Sie schloss die Mappe.

„Und jeder Mitarbeiter verdient es, mit Respekt behandelt zu werden.“

Dann ging sie in ihr Büro.

Alexander stand sofort auf, als sie eintrat.

„Frau von Falkenstein! Vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen.“

Clara legte ihre Mappe auf den Schreibtisch.

„Setzen Sie sich, Herr Weber.“

Er gehorchte.

„Ich möchte mich noch einmal für gestern Abend entschuldigen“, begann er. „Es gab offenbar ein Missverständnis. Ich wusste nicht, wer Sie waren.“

Clara setzte sich ihm gegenüber.

„Und wenn Sie es gewusst hätten?“

Alexander blinzelte.

„Wie bitte?“

„Wenn Sie gewusst hätten, dass ich die Eigentümerin bin, hätten Sie mir dann einen anderen Tisch angeboten?“

Er öffnete den Mund, doch sie hob eine Hand.

„Überlegen Sie sich Ihre Antwort gut.“

Alexander schluckte.

„Natürlich hätte ich Sie angemessen behandelt.“

„Das ist interessant.“

Clara schlug ihre Mappe auf und nahm ein Blatt heraus.

„Denn ich habe gestern Abend beobachtet, wie Sie mit einer älteren Dame gesprochen haben, die allein zum Essen gekommen war. Sie baten sie, ihren Tisch zu verlassen, weil eine Gruppe wichtiger Gäste früher eingetroffen sei. Als sie erklärte, dass sie reserviert hatte, sagten Sie ihr, sie solle sich nicht so anstellen.“

Alexander wurde rot.

„Das war eine Ausnahme.“

„Dann erklären Sie mir bitte diese drei schriftlichen Beschwerden.“

Sie legte weitere Dokumente auf den Tisch.

„Und diese Rückerstattungen, die ohne nachvollziehbare Begründung vorgenommen wurden.“

Alexander beugte sich vor.

„Ich kann alles erklären.“

„Das hoffe ich.“

Clara lehnte sich zurück.

„Denn gestern Abend war nicht der Grund, weshalb ich heute mit Ihnen spreche. Es war lediglich der Moment, in dem ich selbst gesehen habe, was mir andere seit Wochen berichten.“

Alexander blickte auf die Dokumente.

Zum ersten Mal erkannte er, dass er nicht einfach eine peinliche Begegnung wiedergutmachen musste.

Er musste erklären, was in seinem Restaurant tatsächlich vor sich ging.
3. Die Rechnung, die nicht stimmen durfte
Clara zog eine weitere Seite aus der Mappe.

„Herr Weber, haben Sie in den vergangenen sechs Monaten zusätzliche Gebühren für bestimmte VIP-Reservierungen eingeführt?“

Alexander räusperte sich.

„Wir haben gelegentlich Sonderleistungen berechnet. Das ist in dieser Branche nicht ungewöhnlich.“

„Wurden diese Gebühren in der offiziellen Preisliste aufgeführt?“

„Nicht alle.“

„Wurden sie in der Buchhaltung korrekt erfasst?“

Er zögerte.

„Soweit ich weiß, ja.“

Clara schob ihm eine Kopie hin.

„Dann können Sie mir sicherlich erklären, weshalb mehrere Zahlungen auf einem internen Konto verbucht wurden, das in den regulären Monatsberichten nicht auftaucht.“

Alexander starrte auf das Papier.

Sein Gesicht verlor die Farbe.

„Woher haben Sie das?“

„Das ist nicht die Frage, die Sie beantworten sollten.“

Sie sah ihn ruhig an.

„Ich möchte wissen, wer dieses Konto eingerichtet hat und wer Zugriff darauf besitzt.“

Alexander schwieg.

Clara wartete.

Sekunden vergingen.

Dann sagte er: „Ich habe das Konto nicht allein verwaltet.“

„Wer war beteiligt?“

„Markus Lehmann. Er arbeitet in der Verwaltung.“

Clara schrieb den Namen auf.

„Und wer hat die Zahlungen genehmigt?“

Alexander fuhr sich über die Stirn.

„Ein Teil wurde von mir freigegeben.“

„Ein Teil?“

„Andere Buchungen wurden automatisch übernommen.“

Clara sah ihn aufmerksam an.

„Herr Weber, ich gebe Ihnen die Gelegenheit, vollständig und wahrheitsgemäß zu antworten. Wenn Sie Fehler gemacht haben, müssen wir diese prüfen. Wenn Gelder falsch verbucht wurden, müssen wir herausfinden, warum. Aber ich werde keine Ausreden akzeptieren, die andere Mitarbeiter für Ihre Entscheidungen verantwortlich machen.“

Alexander blickte zum Fenster.

„Ich wollte niemandem schaden.“

„Das hoffe ich.“

„Ich habe versucht, das Restaurant erfolgreicher zu machen. Wir hatten hohe Kosten, anspruchsvolle Gäste und immer mehr Konkurrenz. Markus sagte, dass einige Sondergebühren üblich seien.“

„Und Sie haben nicht geprüft, ob diese Gebühren genehmigt waren?“

Er schwieg.

Clara schloss die Mappe.

„Dann wird unsere Buchhaltung die Unterlagen vollständig überprüfen. Bis dahin werden Sie keine Änderungen an den entsprechenden Konten vornehmen.“

Alexander hob den Kopf.

„Wollen Sie mich suspendieren?“

„Ich treffe keine endgültige Entscheidung, bevor die Fakten geprüft wurden.“

Er atmete erleichtert aus.

Doch dann fügte Clara hinzu:

„Das bedeutet nicht, dass Sie vorläufig weiterarbeiten werden wie bisher.“

Sie stand auf.

„Sie werden heute Ihre Zugangsdaten für die Finanzverwaltung abgeben. Ihre Aufgaben im operativen Bereich übernimmt vorübergehend Thomas. Und bis die Untersuchung abgeschlossen ist, werde ich alle Personalentscheidungen selbst prüfen.“

Alexander sah sie entsetzt an.

„Aber das ist mein Restaurant!“

Clara blieb stehen.

„Nein, Herr Weber. Es ist das Restaurant, in dem Sie arbeiten.“

Sie sah ihm direkt in die Augen.

„Und genau diesen Unterschied haben Sie offenbar vergessen.“
4. Der Küchenchef spricht die Wahrheit aus
Als Alexander das Büro verließ, wartete Thomas im Flur.

„Wie ist es gelaufen?“, fragte er vorsichtig.

Alexander blieb vor ihm stehen.

„Du wusstest davon.“

Thomas runzelte die Stirn.

„Wovon?“

„Von den Beschwerden. Von den Rechnungen. Von allem.“

„Ich wusste, dass es Probleme gab. Deshalb habe ich mit Frau von Falkenstein gesprochen.“

Alexander lachte kurz und ohne Freude.

„Natürlich. Du hast die Gelegenheit genutzt, um dich bei ihr beliebt zu machen.“

Thomas schüttelte den Kopf.