# Teil 2: 
Der Wagen rumpelte über die staubige Straße, während die Sonne langsam hinter den Bergen von Chihuahua versank.
Gabriel Serrano saß auf dem Kutschbock und hielt die Zügel fest in den Händen. Neben ihm saß Matilde Navarro, kerzengerade, die Hände ordentlich im Schoß gefaltet. Hinter ihnen drängten sich ihre vier Söhne auf der schmalen Sitzbank, die Knie aneinandergepresst und die Augen auf die vorbeiziehende Landschaft gerichtet.
Niemand sprach.
Nach etwa zwanzig Minuten räusperte sich Gabriel.
„Die Ranch liegt noch eine gute Stunde entfernt.“
„Das macht nichts“, antwortete Matilde.
„Der Weg ist nicht besonders bequem.“
„Wir sind schon auf schlechteren Wegen gefahren.“
Gabriel warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. Sie sagte das so ruhig, als wäre es eine Feststellung über das Wetter und nicht die Beschreibung eines Lebens, das ihn vermutlich mehr überrascht hätte, als er zugeben wollte.
Er versuchte es erneut.
„Die Jungen werden sich an die Arbeit auf der Ranch gewöhnen müssen.“
Matilde drehte den Kopf zu ihm.
„Meine Söhne sind nicht hier, um Ihre Arbeiter zu ersetzen.“
Gabriel runzelte die Stirn.
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Aber Sie haben es gemeint.“
Er öffnete den Mund, schloss ihn jedoch wieder.
Der älteste Junge, Esteban, beobachtete sie beide schweigend. Nicolás, der zwölfjährige Zweite, hatte den Arm um seinen jüngeren Bruder Julián gelegt. Antonio, der Sechsjährige, war inzwischen eingeschlafen und lehnte mit dem Kopf an Matildes Schulter.
Gabriel betrachtete die Kinder aus dem Augenwinkel.
Er hatte geglaubt, eine Haushälterin würde auf der Ranch einziehen, das Kochen übernehmen und dafür sorgen, dass seine sieben Arbeiter nicht länger jeden Abend dieselben Bohnen essen mussten.
Von vier Kindern hatte er gewusst.
Doch vier Kinder, die mit ihrer Mutter in sein Haus ziehen sollten, bedeuteten etwas ganz anderes, als er sich vorgestellt hatte.
Vor allem, weil er in den letzten zwei Jahren kaum ein Gespräch geführt hatte, das nicht mit Viehpreisen, Ernten oder kaputten Zäunen zu tun gehabt hatte.
Er war nicht sicher, ob er überhaupt noch wusste, wie man mit einer Familie lebte.
Als die Ranch schließlich in der Dämmerung vor ihnen auftauchte, hob Matilde unwillkürlich den Kopf.
Das Haupthaus war größer, als sie erwartet hatte. Es stand auf einer kleinen Anhöhe, mit breiten Veranden, weißen Fensterrahmen und einem roten Ziegeldach, das an einigen Stellen repariert werden musste. Dahinter erstreckten sich Weiden, Pferdekoppeln und ein langes Wirtschaftsgebäude.
Ein paar Arbeiter standen vor dem Stall und blickten dem Wagen entgegen.
Als Gabriel anhielt, kam ein älterer Mann mit grauem Schnurrbart näher.
„Don Gabriel“, sagte er und nahm seinen Hut ab. „Wir hatten nicht erwartet, dass Sie heute schon zurückkommen.“
Dann bemerkte er Matilde und die Jungen.
Sein Blick wanderte von einem zum anderen.
„Ah“, sagte er langsam. „Das muss dann wohl die neue Señora sein.“
Gabriel erstarrte.
Matilde ebenfalls.
„Die neue was?“, fragte sie.
Der ältere Arbeiter sah verwirrt zwischen ihnen hin und her.
„Die neue Señora. Der Verwalter hat gesagt, Sie würden eine Frau mitbringen, die künftig den Haushalt führt.“
„Das ist richtig“, sagte Gabriel hastig. „Doña Matilde wird sich um die Küche und das Haus kümmern.“
Matildes Gesicht wurde ausdruckslos.
„Natürlich“, sagte sie.
Doch Gabriel bemerkte, dass ihre Hände sich fest um den Stoff ihres Rockes geschlossen hatten.
Sie stieg aus dem Wagen, half Antonio herunter und wandte sich an ihre Söhne.
„Nehmt die Koffer. Wir gehen hinein.“
Keiner widersprach.
Gabriel blieb neben dem Wagen stehen und sah ihnen nach.
Er hatte das Gefühl, gerade etwas Wichtiges übersehen zu haben.
Aber er wusste noch nicht, was.
—
Das erste Abendessen auf der Ranch begann mit einem Missverständnis.
Gabriel hatte Matilde gebeten, für ihn und seine sieben Arbeiter zu kochen. Sie hatte daraufhin in der Küche die Ärmel hochgekrempelt, den Vorratsschrank geöffnet und begonnen, sich einen Überblick über die Lebensmittel zu verschaffen.
Was sie dort fand, ließ sie die Stirn runzeln.
Ein Sack Bohnen, etwas Maismehl, getrocknete Chilischoten, ein paar Zwiebeln und Fleisch, das dringend verarbeitet werden musste.
Sie drehte sich zu Gabriel um.
„Wann waren Sie das letzte Mal auf dem Markt?“
„Vor zwei Wochen.“
„Und wie lange essen Ihre Männer schon Bohnen?“
Gabriel zögerte.
„Einige Zeit.“
„Wie lange?“
„Etwa einen Monat.“
Matilde legte das Maismehl auf den Tisch.
„Ein erwachsener Mann kann nicht wochenlang von Bohnen und Mais leben und erwarten, dass seine Kräfte unbegrenzt bleiben.“
Gabriel verschränkte die Arme.
„Sie sind Rancharbeiter. Sie sind daran gewöhnt.“
„An harte Arbeit, ja. Nicht daran, schlecht versorgt zu werden.“
Er wollte widersprechen, doch Matilde hatte sich bereits wieder dem Vorratsschrank zugewandt.
„Ihre Männer brauchen mehr frische Lebensmittel. Eier, Gemüse, Obst, wenn es erhältlich ist. Und wir benötigen einen vernünftigen Speiseplan.“
„Sie sind hier, um zu kochen, Doña Matilde, nicht um meinen Betrieb zu führen.“
Sie drehte sich langsam um.
„Und Sie haben mich eingestellt, weil Sie jemanden brauchen, der sich mit einem Haushalt auskennt. Wenn Sie nur jemanden suchen, der jeden Abend dieselbe Mahlzeit auf den Tisch stellt, hätten Sie das vorher sagen sollen.“
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



