Irina schloss die Augen.
Plötzlich blitzten Erinnerungen auf.
Ein schwarzer Wagen.
Ein kalter Keller.
Jemand zwang sie, Dokumente zu unterschreiben.
Dann Dunkelheit.
Sie taumelte, doch Misha fing sie auf.
„Ganz ruhig.“
„Ich weiß jetzt, warum sie mich töten wollten“, flüsterte sie.
„Weil du die Wahrheit kennst?“
Sie nickte.
„Und weil ich Beweise versteckt habe.“
„Wo?“
Irina legte die Hand auf das Medaillon.
„Ich erinnere mich nicht vollständig… aber ich weiß, dass ich niemandem vertraute. Nicht einmal der Polizei.“
Am Abend kehrten sie nach Mishas Haus zurück.
Vor der Tür lagen frische Reifenspuren.
Die Haustür stand einen Spalt offen.
Misha griff nach einem Besenstiel.
„Bleib hinter mir.“
Vorsichtig betraten sie das Haus.
Alles war durchwühlt.
Schubladen standen offen.
Matratzen waren aufgeschlitzt.
Doch nichts war gestohlen.
„Sie haben etwas gesucht“, sagte Irina.
In diesem Moment hörten sie draußen einen Motor starten.
Misha rannte hinaus.
Ein schwarzer Geländewagen verschwand mit quietschenden Reifen auf der Landstraße.
Auf der Fensterbank lag nur ein einzelner Umschlag.
Darauf stand mit schwarzer Tinte:
„Du hättest tot bleiben sollen.“
Irina faltete den Brief langsam zusammen.
Zum ersten Mal hatte sie keine Angst mehr.
„Jetzt weiß ich“, sagte sie ruhig.
„Sie wissen, dass ich mich erinnere.“
Und irgendwo in der Dunkelheit beobachtete sie bereits jemand durch das Fernglas – entschlossen, das Geheimnis um Elena Sokolowa endgültig zu begraben.
Irina saß regungslos am alten Holztisch, während der Regen gegen die kleinen Fensterscheiben trommelte. Der Brief mit den bedrohlichen Worten lag noch immer vor ihr. Die schwarze Tinte war bereits leicht verlaufen, weil ihre Hände gezittert hatten, als sie ihn aufgehoben hatte.
„Du hättest tot bleiben sollen.“
Misha stellte schweigend eine Petroleumlampe auf den Tisch. Das warme Licht flackerte über die zerwühlte Stube. Schränke standen offen, Schubladen waren herausgerissen, Kleidungsstücke lagen auf dem Boden verstreut. Jemand hatte jeden Winkel des Hauses durchsucht – und doch war kein Geld, kein Schmuck und nicht einmal Mishas alte Uhr verschwunden.
„Sie wollten nichts stehlen“, sagte Misha schließlich.
Irina nickte langsam.
„Sie suchten etwas.“
Sie griff unbewusst an das silberne Medaillon um ihren Hals. Es fühlte sich plötzlich schwerer an als zuvor.
In dieser Nacht konnte niemand schlafen.
Misha saß mit einer Taschenlampe am Fenster und beobachtete die dunkle Straße. Irina lag auf dem schmalen Bett, doch jedes Geräusch ließ sie zusammenzucken. Immer wieder tauchten Bilder in ihrem Kopf auf.
Ein langer Flur.
Weiße Marmorböden.
Ein Mann mit grauem Anzug.
Eine Stimme.
„Wenn sie redet, verlieren wir alles.“
Sie fuhr erschrocken hoch.
„Misha!“
Er eilte sofort zu ihr.
„Was ist passiert?“
„Ich erinnere mich an eine Stimme.“
„Wessen?“
Sie schloss die Augen.
„Ich sehe sein Gesicht noch nicht. Aber ich weiß, dass er Angst vor mir hatte.“
„Warum?“
„Weil ich etwas gesehen habe.“
Am nächsten Morgen beschlossen sie, in die Stadt zu fahren.
Nicht zur Polizei.
Noch nicht.
Irina hatte das Gefühl, dass sie niemandem vertrauen konnte.
Stattdessen suchten sie den alten Hausmeister des Gebäudes auf, das früher der berühmten Anwaltskanzlei gehört hatte.
Der alte Mann war fast achtzig Jahre alt. Als er das Medaillon sah, veränderte sich sein Gesichtsausdruck sofort.
„Woher haben Sie das?“
„Es gehörte mir.“
Der Hausmeister betrachtete Irina lange.
Dann flüsterte er:
„Ich dachte, Sie wären tot.“
Misha hielt den Atem an.
„Sie kennen sie?“
Der alte Mann nickte langsam.
„Natürlich kenne ich sie.“
Er deutete auf Irina.
„Sie waren Elena Sokolowa.“
Irina schloss die Augen.
Der Name löste einen heftigen Schmerz in ihrem Kopf aus.
Plötzlich sah sie sich selbst.
Nicht arm.
Nicht verängstigt.
Sie trug einen eleganten dunklen Mantel.
Sie verließ ein Gerichtsgebäude.
Ein dicker Aktenordner befand sich unter ihrem Arm.
Jemand fotografierte sie.
Dann…
Ein schwarzer Lieferwagen.
Eine Hand presste ihr ein Tuch auf Mund und Nase.
Alles wurde dunkel.
„Sie waren die wichtigste Zeugin in einem Korruptionsprozess“, erklärte der Hausmeister.
„Gegen wen?“
Der alte Mann schaute sich vorsichtig um.
Selbst jetzt schien er Angst zu haben.
„Gegen Viktor Karelin.“
Der Name traf Irina wie ein Blitz.
Noch mehr Erinnerungen kehrten zurück.
Ein luxuriöses Büro.
Ein Safe.
USB-Sticks.
Verträge.
Versteckte Kameras.
Kontonummern.
Sie hielt sich den Kopf.
„Er hat Politiker bezahlt… Richter… sogar Polizeioffiziere…“
Der Hausmeister nickte traurig.
„Sie sammelten jahrelang Beweise.“
„Und dann?“
„Dann verschwanden Sie.“
Auf der Rückfahrt schwieg Irina fast die ganze Zeit.
Misha ließ sie in Ruhe.
Er wusste inzwischen, dass jede neue Erinnerung schmerzhaft war.
Als sie das Dorf erreichten, bemerkte Misha plötzlich einen weißen Geländewagen.
Er stand einige hundert Meter von seinem Haus entfernt.
Der Motor lief.
Die Scheiben waren schwarz getönt.
„Nicht anhalten“, sagte Irina sofort.
„Warum?“
„Ich glaube… sie warten auf uns.“
Misha fuhr langsam weiter, als hätte er nichts bemerkt.
Er bog jedoch nicht nach Hause ab.
Stattdessen fuhr er direkt zur kleinen Kirche am Dorfrand.
Der alte Pfarrer öffnete ihnen sofort.
„Bleibt heute Nacht hier“, sagte er.
„Ich glaube, ihr seid in Gefahr.“
Mitten in der Nacht hörten sie Motorengeräusche.
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