Auf der Rückseite stand ein Satz:
„Vielen Dank, dass Sie meiner Tochter ihr Lächeln zurückgegeben haben.“
Goldies Vater rahmte das Foto ein und stellte es neben ein Foto seiner Frau.
Von da an weinte er manchmal noch, wenn er seiner Tochter die Haare bürstete.
Doch nun lag in diesen Tränen eher ein wenig Trost als Trauer.
Es vergingen einige Monate, seit Goldie sich die Haare hatte schneiden lassen.
Ihre neuen Haare reichten ihr inzwischen bis zu den Schultern. Sie konnte wieder rennen, ohne ständig ihren Zopf festhalten zu müssen, und beim Essen musste sie nicht mehr aufpassen, dass ihr die Haare in den Teller fielen.
Ihr Vater gewöhnte sich langsam an die Veränderung.
Jeden Morgen kämmte er ihr weiterhin die Haare. Früher hatte er dafür fast eine halbe Stunde gebraucht. Jetzt waren es nur noch wenige Minuten.
Trotzdem machte er es mit derselben Sorgfalt wie früher.
Er teilte die Strähnen, strich sie vorsichtig glatt und befestigte manchmal eine kleine Spange darin.
„Du musst das nicht mehr machen, Papa“, sagte Goldie eines Morgens.
Er lächelte.
„Ich weiß.“
„Warum machst du es dann?“
Er betrachtete sie im Spiegel.
„Weil ich das schon immer gern gemacht habe.“
Goldie lächelte und lehnte ihren Kopf kurz gegen seinen Arm.
Doch obwohl der Alltag langsam zurückkehrte, gab es etwas, das ihr Vater nicht loslassen konnte.
Er hatte das Foto des kleinen Mädchens mit der gespendeten Perücke auf seinem Nachttisch stehen. Daneben stand ein Bild seiner Frau, aufgenommen an ihrem siebzehnten Geburtstag.
Manchmal saß er abends davor und sprach leise mit ihr.
Er erzählte ihr von Goldies Schulnoten, von den kleinen Streitereien mit ihren Freundinnen und davon, dass sie inzwischen selbstständig ihre Haare bürsten konnte.
Es waren gewöhnliche Dinge.
Aber genau diese Dinge hätte er seiner Frau so gern selbst erzählt.
Eines Donnerstags kam Goldie von der Schule nach Hause und fand ihren Vater ungewöhnlich still am Küchentisch sitzen.
Vor ihm lag ein weißer Umschlag.
„Was ist das?“, fragte sie.
Er sah auf.
„Ein Brief von der Organisation, an die wir deine Haare gespendet haben.“
Goldie setzte sich neben ihn.
„Ist etwas passiert?“
Ihr Vater schüttelte den Kopf.
„Nein. Sie haben uns geschrieben, weil sie uns etwas mitteilen möchten.“
Er öffnete den Umschlag und begann zu lesen.
Die Organisation bedankte sich noch einmal für die Spende. Doch der eigentliche Grund des Schreibens war ein anderer.
Das kleine Mädchen auf dem Foto hieß Lily.
Sie war acht Jahre alt und hatte gerade eine schwierige medizinische Behandlung hinter sich. Ihre Familie hatte sich lange Sorgen gemacht, weil sie sich wegen ihres veränderten Aussehens kaum noch unter andere Kinder traute.
Die Perücke hatte ihr geholfen, sich wieder wohler zu fühlen.
Doch am Ende des Briefes stand etwas, womit Goldies Vater nicht gerechnet hatte.
Lily hatte gefragt, ob sie dem Mädchen, das ihr die Haare gespendet hatte, einen Brief schreiben dürfe.
Natürlich hatte die Organisation zugestimmt.
Der Brief lag ebenfalls im Umschlag.
Goldie nahm ihn vorsichtig heraus.
Die Schrift war ungleichmäßig und an einigen Stellen etwas verwischt.
„Liebe Goldie,
ich weiß nicht, wie du aussiehst, aber ich möchte dir trotzdem Danke sagen.
Ich hatte Angst, wieder in die Schule zu gehen. Ich dachte, alle würden mich anstarren.
Aber mit meiner neuen Perücke fühle ich mich wieder ein bisschen wie früher.
Meine Mama sagt, dass du deine Haare freiwillig gespendet hast.
Das finde ich sehr mutig.
Ich hoffe, du bist glücklich mit deinen neuen kurzen Haaren.
Deine Lily.“
Goldie las den Brief zweimal.
Dann sah sie ihren Vater an.
„Papa?“
„Ja?“
„Können wir ihr antworten?“
Er nickte.
„Natürlich.“
An diesem Abend saßen sie gemeinsam am Küchentisch. Goldie schrieb einen Brief, während ihr Vater ihr half, die richtigen Worte zu finden.
Sie erzählte Lily, dass sie früher sehr lange Haare gehabt hatte und manchmal wütend gewesen war, weil sie beim Spielen ständig im Weg waren.
Sie schrieb auch, dass sie ihre Haare vermisste.
Aber dann fügte sie einen Satz hinzu, den ihr Vater besonders lange betrachtete:
„Meine Mama hat einmal gesagt, dass etwas Schönes noch schöner wird, wenn man es mit jemand anderem teilt.“
Als Goldie fertig war, legte ihr Vater den Brief neben das Foto seiner Frau.
„Sie hätte dich dafür geliebt“, sagte er.
Goldie sah ihn an.
„Sie liebt mich doch noch, oder?“
Ihr Vater schluckte.
Dann zog er sie in seine Arme.
„Natürlich, mein Schatz. Daran wird sich niemals etwas ändern.“
Drei Wochen später kam eine Antwort.
Diesmal war es kein Brief von Lily allein.
Ihre Mutter hatte ein gemeinsames Foto beigelegt.
Darauf stand Lily mit ihrer neuen Perücke neben ihrer Mutter. Beide lächelten.
Auf der Rückseite hatte Lilys Mutter geschrieben:
„Wir wissen nicht, wie wir Ihnen danken sollen. Lily hat seit Wochen nicht mehr so unbeschwert gelacht.“
Goldies Vater betrachtete das Foto lange.
Dann fiel ihm etwas auf.
Die kleine Perücke hatte ein schmales blaues Haarband.
Er kannte dieses Band.
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