TEIL 2 – DAS GEHEIMNIS HINTER DER HOCHZEIT
Grace starrte ihren Sohn an.
„Was hat Beatrice getan, Caleb? Und warum soll Katherine dafür bezahlen?“
Caleb presste die Lippen zusammen. Seine Hände zitterten. Zum ersten Mal seit vielen Jahren erkannte Grace in seinem Gesicht nicht mehr den selbstbewussten jungen Mann, den sie großgezogen hatte, sondern jemanden, der von seiner eigenen Vergangenheit verfolgt wurde.
„Beatrice ist nicht einfach gestorben“, flüsterte er schließlich.
Grace erstarrte.
„Was soll das bedeuten?“
„Du weißt, dass sie vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam. Aber du weißt nicht, was in den Wochen davor passiert ist.“
Grace setzte sich langsam auf die Bettkante.
„Dann erzähl es mir.“
Caleb holte tief Luft.
„Beatrice war damals mit einem Mann zusammen, den sie heiraten wollte. Er hieß Daniel. Sie liebte ihn mehr als alles andere. Doch kurz vor der Hochzeit fand sie heraus, dass er sie betrogen hatte.“
„Und was hat das mit Katherine zu tun?“
Caleb sah seine Mutter an.
„Daniel war Katherines Bruder.“
Grace schlug die Hand vor den Mund.
Plötzlich ergaben einige Dinge einen Sinn. Die ungewöhnliche Spannung zwischen den Familien, die hastig arrangierte Hochzeit und Calebs merkwürdiges Verhalten während der gesamten Feier.
„Du hast Katherine geheiratet, um dich an ihrem Bruder zu rächen?“, fragte sie fassungslos.
Caleb nickte kaum merklich.
„Ich wollte, dass ihre Familie versteht, wie es sich anfühlt, jemanden zu verlieren, den man liebt.“
Grace erhob sich.
„Katherine ist nicht ihr Bruder! Sie hat dir nichts getan!“
„Du verstehst das nicht!“
„Nein, Caleb. Du bist derjenige, der nichts versteht!“
Er sprang auf.
„Beatrice hat wegen dieser Familie alles verloren! Sie konnte Daniel nicht vergessen. Sie hat sich zurückgezogen, kaum noch mit uns gesprochen und sich verändert. Und dann kam dieser Unfall!“
Grace schwieg einen Moment.
Sie erinnerte sich an die letzten Monate ihrer Tochter. An die stillen Abendessen, die unbeantworteten Anrufe und die vielen Male, in denen Beatrice gesagt hatte, sie wolle einfach nur weg.
Aber sie erinnerte sich auch daran, dass ihre Tochter niemals gewollt hätte, dass jemand für ihr Leid bestraft wurde.
„Beatrice hätte das nicht gewollt“, sagte Grace leise.
Caleb lachte bitter.
„Du weißt nicht, was sie mir erzählt hat.“
„Dann zeig es mir.“
Er zögerte.
Schließlich ging er zu seinem Schreibtisch, öffnete die unterste Schublade und holte einen kleinen Umschlag hervor.
Auf der Vorderseite stand in vertrauter Handschrift:
Für Caleb – wenn du irgendwann die Wahrheit wissen willst.
Grace erkannte die Schrift sofort.
Es war Beatrices Handschrift.
Caleb reichte seiner Mutter den Umschlag.
Darin befanden sich mehrere Seiten und ein altes Foto. Auf dem Foto standen Beatrice, Daniel und Katherine gemeinsam vor einem kleinen Café.
Grace begann zu lesen.
Schon nach den ersten Zeilen veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.
Beatrice schrieb, dass Daniel sie tatsächlich enttäuscht hatte. Doch sie erwähnte auch etwas anderes: Katherine hatte versucht, ihre Beziehung zu retten. Sie hatte Beatrice sogar gewarnt, dass Daniel ihr wichtige Dinge verschwieg.
Und dann kam der Satz, der Grace den Atem raubte:
„Katherine ist nicht diejenige, die mir wehgetan hat. Sie war die Einzige, die versucht hat, mich vor Daniel zu schützen.“
Grace hob langsam den Blick.
„Caleb … hast du diesen Brief jemals gelesen?“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich konnte nicht. Ich dachte, sie würde darin wieder über Daniel schreiben.“
„Dann hast du eine Frau bestraft, die deine Schwester offenbar sogar beschützen wollte.“
Caleb nahm den Brief zurück und überflog die Zeilen.
Sein Gesicht wurde kreidebleich.
„Nein … das kann nicht sein.“
„Doch“, antwortete Grace. „Du hast dich so sehr an deiner Wut festgehalten, dass du nicht einmal wissen wolltest, wer wirklich für Beatrices Schmerz verantwortlich war.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
Robert stand im Eingang.
„Grace, Katherine möchte dich sehen.“
Grace legte den Brief auf den Tisch und eilte ins Wohnzimmer.
Katherine saß auf dem Sofa, in eine Decke gehüllt. Ihre Augen waren gerötet, und ihre Hände umklammerten eine Tasse Tee, die sie kaum angerührt hatte.
Als Grace näher kam, wich Katherine instinktiv zurück.
„Bitte“, sagte Grace sanft. „Du musst keine Angst vor mir haben.“
Katherine blickte sie an.
„Ich wollte diese Hochzeit nicht so beginnen. Ich habe Caleb wirklich geglaubt, als er sagte, dass er mir eine Chance geben möchte.“
Grace setzte sich neben sie.
„Was ist heute Nacht passiert?“
Katherine schluckte.
„Er hat mir gesagt, dass er mich nur geheiratet hat, damit mein Bruder leidet. Er wollte, dass ich mich gefangen fühle. Er sagte, ich sollte endlich verstehen, wie Beatrice sich damals gefühlt hat.“
Grace schloss kurz die Augen.
„Es tut mir leid.“
Katherine sah sie überrascht an.
„Sie müssen sich nicht entschuldigen. Sie haben nichts getan.“
„Aber ich bin seine Mutter. Und ich hätte früher erkennen müssen, dass er sich in etwas verrannt hat, das ihn und andere Menschen zerstört.“
Katherine begann wieder zu weinen.
„Ich möchte nur nach Hause.“
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