Der Scheich saß vollkommen regungslos auf seinem Platz. Neben ihm schlief Emma tief und fest. Ihr Kopf ruhte auf seiner Schulter, während ihre Hände erschöpft in ihrem Schoß lagen.
Er betrachtete sie einige Sekunden lang schweigend.
In seinem ganzen Leben hatte es kaum jemand gewagt, ihm so nahe zu kommen. Er war ein Mann, vor dem selbst die mächtigsten Geschäftsleute der Stadt Respekt hatten. Sein Name stand für Reichtum, Einfluss und eine Persönlichkeit, die keine Widerrede duldete. Er war bekannt dafür, ungeduldig zu sein und niemals persönliche Schwächen zu zeigen.
Doch nun saß ausgerechnet dieser Mann still in einem Flugzeugsitz und wagte kaum, sich zu bewegen, damit eine völlig fremde Frau weiterschlafen konnte.
Einer seiner Leibwächter bemerkte die ungewöhnliche Situation und beugte sich vorsichtig zu ihm.
„Herr, möchten Sie, dass ich die junge Frau aufwecke? Sie scheint sich nicht bewusst zu sein, neben wem sie sitzt.“
Der Scheich warf ihm einen kurzen Blick zu.
„Nein. Lassen Sie sie schlafen.“
„Aber Herr, sie liegt bereits seit fast einer Stunde an Ihrer Schulter.“
„Und? Ist das ein Problem?“
Der Leibwächter verstummte sofort.
Einige Reihen weiter vorne hatten mehrere Passagiere die Unterhaltung mitbekommen. Eine ältere Dame flüsterte ihrem Mann zu, dass sie noch nie erlebt habe, wie ein Mann von diesem Ruf derart geduldig mit einem Fremden umging.
Der Scheich hörte die Bemerkungen, schenkte ihnen jedoch keine Beachtung.
Stattdessen nahm er vorsichtig seine teure Jacke und legte sie über Emmas Schultern. Die Klimaanlage im Flugzeug war ziemlich kalt, und er hatte bemerkt, dass die junge Frau während des Schlafens leicht fröstelte.
Dann fiel sein Blick auf ihre Handtasche.
Einige Unterlagen ragten heraus. Ein Flugticket, ein zerknitterter Brief und ein medizinisches Dokument, das offenbar schon mehrmals gefaltet worden war.
Er wollte nicht in den persönlichen Sachen einer Fremden stöbern. Doch auf dem Dokument konnte er einen Namen erkennen: Emma.
Daneben befand sich ein Foto eines älteren Mannes.
Der Scheich betrachtete das Bild einen Moment lang. Der Mann darauf lächelte freundlich. Auf der Rückseite des Fotos stand in handschriftlichen Buchstaben:
„Für meine geliebte Tochter. Ich bin stolz auf dich.“
Irgendetwas an diesem Satz ließ ihn nachdenklich werden.
Er blickte erneut auf Emma. Ihre Augen waren geschlossen, doch selbst im Schlaf wirkte ihr Gesicht angespannt, als würde sie eine große Sorge mit sich herumtragen.
Nach einigen Minuten öffnete Emma langsam die Augen.
Zunächst wusste sie nicht, wo sie sich befand. Dann bemerkte sie, dass ihr Kopf auf der Schulter eines fremden Mannes lag.
Sie richtete sich abrupt auf.
„Oh nein! Es tut mir unglaublich leid!“, stammelte sie. „Ich muss eingeschlafen sein. Ich wollte Sie wirklich nicht stören!“
Der Scheich blieb ruhig.
„Es ist schon gut. Sie müssen sich nicht entschuldigen.“
Emma bemerkte die Jacke auf ihren Schultern und nahm sie sofort ab.
„Das ist Ihre Jacke. Vielen Dank, aber ich kann sie Ihnen nicht einfach wegnehmen.“
Er nahm sie entgegen und fragte anschließend:
„Sie sehen sehr erschöpft aus. Haben Sie eine lange Reise hinter sich?“
Emma senkte den Blick.
„Eigentlich arbeite ich in einem kleinen Krankenhaus. Ich bin Krankenschwester. In den letzten Tagen mussten wir wegen des Personalmangels ständig zusätzliche Nachtschichten übernehmen. Ich hatte kaum Gelegenheit, mich auszuruhen.“
„Und wohin reisen Sie?“
Emma atmete tief durch, bevor sie antwortete.
„Mein Vater lebt in einer anderen Stadt. Sein Gesundheitszustand hat sich plötzlich verschlechtert. Die Ärzte haben gesagt, dass er dringend behandelt werden muss. Ich wollte so schnell wie möglich zu ihm, aber ich hatte nicht genug Geld für einen teuren Flug. Deshalb habe ich das günstigste Ticket genommen.“
Der Scheich hörte aufmerksam zu.
„Haben Sie Geschwister, die sich um ihn kümmern können?“
Emma schüttelte den Kopf.
„Nein. Meine Mutter ist vor einigen Jahren gestorben. Mein Vater hat mich allein großgezogen. Er hat immer alles für mich getan. Selbst als er krank wurde, hat er mir gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen und mich weiterhin auf meine Arbeit konzentrieren.“
Ihre Stimme begann zu zittern.
„Aber ich weiß, dass er Angst hat. Und ich habe Angst, dass ich zu spät komme.“
Für einen Augenblick herrschte zwischen ihnen völlige Stille.
Der Scheich sah aus dem Fenster. Er kannte dieses Gefühl besser, als Emma ahnen konnte. Auch er hatte in seinem Leben einen Menschen verloren, den er trotz seines gesamten Reichtums nicht hatte retten können.
Schließlich fragte er leise:
„In welchem Krankenhaus wird Ihr Vater behandelt?“
Emma nannte ihm den Namen der Klinik und zeigte ihm das Dokument mit den medizinischen Informationen.
Der Scheich überflog die Angaben. Als er den Namen des Krankenhauses las, veränderte sich sein Gesichtsausdruck.
Er kannte diesen Ort.
Das Krankenhaus gehörte zu einer medizinischen Stiftung, die vor vielen Jahren von seiner Familie gegründet worden war. Er selbst hatte einen erheblichen Teil der Finanzierung übernommen und verfügte über gute Kontakte zur Krankenhausleitung.
Er wandte sich an seinen persönlichen Assistenten, der einige Sitze entfernt saß.
„Khalid, kommen Sie bitte.“
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



