Sie legte das Foto wieder auf den Tisch und verschränkte die Hände.
„Frau Schneider, der Mann auf diesem Bild heißt Victor Hansen. Er ist kein gewöhnlicher Geschäftspartner Ihres Mannes. Nach unseren bisherigen Erkenntnissen steht er mit einer Untersuchung in Verbindung, die bereits seit mehreren Monaten läuft.“
Daniel senkte den Kopf.
Laura begann erneut zu weinen.
„Ich wusste nicht, dass es so weit kommen würde“, flüsterte sie.
„Dann erzählen Sie uns endlich, was Sie wissen“, forderte die Polizistin sie auf.
Laura blickte zu Daniel. Er schüttelte kaum merklich den Kopf, doch diesmal ließ sie sich nicht einschüchtern.
„Daniel hat mir vor drei Monaten gesagt, dass wir gemeinsam eine wichtige Geschäftsreise unternehmen würden. Er erklärte, dass ich einige Dokumente transportieren müsse, weil er sie angeblich nicht persönlich mitnehmen könne.“
„Welche Dokumente?“, fragte die Polizistin.
„Ich weiß es nicht genau. Er hat mir nur gesagt, dass alles legal sei und ich mir keine Sorgen machen müsse.“
Daniel hob plötzlich den Kopf.
„Das stimmt nicht! Du wusstest genau, worum es ging!“
Laura zuckte zusammen.
„Nein, Daniel! Du hast mir gesagt, es seien vertrauliche Firmenunterlagen!“
Die Polizistin unterbrach beide.
„Wir werden Ihre Aussagen überprüfen. Herr Schneider, bitte lassen Sie Frau Weber ausreden.“
Ich saß regungslos auf meinem Stuhl.
Während die beiden stritten, wurde mir langsam bewusst, dass Daniel mich möglicherweise nicht zufällig auf diese Reise mitgenommen hatte.
„Darf ich etwas fragen?“, sagte ich.
Die Polizistin nickte.
„Warum hat mein Mann die Schachtel zuerst in meinen Koffer gelegt?“
Sie tauschte einen kurzen Blick mit ihrem Kollegen.
„Genau das versuchen wir herauszufinden.“
Dann erklärte sie mir, dass die schwarze Schachtel bei einer ersten Überprüfung Hinweise auf gefälschte Geschäftsdokumente und Unterlagen mit falschen Identitätsangaben enthielt. Die Ermittler müssten nun feststellen, wer diese Dokumente vorbereitet und wem sie tatsächlich gehörten.
Ich blickte zu Daniel.
„Du wolltest, dass ich damit durch die Sicherheitskontrolle gehe?“
Er antwortete nicht.
„Daniel, sieh mich an!“
Langsam hob er den Kopf.
„Es sollte nicht so laufen“, murmelte er.
„Was sollte nicht so laufen?“
Er rieb sich nervös über das Gesicht.
„Ich wollte die Unterlagen nur vorübergehend bei dir unterbringen.“
Mir wurde kalt.
„Du wolltest mich benutzen?“
„Ich hatte keine andere Wahl.“
„Du hattest keine andere Wahl, als deine eigene Frau in diese Situation zu bringen?“
Er schwieg.
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Ein weiterer Ermittler trat ein und übergab der Polizistin einen Ausdruck.
Sie las ihn aufmerksam und blickte anschließend zu Daniel.
„Herr Schneider, wir haben gerade die Herkunft eines Teils der Dokumente überprüft.“
Daniel wurde blass.
„Was haben Sie gefunden?“
„Die Unterlagen enthalten Angaben zu einem Unternehmen, das vor zwei Jahren auf den Namen Ihrer Ehefrau registriert wurde.“
Ich erstarrte.
„Was?“
Die Polizistin wandte sich mir zu.
„Frau Schneider, wussten Sie, dass auf Ihren Namen ein Unternehmen im Ausland eingetragen ist?“
Ich schüttelte sofort den Kopf.
„Nein. Ich habe niemals ein Unternehmen im Ausland gegründet.“
Daniel schloss die Augen.
Jetzt verstand ich, warum er so nervös gewesen war, seit wir am Flughafen angekommen waren.
Er hatte nicht nur etwas vor Laura verheimlicht.
Er hatte offenbar auch meine persönlichen Daten benutzt.
„Daniel“, sagte ich mit zitternder Stimme. „Was hast du mit meinem Namen gemacht?“
„Ich wollte dich da heraushalten.“
Ich lachte ungläubig auf.
„Mich heraushalten? Du hast meinen Namen auf Dokumenten verwendet, von denen ich nichts wusste!“
Die Polizistin hob beruhigend die Hand.
„Bitte bleiben Sie ruhig. Wir werden Ihre Beteiligung gesondert prüfen. Bislang bedeutet die Verwendung Ihrer persönlichen Daten nicht, dass Sie von den Vorgängen wussten.“
Zum ersten Mal seit Beginn der Befragung konnte ich wieder etwas freier atmen.
Doch dann geschah etwas Unerwartetes.
Laura stand langsam auf.
„Es gibt noch etwas, das Sie wissen müssen“, sagte sie.
Daniel drehte sich sofort zu ihr.
„Laura, tu das nicht.“
Sie ignorierte ihn.
„Victor Hansen ist nicht derjenige, der diese Unterlagen organisiert hat. Er sollte Daniel lediglich bei der Übergabe helfen.“
„Wer hat sie dann organisiert?“, fragte die Polizistin.
Laura sah mich direkt an.
„Eine Frau.“
„Welche Frau?“
Sie schluckte schwer.
Dann nannte sie einen Namen.
Ich hatte das Gefühl, der Boden würde unter meinen Füßen verschwinden.
Denn diesen Namen kannte ich nur zu gut.
Es war der Name meiner eigenen Schwester.
Claudia.
Meine Schwester, die mich seit unserer Kindheit kannte. Die bei meiner Hochzeit neben mir gestanden hatte. Die mich noch vor wenigen Wochen angerufen und gefragt hatte, ob Daniel und ich glücklich miteinander seien.
Ich konnte zunächst kein Wort sagen.
„Das kann nicht sein“, flüsterte ich.
Laura nickte unter Tränen.
„Sie hat Daniel schon vor Monaten kennengelernt. Und sie wusste genau, welche persönlichen Informationen sie von Ihnen bekommen konnte.“
Ich blickte langsam zu meinem Mann.
Daniel sagte nichts mehr.
Doch sein Schweigen war plötzlich lauter als jedes Geständnis.
Die Polizistin schloss die Mappe und erklärte, dass die Ermittlungen nun ausgeweitet würden. Daniel und Laura sollten weitere Fragen beantworten. Ich selbst sollte zunächst meine Aussagen bestätigen und anwaltliche Unterstützung erhalten.
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