Der Scheich hob langsam die Hand.
Seine Leibwächter verstummten sofort.
Normalerweise genügte eine einzige Bewegung von ihm, damit Menschen im Raum nervös wurden. Er war bekannt für seine strengen Regeln, seine unerschütterliche Disziplin und seine kompromisslose Art. In Geschäftskreisen fürchteten ihn viele, und selbst seine engsten Mitarbeiter überlegten zweimal, bevor sie ihm widersprachen.
Doch jetzt saß eine fremde junge Frau neben ihm.
Ihr Kopf ruhte auf seiner Schulter. Ihre Hände lagen locker in ihrem Schoß, und ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig.
Emma hatte nicht einmal bemerkt, dass sie sich an ihn gelehnt hatte.
Sie war einfach eingeschlafen.
Einer der Leibwächter beugte sich vorsichtig vor.
„Herr Scheich, soll ich sie wecken?“
Der Scheich sah ihn an.
„Nein.“
Der Leibwächter blinzelte überrascht.
„Aber, mein Herr …“
„Habe ich mich unklar ausgedrückt?“
„Nein, mein Herr.“
Der Mann zog sich sofort zurück.
Der Scheich blickte wieder auf Emma.
Er bemerkte die dunklen Ringe unter ihren Augen, die müden Gesichtszüge und die kleinen Risse an ihren Händen. Ihre Kleidung war schlicht, ihre Reisetasche abgenutzt, und auf ihrem Schoß lag ein zusammengefaltetes Dokument.
Einige Minuten später rutschte Emmas Kopf ein wenig zur Seite.
Der Scheich bewegte sich kaum merklich, damit sie bequemer liegen konnte.
Ein älterer Passagier auf der anderen Seite des Ganges beobachtete die Szene ungläubig.
War das wirklich derselbe Mann, der vor wenigen Minuten noch einem Mitarbeiter mit wenigen Worten eine wichtige geschäftliche Entscheidung mitgeteilt hatte?
Der Scheich, der normalerweise nicht einmal zuließ, dass jemand ohne Erlaubnis seinen Sitzbereich betrat?
Er saß vollkommen still, nur damit eine erschöpfte Fremde weiterschlafen konnte.
Doch das war erst der Anfang.
Etwa zwanzig Minuten später kam eine Flugbegleiterin mit einem Tablett vorbei.
„Möchten Sie etwas trinken, mein Herr?“
Der Scheich nickte und deutete auf das Wasser.
Als die Flugbegleiterin das Glas abstellen wollte, bemerkte sie Emma.
„Soll ich die junge Dame wecken? Vielleicht möchte sie etwas essen.“
Der Scheich schüttelte den Kopf.
„Sie hat offenbar seit langer Zeit keine Ruhe mehr gefunden. Lassen Sie sie schlafen.“
Die Flugbegleiterin lächelte höflich.
„Natürlich.“
Dann fragte er:
„Könnten Sie mir bitte eine Decke bringen?“
„Selbstverständlich.“
Als sie zurückkam, nahm der Scheich die Decke entgegen und legte sie vorsichtig über Emmas Schultern.
Die Flugbegleiterin blieb einen Moment stehen.
Sie hatte bereits viele wohlhabende und einflussreiche Passagiere betreut. Doch so etwas hatte sie bei diesem Mann noch nie erlebt.
Einer der Leibwächter flüsterte seinem Kollegen zu:
„Ich glaube, ich träume.“
Der andere antwortete kaum hörbar:
„Sei still. Sonst hört er dich.“
Nach ungefähr einer Stunde bewegte Emma plötzlich den Kopf.
Sie öffnete langsam die Augen und blinzelte verwirrt.
Zuerst wusste sie nicht, wo sie war.
Dann bemerkte sie, dass sie auf der Schulter eines fremden Mannes lag.
Sie richtete sich erschrocken auf.
„Oh mein Gott! Es tut mir so leid!“
Sie wurde rot und strich sich hastig die Haare aus dem Gesicht.
„Ich wollte das wirklich nicht. Ich muss eingeschlafen sein. Bitte entschuldigen Sie!“
Sie sah den Mann neben sich an.
Als sie sein Gesicht erkannte, erstarrte sie.
Sie hatte seinen Namen schon oft in den Nachrichten gehört.
Scheich Karim Al-Fayed.
Der reichste Geschäftsmann der Region. Besitzer mehrerer internationaler Unternehmen, luxuriöser Hotels und großer Immobilienprojekte. In der Öffentlichkeit galt er als unnahbar, streng und beinahe einschüchternd.
Emma hatte sogar einmal einen Artikel über ihn gelesen, in dem er als „der Mann ohne Geduld“ bezeichnet worden war.
Und ausgerechnet sie hatte auf seiner Schulter geschlafen.
„Ich … ich wusste nicht, dass …“
Karim hob ruhig eine Hand.
„Es ist in Ordnung.“
Emma sah ihn ungläubig an.
„Wirklich?“
„Natürlich. Sie sahen aus, als hätten Sie Schlaf dringend nötig.“
Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.
„Danke“, murmelte sie.
Karim betrachtete sie kurz.
„Sie arbeiten im Krankenhaus?“
Emma blickte überrascht auf.
„Ja. Woher wissen Sie das?“
Er deutete auf ihren kleinen Ausweis, der aus ihrer Tasche ragte.
„Ihr Namensschild.“
Emma nahm ihn hastig heraus.
„Oh. Entschuldigung.“
„Sie müssen sich nicht ständig entschuldigen.“
Sie senkte den Blick.
„Das mache ich wahrscheinlich zu oft.“
Karim sagte zunächst nichts.
Dann fragte er:
„Wohin reisen Sie?“
Emma zögerte.
„Nach Al Noor. Mein Vater liegt dort im Krankenhaus.“
„Ist er krank?“
Ihre Augen füllten sich sofort mit Tränen.
„Ja. Er braucht dringend einen Eingriff. Ich habe gestern erfahren, dass sich sein Zustand verschlechtert hat. Ich wollte so schnell wie möglich zu ihm, aber ich musste erst noch meine Schicht beenden.“
Sie versuchte zu lächeln.
„Ich habe seit drei Tagen kaum geschlafen. Aber das ist nicht wichtig. Hauptsache, ich komme rechtzeitig an.“
Karim blickte sie aufmerksam an.
„Sind Sie allein unterwegs?“
„Ja. Meine Mutter ist vor einigen Jahren gestorben. Mein Vater hat mich großgezogen. Jetzt möchte ich einfach für ihn da sein.“
Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
„Er hat immer alles für mich getan. Jetzt bin ich an der Reihe.“
Karim sah kurz aus dem Fenster.
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