„Jemand beobachtet uns.“
Kapitel 5: Die Frau, die sich nicht kaufen ließ
Zurück im Whitmore Tower wartete der Assistent bereits vor dem Aufzug.
Sein Name war Richard Hale.
Er war Anfang fünfzig, trug stets makellose Anzüge und galt als einer der loyalsten Mitarbeiter Alexanders.
„Herr Whitmore“, sagte er. „Ich habe Sie überall gesucht.“
Alexander blieb stehen.
„Warum?“
Richard lächelte.
„Die Vorstandssitzung wurde vorverlegt. Es gibt eine dringende Angelegenheit, die Ihre Aufmerksamkeit erfordert.“
Sein Blick wanderte zu Emily.
„Und wer ist diese junge Dame?“
„Emily Carter.“
Für einen kurzen Moment verschwand Richards Lächeln.
Es war kaum sichtbar.
Doch Emily bemerkte es.
„Carter“, wiederholte er. „Ein interessanter Name.“
„Kennen Sie meine Familie?“, fragte Emily.
Richard lachte leise.
„Ich kenne viele Familien. Das ist Teil meiner Arbeit.“
Alexander trat zwischen die beiden.
„Richard, ich möchte, dass Sie alle Termine für heute absagen.“
„Natürlich.“
„Und ich möchte, dass niemand Zugang zu meinem Büro erhält, bis ich zurück bin.“
Richard nickte.
„Wie Sie wünschen.“
Doch als Alexander sich umdrehte, sah Emily, wie Richard seine Hand in die Tasche gleiten ließ.
Er hielt sein Telefon.
Auf dem Bildschirm erschien eine Nachricht.
Nur wenige Worte waren zu erkennen.
Sie hat den Schlüssel.
Emily wurde kalt.
Sie wusste nicht, an wen Richard schrieb.
Aber sie wusste, dass er gelogen hatte.
Später, als Alexander mit seinem Sicherheitsteam sprach, bat Emily darum, kurz allein zu sein. Sie ging in einen kleinen Besprechungsraum und rief ihre Mutter an.
„Mama, ich muss dich etwas fragen.“
„Emily? Ist alles in Ordnung?“
„Kennst du einen Mann namens Richard Hale?“
Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.
Dann hörte Emily ihre Mutter scharf einatmen.
„Wo hast du diesen Namen gehört?“
„Er arbeitet für Alexander.“
Margaret sagte lange nichts.
Als sie schließlich sprach, zitterte ihre Stimme.
„Emily, hör mir gut zu. Dein Vater hat diesen Namen in einem seiner letzten Briefe erwähnt.“
„Was hat er geschrieben?“
„Dass Richard Hale einer der wenigen Menschen war, denen Alexander vertraute. Aber Daniel glaubte, dass jemand Hales Identität benutzte, um Zugang zu vertraulichen Unterlagen zu erhalten.“
Emily schloss die Augen.
„Du meinst, jemand könnte sich als er ausgegeben haben?“
„Ich weiß es nicht. Dein Vater hat den Brief nie beendet.“
„Warum hast du mir das nie erzählt?“
„Weil ich Angst hatte, dass die Vergangenheit zurückkommen würde.“
Emily blickte durch die Glastür.
Am Ende des Flurs stand Richard Hale.
Er telefonierte.
Als er bemerkte, dass Emily ihn ansah, lächelte er und steckte das Telefon weg.
Emily beendete das Gespräch mit ihrer Mutter.
Sie hatte nun zwei Möglichkeiten.
Sie konnte Alexander sofort alles erzählen und hoffen, dass er ihr glaubte.
Oder sie konnte abwarten und herausfinden, was Richard tatsächlich wusste.
Sie entschied sich für die Wahrheit.
Als sie den Besprechungsraum verließ, ging sie direkt auf Alexander zu.
„Ich muss mit Ihnen sprechen.“
Er erkannte ihren ernsten Gesichtsausdruck.
„Was ist passiert?“
Emily erzählte ihm alles.
Von der Reaktion ihrer Mutter. Von dem Brief ihres Vaters. Von der Nachricht auf Richards Telefon.
Alexander hörte schweigend zu.
Dann schloss er langsam die Augen.
„Ich hatte gehofft, dass ich mich irre.“
„Was meinen Sie?“
Er öffnete eine Schublade und nahm einen zweiten Umschlag heraus.
Darin befand sich ein altes Foto von einer Gruppe junger Männer vor einem Firmengebäude.
Alexander deutete auf einen Mann am Rand.
„Das ist Richard Hale.“
Emily betrachtete das Bild.
Dann runzelte sie die Stirn.
„Aber … das ist nicht der Mann, den ich heute getroffen habe.“
Alexander nickte.
„Genau.“
Er legte das Foto zurück in den Umschlag.
„Der echte Richard Hale ist vor zwölf Jahren aus meinem Unternehmen ausgeschieden. Der Mann, der heute meinen Namen schützt und meine Termine verwaltet, hat seine Identität angenommen.“
Emily spürte, wie sich der Raum um sie herum zu drehen schien.
„Wer ist er dann?“
Alexander sah zur Tür.
„Das weiß ich noch nicht.“
In diesem Augenblick ertönte der Feueralarm.
Mitarbeiter verließen ihre Büros. Türen öffneten sich, Stimmen hallten durch den Flur.
Alexander griff nach der Aktentasche.
„Bleiben Sie bei mir.“
Doch als sie den Aufzug erreichten, war der falsche Richard bereits verschwunden.
Auf dem Boden lag ein kleiner weißer Umschlag.
Emily hob ihn auf.
Darin befand sich ein einziges Foto.
Es zeigte ihren Vater, wenige Tage vor seinem Tod.
Auf der Rückseite stand:
Der Mann, den ihr sucht, ist nicht derjenige, der euch bedroht. Er ist derjenige, der euch beschützt.
Darunter stand ein Name.
Daniel Carter.
Emily starrte auf die Schrift.
„Mein Vater lebt nicht mehr“, flüsterte sie.
Alexander nahm ihr das Foto ab.
Sein Gesicht wurde aschfahl.
„Emily“, sagte er langsam. „Ich glaube, wir haben all die Jahre nach der falschen Wahrheit gesucht.“
Er drehte das Foto um und deutete auf den Hintergrund.
Dort, halb verborgen hinter einer Tür, stand ein Mann.
Ein Mann, den Alexander seit dreißig Jahren für tot gehalten hatte.
Und der Mann trug denselben Ring wie Richard Hale.
Fortsetzung folgt …
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