„Nein, mein Schatz. Niemand weiß bisher, was genau passiert ist. Aber wir werden es gemeinsam herausfinden.“

Meine Mutter legte ihre Hand auf meine.

„Es tut mir leid. Ich wollte dich beschützen. Aber ich habe verstanden, dass Schweigen nicht immer bedeutet, jemanden zu schützen.“

Ich sah auf das alte Foto.

Auf der Rückseite stand ein Datum.

Es war der Tag, an dem Daniel und ich uns zum ersten Mal begegnet waren.

Und darunter befand sich eine Adresse, die ich sofort erkannte.

Die Adresse eines kleinen Fahrradgeschäfts, das seit Jahren geschlossen war.

Ich stand langsam auf.

„Morgen fahren wir dorthin.“

Meine Mutter sah mich erschrocken an.

„Bist du sicher?“

Ich nickte.

„Ich möchte wissen, was Daniel mir sagen wollte. Und ich möchte nicht, dass Lily mit unbeantworteten Fragen aufwächst.“

In diesem Moment klingelte mein Telefon.

Eine unbekannte Nummer erschien auf dem Display.

Ich nahm ab.

„Hallo?“

Eine ältere Männerstimme antwortete:

„Spreche ich mit Daniels Frau?“

„Ja. Wer ist da?“

„Mein Name ist Herr Weber. Ich habe früher das Fahrradgeschäft an der alten Landstraße geführt.“

Ich hielt den Atem an.

„Was möchten Sie?“

Der Mann schwieg kurz.

Dann sagte er:

„Ich habe erfahren, dass Sie nach dem Fahrrad Ihres Mannes suchen. Es gibt etwas, das ich Ihnen damals nicht erzählt habe.“

Ich sah meine Mutter an.

Sie war plötzlich ganz blass geworden.

„Was denn?“, fragte ich.

Die Antwort des Mannes ließ mich das Telefon fester umklammern.

„Ihr Mann hat sein Fahrrad nicht zufällig dort zurückgelassen. Er hat es mir persönlich gebracht. Und er bat mich, etwas für Sie aufzubewahren.“

„Was sollte das sein?“

„Ein zweiter Umschlag.“

Ich blickte auf den Brief in meiner Hand.

„Was steht darin?“

Herr Weber atmete hörbar aus.

**„Das kann ich Ihnen nicht am Telefon sagen. Aber wenn Sie morgen zu mir kommen, werden Sie erfahren, warum Daniel Ihre Mutter ausgerechnet in jener Nacht treffen wollte.“**

Dann legte er auf.

Ich blieb regungslos stehen.

Meine Mutter nahm meine Hand.

„Jetzt verstehe ich“, flüsterte sie.

„Was verstehst du?“

Sie sah mich mit einem Ausdruck an, den ich noch nie zuvor bei ihr gesehen hatte.

„Daniel wollte mir nicht nur etwas über das Fahrrad erzählen.“

Sie blickte zu Lily.

„Er wollte mir etwas über unsere Familie sagen.“

Und plötzlich wurde mir klar, dass wir gerade erst am Anfang der Wahrheit standen.

**Denn was Herr Weber in seinem alten Geschäft aufbewahrte, sollte nicht nur erklären, was in jener Nacht geschehen war – sondern auch ein Geheimnis ans Licht bringen, das Daniel sechs Jahre lang mit sich herumgetragen hatte.**

*Fortsetzung folgt …*