Fünf Jahre waren vergangen.

Anya war inzwischen zwölf Jahre alt. Ihre Brüder, Misha und Pavel, waren zu fröhlichen Jungen herangewachsen, die durch den Garten rannten, sich um Spielzeug stritten und jeden Abend dieselbe Frage stellten:

„Anya, erzählst du uns wieder die Geschichte von der Schubkarre?“

Anya lächelte dann immer und erzählte ihnen, wie sie durch den Schnee gegangen war, um sie ins Krankenhaus zu bringen. Sie ließ jedoch einen Teil der Geschichte aus: wie viel Angst sie gehabt hatte und wie sehr sie sich damals gewünscht hatte, selbst noch ein Kind sein zu dürfen.

Die Familie, die sie aufgenommen hatte, hielt ihr Versprechen. Anya und ihre Brüder blieben zusammen. Das Ehepaar, Elena und Viktor, behandelte sie mit Geduld und Liebe, ohne jemals zu versuchen, die Erinnerung an ihre Mutter auszulöschen.

Doch Anya hatte eine Frage, die sie nicht losließ.

Warum hatte ihre Mutter in ihrem letzten Notizbuch geschrieben, sie sollten niemandem vertrauen, der ihnen befahl zu schweigen?

Und warum hatte sie ihren Namen auf die letzte Seite geschrieben, als hätte sie gewusst, dass Anya eines Tages allein sein würde?

An ihrem zwölften Geburtstag beschloss Anya, nach Antworten zu suchen.

Sie bat Elena, sie zu dem alten Haus mit dem grünen Tor zu bringen. Das Gebäude war inzwischen verkauft worden, doch einige persönliche Gegenstände ihrer Mutter waren damals in Kisten verpackt und aufbewahrt worden.

Viktor holte die Kisten aus dem Abstellraum.

Darin lagen vergilbte Fotografien, ein kleines Stofftier, ein zerbrochener Bilderrahmen und der alte Wintermantel ihrer Mutter.

Anya strich über den Stoff.

„Diesen Mantel trug sie an dem Tag, an dem ich die Jungen ins Krankenhaus brachte“, sagte sie leise.

Elena nickte und setzte sich neben sie.

„Wenn du möchtest, schauen wir ihn gemeinsam durch.“

In einer Innentasche entdeckte Anya ein kleines, gefaltetes Stück Papier. Es war so tief hineingeschoben worden, dass es jahrelang niemand bemerkt hatte.

Darauf stand eine Adresse und darunter ein Name:

**Dr. Nikolai Sokolov.**

Anya kannte diesen Namen nicht.

Doch auf der Rückseite stand ein Satz in der Handschrift ihrer Mutter:

*Wenn Anya alt genug ist, die Wahrheit zu verstehen, soll sie erfahren, warum ich damals fortgegangen bin.*

Anya las die Zeile wieder und wieder.

„Elena“, flüsterte sie, „hat Mama uns vor jemandem versteckt?“

Elena nahm das Papier vorsichtig entgegen.

„Ich weiß es nicht, mein Schatz. Aber wir werden es herausfinden. Und du musst das nicht allein tun.“

Am nächsten Tag rief Viktor die Nummer an, die zu der Adresse gehörte. Nach einigen Versuchen meldete sich eine ältere Frau.

Als Viktor den Namen der Mutter erwähnte, wurde die Frau still.

„Woher haben Sie diesen Namen?“, fragte sie schließlich.

Viktor erklärte, dass ihre Tochter Anya bei ihm und seiner Frau lebte und dass sie einen alten Zettel gefunden hatten.

Am anderen Ende der Leitung war ein leises Schluchzen zu hören.

„Ich dachte, sie wäre längst fortgezogen“, sagte die Frau. „Bitte bringen Sie das Mädchen zu mir. Es gibt etwas, das sie wissen muss.“

Zwei Tage später fuhren Anya, Elena und Viktor in eine kleine Stadt, mehrere Stunden entfernt. Dort lebte die ältere Frau in einem bescheidenen Haus voller Bücher und Pflanzen.

Als sie die Tür öffnete und Anya sah, legte sie eine Hand vor den Mund.

„Du hast ihre Augen“, flüsterte sie.

Anya trat vorsichtig ein.

Die Frau stellte sich als Irina vor. Sie hatte früher gemeinsam mit Anyas Mutter in einer Klinik gearbeitet.

Bei einer Tasse Tee erzählte Irina, dass Anyas Mutter einst als Pflegehelferin gearbeitet hatte. Sie war zuverlässig, freundlich und hatte sich besonders um Familien gekümmert, die kaum Geld für medizinische Versorgung hatten.

Doch kurz vor der Geburt der Zwillinge hatte sie entdeckt, dass eine Person in der Klinik Unterlagen über mehrere hilfsbedürftige Familien verändert hatte. Es ging um Geld, das für Medikamente und Unterstützung vorgesehen gewesen war.

Anyas Mutter hatte Fragen gestellt.

Danach, so erinnerte sich Irina, sei sie plötzlich beschuldigt worden, selbst Unterlagen entwendet zu haben. Sie verlor ihre Stelle und zog mit ihren Kindern in eine andere Gegend.

„Sie wollte die Wahrheit beweisen“, sagte Irina. „Aber sie hatte Angst, dass ihr niemand glauben würde.“

Anya spürte, wie sich ihre Hände um die Teetasse schlossen.

„Hat sie deshalb in ihrem Notizbuch geschrieben, dass wir niemandem vertrauen sollen, der uns zum Schweigen bringen will?“

Irina nickte traurig.

„Ich glaube, sie wollte, dass du vorsichtig bist. Aber sie wollte niemals, dass du dein Leben lang Angst hast.“

Dann stand sie auf und holte eine kleine Schachtel aus einem Schrank.

„Sie hat mich gebeten, diese Schachtel aufzubewahren. Sie sagte, ich solle sie dir geben, wenn du alt genug bist, selbst Fragen zu stellen.“

In der Schachtel lagen einige Briefe, Kopien alter Dokumente und ein Foto.

Anya nahm das Foto heraus.

Darauf stand ihre Mutter vor der Klinik, neben einem jungen Arzt. Auf der Rückseite hatte sie geschrieben:

*Dr. Nikolai Sokolov weiß, was wirklich geschehen ist.*