Dann kam der Anruf.

Es war kurz nach neun Uhr morgens, als mein Telefon klingelte. Eine unbekannte Nummer erschien auf dem Display.

„Spreche ich mit der Frau, die vor Kurzem ein dunkelgraues Sofa bei uns gekauft hat?“, fragte ein Mann.

Ich erkannte seine Stimme sofort. Es war der Verkäufer aus dem kleinen Möbelgeschäft.

„Was wollen Sie?“, fragte ich scharf. „Sie haben mir ein Sofa mit einer verwesenden Schlange darin verkauft!“

Am anderen Ende herrschte Stille.

Dann sagte er etwas, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Sie müssen mir zuhören. Haben Sie das Sofa noch?“

„Natürlich nicht! Ich habe es entsorgen lassen.“

„Haben Sie nur die rechte Armlehne geöffnet?“

Ich richtete mich langsam auf.

„Woher wissen Sie das?“

Der Mann atmete schwer. „Weil die rechte Armlehne nicht das Einzige ist, was Sie hätten überprüfen müssen.“

Bevor ich etwas erwidern konnte, legte er auf.

Ich starrte auf mein Telefon. Meine Gedanken überschlugen sich. Was sollte das bedeuten? Gab es noch etwas in diesem Sofa? Und warum wusste der Verkäufer so genau, wo ich geschnitten hatte?

Jerry begann plötzlich zu bellen.

Nicht zur Haustür. Nicht zum Fenster.

Er stand vor der leeren Stelle, an der die Couch gestanden hatte, und schnüffelte am Boden. Dann lief er zum kleinen Abstellraum neben der Küche und kratzte an der Tür.

Ich folgte ihm widerwillig.

Dort hatte ich die alten Möbelbeine und einige Holzstücke aufbewahrt, die ich vor der Entsorgung aus dem Sofa gelöst hatte. Eigentlich hatte ich sie längst wegwerfen wollen, aber der ganze Ärger hatte mich davon abgehalten.

Jerry schob seine Nase unter einen der Holzklötze und winselte.

Ich ging in die Hocke. Zwischen zwei Brettern klebte ein schmaler Streifen schwarzes Klebeband. Darunter ragte eine Ecke von etwas Silbernem hervor.

Ein Umschlag.

Mit zitternden Fingern zog ich ihn heraus. Er war staubig, an einer Seite eingerissen und mit einer dünnen Schnur verschlossen.

Auf der Vorderseite stand in verblasster Handschrift:

**„Nur öffnen, wenn das Sofa nicht mehr im Haus ist.“**

Ich bekam eine Gänsehaut.

Wer schrieb so etwas? Und warum sollte jemand eine Nachricht in einem Möbelstück verstecken?

Ich öffnete den Umschlag.

Darin lagen drei alte Fotografien, eine Quittung und ein gefaltetes Blatt Papier.

Die erste Fotografie zeigte das Sofa in einem Raum, den ich nicht kannte. Die zweite zeigte einen Mann, der neben der Couch stand. Sein Gesicht war teilweise im Schatten, doch ich erkannte ihn: Es war der Verkäufer.

Auf dem dritten Bild war die rechte Armlehne geöffnet. Daneben lag ein schwarzer Gegenstand, den ich nicht identifizieren konnte.

Dann las ich die Quittung.

Das Sofa war nicht einfach ein gebrauchtes Möbelstück gewesen. Es hatte ursprünglich einer Frau namens Marianne Keller gehört, die vor acht Jahren aus ihrer Wohnung verschwunden war.

Ich setzte mich auf den Boden.

Unter der Quittung lag der Brief.

*Wenn du das hier liest, bedeutet das, dass jemand das Sofa geöffnet hat. Ich weiß nicht, wer du bist, aber bitte glaube nicht, dass die Schlange der einzige Grund ist, warum ich dieses Möbelstück loswerden wollte.*

Meine Hände wurden kalt.

*In der linken Armlehne befindet sich etwas, das niemals in die Hände des Mannes gelangen darf, der es sucht. Ich konnte es nicht zur Polizei bringen. Er kennt dort jemanden. Ich musste es verstecken und verschwinden, bevor er bemerkte, dass ich es gefunden hatte.*

Der Brief endete mit einer Adresse und einem Satz, der mich nicht mehr losließ:

**„Wenn du wissen willst, was wirklich geschehen ist, suche nach dem blauen Haus.“**

Ich las die Zeilen dreimal.

Dann bemerkte ich das Datum auf der Rückseite des Briefes. Es war nur wenige Wochen alt.

Das war unmöglich. Die Couch sollte jahrelang in einem Lager gestanden haben. Wie konnte eine Nachricht darin so frisch sein?

Ich wollte gerade die Polizei anrufen, als mein Telefon erneut klingelte.

Diesmal war die Nummer unterdrückt.

„Haben Sie den Umschlag gefunden?“, fragte dieselbe Stimme.

Ich sprang auf.

„Wer sind Sie wirklich?“

„Hören Sie mir gut zu. Sie haben etwas gefunden, das Ihnen nicht gehört.“

„Dann erklären Sie mir, was in der linken Armlehne steckt!“

Er schwieg einen Moment.

Dann flüsterte er: „Wenn Sie die linke Armlehne öffnen, werden Sie verstehen, warum Marianne verschwinden musste.“

„Wo ist sie?“

Ich hörte ein leises Geräusch, als würde er sich von seinem Telefon entfernen. Als er wieder sprach, klang seine Stimme plötzlich panisch.

„Gehen Sie nicht zum blauen Haus. Ganz gleich, was Sie finden – gehen Sie nicht dorthin.“

Im Hintergrund knallte eine Tür.

Der Mann fluchte leise.

Dann sagte er nur noch: „Sie haben mich gefunden.“

Die Verbindung brach ab.

Ich stand reglos da. Jerry drängte sich an mein Bein und starrte zur Wohnungstür.

Wenige Sekunden später hörte ich Schritte auf dem Flur.

Jemand blieb direkt vor meiner Tür stehen.

Dann schob sich ein gefalteter Zettel unter dem Türspalt hindurch.

Ich wartete, bis die Schritte verklungen waren, bevor ich ihn aufhob.