Und genau das machte es für Evelyn noch schwerer, ihn anzusehen.
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## Kapitel 3: Das Geheimnis im Keller
Am nächsten Morgen saßen Evelyn, Thomas und Samuel am Küchentisch.
Adrian war in Untersuchungshaft, und die Aufnahmen aus dem Schlafzimmer waren den Ermittlern übergeben worden. Doch Samuel hatte die beiden gewarnt, dass die Beweise gegen Adrian allein nicht ausreichen würden, um das gesamte Netzwerk aufzudecken.
„Wir brauchen den ursprünglichen Grundstücksvertrag“, sagte er. „Thomas behauptet, dass dein verstorbener Vater ihn vor Jahrzehnten unterzeichnet hat.“
Evelyn runzelte die Stirn.
„Mein Vater war Schreiner. Er hatte mit Immobiliengeschäften nichts zu tun.“
„Das dachte ich auch“, erwiderte Thomas. „Bis ich herausfand, dass er kurz vor seinem Tod ein Grundstück gekauft hatte. Nicht weit von hier.“
Samuel breitete eine alte Karte auf dem Tisch aus.
Ein roter Kreis markierte ein Grundstück hinter Evelyns Haus.
„Das Land gehörte früher einer Stiftung, die ein Wohnheim für ältere Menschen betrieb“, erklärte er. „Vor vielen Jahren wurde die Stiftung aufgelöst. Ihre Unterlagen verschwanden, und das Grundstück ging durch mehrere Hände. Jetzt behauptet Adrians Firma, sie besitze sämtliche Rechte daran.“
„Aber mein Vater hat es gekauft?“
„Das müssen wir beweisen.“
Evelyn stand auf und ging zum Fenster.
Hinter dem Haus lag ein verwilderter Garten. Dort hatte ihr Vater früher Obstbäume gepflanzt. Als Kind hatte sie ihm oft geholfen, die Erde um die jungen Stämme zu lockern.
Sie erinnerte sich an etwas.
„Mein Vater hatte einen kleinen Keller unter der alten Werkstatt“, sagte sie. „Nach seinem Tod hat niemand ihn benutzt. Ich dachte, dort wären nur Werkzeuge.“
Thomas sah sie aufmerksam an.
„Hat er jemals etwas darin versteckt?“
Evelyn schwieg.
Dann erinnerte sie sich an einen Satz, den ihr Vater ihr kurz vor seinem Tod gesagt hatte:
*Wenn eines Tages jemand behauptet, dieses Haus gehöre ihm, such zuerst dort, wo wir unsere wichtigsten Dinge aufbewahrt haben.*
Damals hatte sie geglaubt, er spreche von Familienfotos und alten Möbeln.
Jetzt wusste sie es nicht mehr.
Sie gingen gemeinsam zur Werkstatt. Die Tür klemmte, und Staub bedeckte die Regale. Hinter einer Reihe alter Holzkisten fanden sie eine schmale Treppe, die zu einem niedrigen Keller führte.
Thomas schaltete eine Taschenlampe ein.
Der Raum war fast leer.
Nur an der hinteren Wand stand eine kleine Metalltruhe.
Evelyn kniete sich davor.
Das Schloss war alt, aber nicht beschädigt. Sie probierte mehrere Schlüssel aus ihrem Schlüsselbund, bis einer sich schließlich drehen ließ.
In der Truhe lagen alte Fotografien, ein vergilbtes Notizbuch und ein versiegelter Umschlag.
Auf dem Umschlag stand:
**Für meine Tochter Evelyn. Nur öffnen, wenn jemand versucht, dir dein Zuhause zu nehmen.**
Evelyn erkannte sofort die Handschrift ihres Vaters.
Sie setzte sich auf eine Holzkiste und öffnete den Brief.
*Meine liebe Evelyn,*
*wenn du diese Zeilen liest, ist etwas geschehen, vor dem ich dich immer schützen wollte.*
*Vor vielen Jahren habe ich herausgefunden, dass einige Menschen versuchen, die Grundstücke rund um das alte Wohnheim mithilfe gefälschter Urkunden an sich zu bringen. Ich habe Beweise gesammelt, weil ich nicht wollte, dass die Menschen, die dort leben, ihre Häuser verlieren.*
*Ich habe den ursprünglichen Vertrag in dieser Truhe aufbewahrt. Aber der Vertrag allein wird nicht reichen. Suche nach dem Namen, der im letzten Eintrag meines Notizbuchs steht.*
*Vertraue nicht jedem, der dir Hilfe anbietet. Manche Menschen lächeln, während sie dir etwas wegnehmen.*
*In Liebe, dein Vater.*
Evelyn wischte sich über die Augen.
Thomas legte eine Hand auf ihre Schulter, zog sie jedoch sofort zurück, als sie sich anspannte.
„Entschuldige“, sagte er leise.
Sie nickte nur und blätterte das Notizbuch auf.
Die ersten Seiten enthielten Zahlen, Namen und Grundstücksnummern. Auf den letzten Seiten waren mehrere Zahlungen vermerkt. Daneben standen die Namen von Personen, die offenbar an den Grundstücksgeschäften beteiligt gewesen waren.
Evelyn las die letzte Zeile.
Dann wurde ihr Gesicht vollkommen weiß.
Dort stand der Name:
**Adrian Vale.**
Darunter folgte ein zweiter Name.
**Richter Nikolaus Varga.**
Samuel nahm das Notizbuch vorsichtig entgegen.
„Das ist ernst“, sagte er. „Wenn diese Einträge echt sind, könnte ein ehemaliger Richter an der Manipulation von Eigentumsverfahren beteiligt gewesen sein.“
Thomas deutete auf eine kleine Notiz am Rand.
„Schau dir das Datum an.“
Es war nur wenige Wochen alt.
Jemand hatte das Notizbuch vor Kurzem geöffnet und einen zusätzlichen Vermerk eingetragen.
Evelyn kannte die Handschrift nicht.
Dort stand:
*Der letzte Vertrag liegt nicht im Haus.*
In diesem Moment hörten sie ein Geräusch über sich.
Eine Tür fiel ins Schloss.
Samuel hob sofort den Kopf.
„Sind wir allein im Haus?“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Als wir heruntergekommen sind, war niemand da.“
Samuel schaltete seine Taschenlampe aus und lauschte.
Schritte bewegten sich durch die Werkstatt.
Dann hörten sie eine Männerstimme.
„Ich weiß, dass ihr dort unten seid.“
Evelyn hielt den Brief ihres Vaters fest.
Die Stimme klang ruhig. Fast höflich.
„Frau Evelyn, ich bin nicht hier, um Ihnen etwas anzutun. Ich möchte nur den Vertrag zurückhaben.“
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