Michael stand noch immer wie erstarrt neben dem Untersuchungstisch. Seine Hände zitterten leicht, während er versuchte, die Situation zu begreifen. Vor wenigen Minuten hatte er geglaubt, eine weitere verstorbene Unfallpatientin untersuchen zu müssen. Jetzt lag dieselbe Frau vor ihm, öffnete die Augen und flehte ihn verzweifelt an, niemandem zu verraten, dass sie noch am Leben war.

„Bitte…“, flüsterte Sofia erneut. „Sie dürfen niemandem sagen, dass ich noch lebe. Vor allem nicht den Männern, die gerade vor der Tür stehen.“

Michael beugte sich etwas näher zu ihr.

„Wer sind diese Männer? Kennen Sie sie?“

Sofia schluckte schwer. Ihre Augen wanderten immer wieder zur Tür, als würde sie jeden Moment erwarten, dass jemand hereinkam.

„Der Mann im schwarzen Anzug heißt Victor. Er ist der Geschäftspartner meines Vaters. Zumindest hat er sich jahrelang als solcher ausgegeben. Aber er ist nicht der Mann, für den alle ihn halten.“

„Was meinen Sie damit?“

„Er hat meine Familie belogen. Er hat das Unternehmen meines Vaters übernommen, Konten verändert und wichtige Dokumente verschwinden lassen. Als ich herausfand, was wirklich passiert war, begann er plötzlich, mich unter Druck zu setzen.“

Michael blickte sie ungläubig an.

„Und Sie glauben, er steckt hinter Ihrem Unfall?“

Sofia antwortete nicht sofort. Sie schloss kurz die Augen, sammelte ihre Kräfte und begann dann zu erzählen.
Die Wahrheit hinter dem angeblichen Unfall
Vor drei Monaten hatte Sofia noch ein vollkommen anderes Leben geführt.

Sie wohnte in einem schönen Haus am Stadtrand und arbeitete in der Buchhaltung eines mittelständischen Familienunternehmens. Ihr Vater, Daniel, hatte die Firma vor mehr als dreißig Jahren gegründet. Er war ein angesehener Geschäftsmann, der sich seinen Erfolg durch harte Arbeit aufgebaut hatte.

Victor war seit vielen Jahren sein engster Geschäftspartner gewesen.

Als Daniel jedoch schwer erkrankte, übernahm Victor zunehmend die geschäftlichen Entscheidungen. Er behauptete, er wolle die Familie entlasten und das Unternehmen in eine sichere Zukunft führen.

Sofia vertraute ihm zunächst.

Schließlich kannte sie Victor seit ihrer Kindheit. Er hatte früher regelmäßig das Haus ihrer Familie besucht, Geburtstagsgeschenke mitgebracht und ihrem Vater bei geschäftlichen Schwierigkeiten geholfen.

Doch eines Tages erhielt Sofia eine Nachricht von einem ehemaligen Mitarbeiter ihres Vaters.

Der Mann behauptete, dass wichtige Firmenanteile ohne die Zustimmung ihres Vaters übertragen worden seien.

Zunächst hielt Sofia das für ein Missverständnis.

Doch als sie begann, die alten Geschäftsunterlagen zu überprüfen, entdeckte sie mehrere Unstimmigkeiten.

Einige Verträge trugen Unterschriften, die ihrem Vater zugeschrieben wurden, obwohl er zu den betreffenden Zeitpunkten bereits im Krankenhaus gelegen hatte.

Außerdem waren beträchtliche Geldbeträge auf Konten überwiesen worden, deren Existenz niemand in der Familie kannte.

Sofia begann, Beweise zu sammeln.

Sie fertigte Kopien wichtiger Dokumente an und bewahrte sie an verschiedenen Orten auf. Schließlich vereinbarte sie ein Treffen mit Victor, um ihn direkt mit ihren Entdeckungen zu konfrontieren.

Doch dieses Treffen sollte niemals stattfinden.

Am Abend ihres Unfalls war Sofia mit ihrem Auto auf dem Heimweg gewesen. Es hatte geregnet, die Straßen waren beinahe leer und sie hatte das Gefühl, dass jemand sie bereits seit einiger Zeit beobachtete.

Dann erinnerte sie sich nur noch an einen heftigen Aufprall und daran, dass sie das Bewusstsein verlor.

Als sie später wieder zu sich kam, hörte sie Stimmen.

Jemand sagte, dass sie nicht mehr zu retten sei.

Sie wollte sich bewegen, konnte jedoch kaum reagieren.

Sie hörte, wie die Rettungskräfte miteinander sprachen, und verstand, dass sie für tot gehalten wurde.

Danach verlor sie erneut das Bewusstsein.

Als sie im Leichenschauhaus wieder zu sich kam, bemerkte sie Michael.

Und nun wusste sie, dass ihre größte Angst wahr geworden war: Victor hatte sie gefunden.
Der Mann, der plötzlich alles wissen wollte
Michael hörte Sofia aufmerksam zu.

Er konnte kaum glauben, was sie erzählte. Gleichzeitig wusste er, dass er keine voreiligen Schlüsse ziehen durfte.

„Wir müssen dafür sorgen, dass Sie medizinisch versorgt werden“, sagte er schließlich. „Sie haben einen schweren Unfall hinter sich. Es ist wichtig, dass wir Ihren Zustand richtig untersuchen.“

Sofia nickte schwach.

„Ich weiß. Aber bitte rufen Sie nicht Victor an.“

„Das werde ich nicht tun.“

Michael griff nach seinem Telefon, um einen zuständigen Kollegen zu kontaktieren. Doch genau in diesem Moment hörte er Schritte auf dem Flur.

Dann klopfte es.

Dreimal.

Langsam und bestimmt.

Michael blickte zur Tür.

„Wer ist da?“

„Wir müssen noch einmal mit Ihnen sprechen, Doktor“, antwortete eine Männerstimme.

Es war einer der beiden Begleiter von Victor.

Michael sah Sofia an. Sie hatte sofort verstanden, wer vor der Tür stand.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Bitte lassen Sie mich nicht allein“, flüsterte sie.

„Keine Sorge“, antwortete Michael leise.

Er ging zur Tür und öffnete sie nur einen kleinen Spalt.

Draußen standen tatsächlich dieselben beiden Männer.

„Unser Auftraggeber hat noch eine Frage“, sagte der Größere von ihnen.

„Welche Frage?“

„Ob Sie während der Untersuchung irgendetwas Ungewöhnliches festgestellt haben.“

Michael blieb ruhig.

„Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Ich kann Ihnen deshalb keine endgültige Auskunft geben.“