Als Lenas Mutter im Krankenhaus eintraf, wartete bereits eine Ärztin auf sie.

„Ihre Tochter ist ansprechbar und wird überwacht“, erklärte sie. „Sie hat eine sehr belastende Situation erlebt. Wir müssen ihr Zeit geben, sich zu erholen.“

Die Mutter nickte, während ihr die Tränen über das Gesicht liefen.

Wenig später durfte sie zu Lena.

Ihre Tochter lag im Krankenhausbett. Als sie ihre Mutter sah, versuchte sie zu lächeln.

„Mama …“

Die Mutter nahm vorsichtig ihre Hand.

„Ich bin hier. Du musst jetzt nichts erklären.“

Lena begann zu weinen.