Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich die Wohnung wieder wie ein Zuhause an.

Und als Elitsa am Fenster stand und auf den Park hinausblickte, verstand sie endlich die Warnung ihrer Großmutter.

Eine Frau verliert nicht alles, wenn ein Mann sie betrügt.

Er verliert alles nur dann, wenn er seinen eigenen Wert vergisst.

# Kapitel 2: Der Brief, der alles veränderte

Drei Monate waren vergangen, seit Stefan die Wohnung verlassen hatte.

Elitsa hatte gelernt, wieder ruhig zu schlafen, ihren Morgenkaffee am Fenster zu trinken und am Wochenende Freunde einzuladen, ohne ständig auf die Uhr zu schauen. Sie hatte die Wände neu gestrichen, die alten Vorhänge ihrer Großmutter aufgehängt und das Wohnzimmer mit frischen Blumen geschmückt.

Manchmal tat die Erinnerung an Stefan noch weh. Doch sie vermisste nicht den Mann, der sie betrogen hatte. Sie vermisste den Menschen, für den sie ihn einst gehalten hatte.

An einem Dienstagmorgen klingelte es an ihrer Tür.

Vor ihr stand Maria.

Doch diesmal trug sie kein triumphierendes Lächeln. Ihr Gesicht war blass, ihre Augen waren gerötet, und in ihren Händen hielt sie einen großen braunen Umschlag.

„Elitsa, bitte. Ich muss mit Ihnen reden.“

Elitsa blieb in der Tür stehen.

„Wenn es um Stefan geht, interessiert mich das nicht mehr.“

„Es geht um etwas, das er Ihnen verschwiegen hat.“

Elitsa wollte die Tür schließen, doch Marias nächste Worte ließen sie innehalten.

„Ich bin nicht hier, um ihn zurückzubekommen. Ich glaube, ich habe ihn nie wirklich gekannt.“

Nach kurzem Zögern ließ Elitsa sie herein.

Maria setzte sich auf die Kante des Sofas und legte den Umschlag auf den Tisch.

„Nachdem Stefan ausgezogen war, hat er mich ebenfalls verlassen. Zuerst sagte er, er brauche Zeit. Dann behauptete er, seine Firma stecke in finanziellen Schwierigkeiten. Schließlich fand ich heraus, dass er mich nicht nur über seine Ehe belogen hatte.“

Elitsa verschränkte die Arme.

„Was hat das mit mir zu tun?“

Maria öffnete den Umschlag.

Darin lagen Kopien von Kontoauszügen, Überweisungen und mehreren Dokumenten mit Stefans Unterschrift.

„Er hat Geld von einem gemeinsamen Konto abgehoben, das wir für unser zukünftiges Kind eingerichtet hatten. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er, er habe es investiert. Aber das Geld ist verschwunden.“

Elitsa betrachtete die Papiere.

„Warum kommen Sie damit zu mir?“

Maria senkte den Kopf.

„Weil ich auf einer der Überweisungen Ihren Namen gesehen habe.“

Für einen Moment sagte keine der beiden Frauen etwas.

Dann nahm Elitsa das Dokument.

Es war eine Überweisung über eine beträchtliche Summe. Als Empfänger war eine Immobiliengesellschaft eingetragen. Darunter stand eine Referenznummer, die Elitsa nicht kannte.

Doch die Unterschrift am unteren Rand war eindeutig.

Stefan.

„Ich habe dieses Geld nie erhalten“, sagte Elitsa.

„Das dachte ich mir.“

Maria zog ein weiteres Blatt hervor.

„Und hier ist der Grund, warum ich glaube, dass er es absichtlich getan hat.“

Es war eine Kopie eines Kaufvertrags für eine kleine Wohnung am Stadtrand. Als Käufer war eine Gesellschaft eingetragen, deren Geschäftsführer Stefan war.

Das Kaufdatum lag mehrere Monate vor ihrer Konfrontation.

Elitsa starrte auf das Papier.

Stefan hatte offenbar längst einen Plan gehabt, der weit über seine Affäre hinausging.

## Die Wahrheit hinter den Überweisungen

Am selben Nachmittag brachte Elitsa die Unterlagen zu ihrer Anwältin, Frau Dimitrova.

Diese prüfte jedes Dokument sorgfältig und stellte mehrere Fragen zu den Herkunftsnachweisen der Gelder.

„Ich möchte Ihnen nichts versprechen, bevor wir die Unterlagen vollständig geprüft haben“, erklärte sie. „Aber wenn diese Dokumente echt sind, müssen wir klären, ob Geld ohne Zustimmung der Berechtigten bewegt wurde.“

„Kann Stefan auf meine Wohnung zugreifen?“, fragte Elitsa.

„Nach dem, was Sie mir über die Erbschaft und die Eigentumsunterlagen gezeigt haben, ist die Wohnung Ihr persönliches Eigentum. Trotzdem sollten wir sämtliche Dokumente sichern und uns nicht allein auf seine Aussagen verlassen.“

Elitsa nickte.

Sie hatte nicht vor, sich erneut in ein Drama hineinziehen zu lassen. Sie wollte Fakten, rechtliche Klarheit und einen Schlussstrich.

Am nächsten Tag erhielt sie einen Anruf von einer unbekannten Nummer.

„Frau Elitsa? Mein Name ist Nikolaj Petrow. Ich war früher Buchhalter in Stefans Firma.“

„Was möchten Sie?“

„Ich glaube, Sie sollten wissen, dass Ihr Ex-Mann nicht der einzige Mensch ist, der Geld verloren hat.“

Nikolaj erklärte, dass mehrere Geschäftspartner unbezahlte Rechnungen gemeldet hätten. Außerdem seien einige Buchungen über eine Firma gelaufen, die erst kurz vor Stefans Hochzeit gegründet worden war.

„Warum erzählen Sie mir das?“, fragte Elitsa.

„Weil ich damals Unterlagen gesehen habe, die mir merkwürdig vorkamen. Ich habe geschwiegen, weil ich meinen Arbeitsplatz nicht verlieren wollte. Jetzt habe ich erfahren, dass andere Menschen ebenfalls betroffen sein könnten.“

Elitsa atmete langsam aus.

„Ich werde keine Anschuldigungen verbreiten. Wenn Sie Beweise haben, übergeben Sie sie bitte meiner Anwältin.“

„Das werde ich.“

Zum ersten Mal seit Wochen spürte Elitsa keine Wut mehr.

Nur Entschlossenheit.

## Ein unerwarteter Besuch

Eine Woche später stand Stefan wieder vor ihrer Tür.

Er sah müde aus. Sein teurer Mantel war zerknittert, und seine sonst so selbstsichere Haltung war verschwunden.