„Das ist nicht fair.“

„Fair? Du hast mich hintergangen!“

„Ich habe versucht, den Mitarbeitern zu helfen, die Angst hatten, mit dir zu sprechen.“

Alexander trat näher.

„Du solltest vorsichtig sein, Thomas. Du bist Küchenchef. Wenn ich gehe, könnte dein Vertrag ebenfalls überprüft werden.“

Thomas blieb ruhig.

„Wenn ich meinen Arbeitsplatz nur behalten kann, indem ich schweige, dann ist es vielleicht an der Zeit, dass sich etwas ändert.“

Alexander starrte ihn an.

Diese Antwort hatte er nicht erwartet.

Seit Jahren waren die meisten Mitarbeiter zurückgewichen, sobald er seine Stimme erhoben hatte. Er hatte ihre Angst mit Respekt verwechselt und ihre Stille mit Zustimmung.

Nun stand ihm jemand gegenüber, der sich nicht einschüchtern ließ.

„Du wirst das bereuen“, murmelte Alexander.

Thomas schüttelte langsam den Kopf.

„Nein. Ich hätte früher etwas sagen sollen.“

Alexander wandte sich ab und ging.

Thomas sah ihm nach.

Er wusste, dass die nächsten Tage schwierig werden würden. Einige Mitarbeiter würden sich Sorgen machen, andere würden sich endlich trauen, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Doch er hoffte, dass das Restaurant eine Chance bekommen würde, sich zu verändern.

Was keiner von beiden bemerkte, war die junge Frau, die am Ende des Flurs gestanden und einen Teil des Gesprächs mitgehört hatte.

Sie trug eine schlichte schwarze Bluse und hielt ein Tablet in der Hand.

Als Alexander an ihr vorbeiging, senkte sie den Blick.

Er erkannte sie nicht.

Doch sie kannte ihn sehr gut.

Denn sie war die Mitarbeiterin, die vor drei Monaten eine Unregelmäßigkeit in den Buchungsdaten entdeckt hatte.

Und die Frau, die daraufhin ihre Stelle verloren hatte.
5. Die Rückkehr einer vergessenen Mitarbeiterin
Eine Stunde später betrat die junge Frau Claras Büro.

„Guten Morgen, Frau von Falkenstein.“

Clara blickte auf.

Für einen Moment schien sie überrascht.

Dann lächelte sie.

„Lena Hoffmann. Ich hatte gehofft, dass Sie kommen würden.“

Lena setzte sich und legte ihr Tablet auf den Tisch.

„Ich habe Ihre Nachricht erhalten. Sie baten mich, die Unterlagen noch einmal mitzubringen.“

„Ja. Ich möchte verstehen, was Sie damals entdeckt haben.“

Lena öffnete eine Datei.

„Vor drei Monaten habe ich festgestellt, dass mehrere Reservierungen im System verändert worden waren. Gäste hatten bestimmte Tische gebucht, aber ihre Reservierungen wurden kurz vor ihrer Ankunft auf andere Plätze verschoben.“

„Wer hat die Änderungen vorgenommen?“

„Die Benutzerkonten von Herrn Weber und Herrn Lehmann tauchten am häufigsten auf.“

Clara betrachtete die Aufzeichnungen.

„Haben Sie damals mit ihnen gesprochen?“

„Mit Herrn Weber. Er sagte, es handle sich um einen technischen Fehler. Als ich weitere Beispiele sammelte, wurde mir mitgeteilt, dass meine Arbeit nicht mehr benötigt werde.“

Clara legte das Tablet beiseite.

„Warum haben Sie sich damals nicht direkt an mich gewandt?“

Lena senkte den Blick.

„Ich wusste nicht, wie ich Sie erreichen sollte. Und ich brauchte meinen Arbeitsplatz. Ich hatte gerade erst angefangen, meine Familie finanziell zu unterstützen.“

Clara schwieg einen Moment.

„Es tut mir leid, dass Sie diese Erfahrung machen mussten.“

Lena wirkte überrascht.

Sie hatte mit vielen Fragen gerechnet. Vielleicht sogar mit Zweifeln.

Aber nicht mit einer Entschuldigung.

„Ich möchte Ihnen noch etwas zeigen“, sagte sie.

Sie öffnete eine zweite Datei.

Darin befanden sich Kopien von Rechnungen, Reservierungslisten und internen E-Mails.

Clara las mehrere Seiten aufmerksam durch.

Dann blieb ihr Blick an einer Nachricht hängen.

Sie war von Markus Lehmann an Alexander Weber geschickt worden.

Die Eigentümerin wird nächste Woche möglicherweise eine unangekündigte Prüfung durchführen. Wir sollten sicherstellen, dass alle offenen Buchungen vorher bereinigt sind.

Clara hob langsam den Kopf.

„Wann wurde diese Nachricht verschickt?“

„Vor vier Wochen.“

„Und was geschah danach?“

Lena öffnete eine weitere Tabelle.

„Einige Buchungen wurden geändert. Andere verschwanden aus dem internen Bericht. Ich konnte nicht feststellen, wer genau die Änderungen vorgenommen hat.“

Clara stand auf und ging zum Fenster.

Draußen begann es zu regnen.

„Lena, ich möchte, dass Sie mit unserer unabhängigen Buchprüferin zusammenarbeiten. Sie werden alle Unterlagen übergeben und Ihre Beobachtungen schriftlich festhalten.“

Lena nickte.

„Werde ich Ärger bekommen?“

Clara drehte sich zu ihr um.

„Sie werden fair behandelt. Und wenn jemand versucht, Sie wegen Ihrer Aussagen unter Druck zu setzen, informieren Sie mich sofort.“

Lena atmete tief aus.

Zum ersten Mal seit Monaten hatte sie das Gefühl, dass jemand bereit war, ihr zuzuhören.

Doch als sie das Büro verlassen wollte, klingelte Claras Telefon.

Es war Thomas.

„Frau von Falkenstein, Sie müssen sofort ins Restaurant kommen.“

„Was ist passiert?“

„Herr Lehmann ist gerade eingetroffen. Er hat versucht, auf das Finanzsystem zuzugreifen. Als ich ihn darauf angesprochen habe, hat er behauptet, Sie hätten ihm persönlich die Erlaubnis dazu gegeben.“

Clara schloss die Augen.

„Das habe ich nicht.“

„Das habe ich ihm auch gesagt.“

„Wo ist er jetzt?“

„Im Verwaltungsbüro.“

Clara griff nach ihrer Jacke.

„Ich komme.“
6. Der Mann, der sich selbst verriet
Als Clara das Verwaltungsbüro betrat, stand Markus vor einem geöffneten Computer.

Alexander saß einige Schritte entfernt auf einem Stuhl.

Beide verstummten sofort.

„Was tun Sie hier?“, fragte Clara.